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  • 31.01.2015

Deutschland der Ahnungslosen

Linke können also Wahlen gewinnen, zumindest in Griechenland. Natürlich brauchte es dafür schon besondere Umstände. Etwa: Zusammenbruch des bisherigen Parteiensystems, besonders links der Mitte. In sozialdemokratischen Vordenkerkreisen ist schon vom "Pasok-Moment" die Rede, und man sieht ihnen die Glieder schlottern, wenn sie davon reden. Gut möglich, dass es demnächst auch die spanische PSOE erwischt.

Syriza, das ist: eine neue Partei, die in der Lage ist, die Position der klassischen Sozialdemokratie als führende Mitte-links-Partei einzunehmen. Die aber auch antielitäre, populäre Emotionen für sich zu nutzen versteht. All das ist, wie gesagt, sehr besonderen Umständen geschuldet.

Aber der Schwung der Tsipras-Leute enthüllt, quasi negativ, auch die Schwäche der hergebrachten Linksmilieus, weit über die Sozialdemokratie hinaus. Sagen wir es offen und schonungslos: Womöglich ist ja die Eigenart und das Problem der zeitgenössischen Linken, dass sie die Mentalität von Besiegten hat. Mentalität von Besiegten heißt, dass man sich nichts zutraut, dass man allenfalls auf kleine Terraingewinne in einem Kampf um die Hegemonie hofft, dass man automatisch davon ausgeht, in einem an sich widrigen Umfeld höchstens das Schlimmste verhindern zu können oder allenfalls ganz kleine Reformschrauben drehen zu können. Und meistens ohnehin nur jammert. Und nie Klartext redet.

Lustig finde ich ja, dass Syriza-Chef Alexis Tsipras mit dem Label "linkspopulistisch" belegt wird, weil er nicht den Habitus fader technokratischer Vernunft ausstrahlt, der in den kontinentalen linksliberalen Regierungsmilieus vorherrschend geworden ist. Als wäre das ein Defizit! Wer so schreibt und redet, ist ganz offenkundig unfähig zu sehen, dass im Gegenteil gerade dieses blutleere und schwunglose Technokratentum das Defizit ist, das immer mehr Leuten das Gefühl vermittelt, keine Repräsentanten zu haben. Der grassierende Zorn der einfachen Leute bleibt unrepräsentiert, auf der rechten Seite darf sich die AfD daran genauso bedienen wie beispielsweise die Islamisten.

Was hingegen heute schon mit dem Label "linkspopulistisch" diskreditiert wird! Man gilt ja bereits als linkspopulistisch, wenn man nur Statistiken über die Vermögensverteilung zitiert und offen sagt, welchen Anteil die obersten ein Prozent davon besitzen. Die Statistiken des IWF zu referieren ist heute also schon linkspopulistisch.

Verantwortungsvoll ist dann offenbar, wenn man sie verschweigt. Bei der wunderbaren Tagung der SPD-nahen "Berliner Republik", die ich dieser Tage besuchte, sagte einer der Konferenzteilnehmer halb ironisch, das Problem sei eben, dass die SPD heute rechts vom IWF steht. Das Traurige daran ist, dass das - ganz jenseits aller Ironie - allerhöchstens eine Prise übertrieben ist. Um ehrlich zu sein, ist es tatsächlich eine sehr punktgenaue Analyse.

Die Nachwehen des griechischen Wahlganges zeigten, dass Deutschland drauf und dran ist, zum Problem in Europa zu werden. Der gesamte deutsche Diskurs von politischer Klasse und medialem Establishment ist hier mittlerweile völlig jenseits der europäischen Normalität.

Während alle großen europäischen Medien mit distanzierter, aber gleichzeitig auch interessierter Anteilnahme über die griechische Wende schrieben, dominierte hierzulande der geifernde Hetzstil, und zwar nicht nur bei Bild, sondern von Spiegel Online über FAZ bis zur SZ. Während hier selbst in linksliberalen Medien ein Zerrbild vom "radikalen Finanzminister" Janis Varoufakis gezeichnet wurde und ihm uralte und auch noch verfälschte Zitate in den Mund gelegt wurden, musste man schon die New York Times, den Guardian oder auch den erzkonservativen Telegraph lesen, um die Wahrheit zu erfahren: Globaler Ökonomie-Superstar, ein Postkeynsianer, kein Linksradikaler, wird Finanzminister Griechenlands! Der Popstar unter den Ökonomen hängt seine cosy texanische Professur an den Nagel, um den härtesten Job der Welt zu übernehmen! Wie spannend! Wie bewundernswert! Aber hierzulande: ein völlig anderer Spin.

Man muss ja nicht gleich von Meinungsmache oder gar Lügenpresse reden, aber ganz offensichtlich gibt es hier einen Konformitätsdruck, einen Magnetismus hin zu einem Mainstream, der Pluralismus grosso modo nur mehr im engen Rahmen des vom hegemonialen Merkel-Austeritätskurs Erlaubten zulässt. Und der ist mittlerweile völlig jenseits des europäischen Diskurses.

In der Griechenlandberichterstattung wird ganz Deutschland zu einer Art großem Tal der Ahnungslosen, das völlig out of touch mit der realen Welt ist.

Okay, ich übertreibe. Aber nur ein ganz klein wenig. Wirklich nur eine kleine Prise.

ROBERT MISIK