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  • 02.11.2007

Neue Freunde eines Toten

AUS ERFURT ASTRID GEISLER UND PHILIPP GESSLER

Aus der Kirche tönen schon die kantigen Akkordfolgen des Orgelvorspiels, als die kleine Gruppe dunkel gekleideter Gestalten auf den Hof des Klosters schreitet. Drei Männer stellen sich vor dem Bauzaun auf, einer setzt rote Friedhofskerzen auf den Schotterboden, eine blonde junge Frau entrollt zwei Transparente. Auf dem einen steht: "Hier starben 267 Erfurter Zivilisten im britischen Bombenterror am 25. 2. 1945 und Pfarrer Roland Weißelberg am 31. 10. 2006 aus Sorge um Deutschland".

Es ist Reformationstag, ein frostiger Herbstmorgen. Ein besonderer Moment im Kirchenjahr. Hier im Augustinerkloster an der Erfurter Comthurgasse rang der Mönch Martin Luther mit dem gerechten Gott. Hier wurde er vor 500 Jahren zum Priester geweiht. Und hier übergoss sich vor genau einem Jahr während des Gottesdienstes im Klosterhof ein Pfarrer mit Benzin und zündete sich an. "Uns hat dieser Flammentod sehr aufgerüttelt", sagt Peter Hild, einer der Demonstranten. "Wir wollen heute für Roland Weißelberg sprechen, weil er das physisch nicht mehr kann."

Hild, ein Mittdreißiger aus Potsdam, trägt einen jägergrünen Altherrenhut auf dem Kopf und einen Packen Flugblätter unterm Arm. Er gehört zu einem rechten Zirkel, den Jungen Konservativen, und hat in den vergangenen Wochen im Internet dazu aufgerufen, am Reformationstag zum Erfurter Augustinerkloster zu pilgern. Ein junges Paar ist aus Lippe in Westfalen angereist und hat im Buggy den Nachwuchs mitgebracht, andere kommen aus Kassel oder Leipzig. Auch ein grauhaariger Herr aus Erfurt hat sich dazugestellt. Keiner ist Weißelberg je persönlich begegnet. Aber darum geht es auch nicht. "Hochrechnungen zeigen, dass wir 2050 in Deutschland mehr Muslime als Nichtmuslime haben werden", sagt der Erfurter halblaut. "Leider wird das Problem hier im Osten noch nicht so wahrgenommen. Die Kirche ignoriert, welche Verdrängungsgefahr vom Islam ausgeht."

Vor einem Jahr hatte sich die Nachricht vom Feuertod des pensionierten Dorfpfarrers Roland Weißelberg aus Windischholzhausen bei Erfurt rasant im ganzen Land, ja weltweit verbreitet. Nur Stunden nachdem der 73-Jährige gestorben war, jagten Nachrichtenagenturen erste Deutungen der Tat über die Ticker: "Pfarrer verbrannte sich aus Angst vor Islam." Fernsehteams rückten an, Zeitungen berichteten über das Fanal in der Baugrube. Weißelbergs Witwe hatte der Erfurter Pröbstin nach dem Tod ihres Mannes gesagt, die Sorge um die Ausbreitung des Islams habe ihn zu der Tat getrieben.

Es dauerte nicht lange, da war der tote Rentner aus Thüringen für manche zum Helden geworden. Schon am Totensonntag 2006 stellte sich eine Gruppe an der Baugrube auf, wo die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Klosterbibliothek neu errichtet werden soll. Weißelberg, teilten Teilnehmer in einem Bericht über die Aktion auf ihrer Internetseite mit, habe sich "aus Protest gegen die gutmenschelnde Gesellschaftsträumerei und selbstvergessene Haltung mancher Oberen der evangelischen Kirche und den sich unwidersprochen in Deutschland ausbreitenden Islam" umgebracht. Auch die "Republikaner" priesen seinen "Ruhm und Glauben" und versprachen, Weißelbergs "Vermächtnis" anzunehmen: "Sein Opfer soll nicht umsonst gewesen sein." Moscheegegner gedenken auf ihrer Homepage des "mutigen und großen Mannes".

Das Vermächtnis des Pfarrers wird auch in den Internetforen radikaler Islamgegner gepflegt. Es sind Plattformen wie Politically Incorrect (PI), wo jedermann rund um die Uhr nach Herzenslust seine Abscheu über Muslime ausgießen darf. Die Seite gehört inzwischen zu den meistgelesenen politischen Blogs in Deutschland, nach eigenen Angaben zählt PI täglich bis zu 20.000 Besucher. PI hat nicht nur die Mahnwache zu Weißelbergs erstem Todestag angekündigt. Der Gründer der Plattform, Stefan Herre, erinnerte beim Kirchentag in Köln mit schwarz-weißen Ansteckern an den Suizid. Ein Foto der Aktion findet sich auf der Website. "Wer hat Pfarrer Weißelberg getötet?", steht auf einem Button an seiner Brust.

Mit von der Partie war damals auch der Vertreter der Internetseite Deus Vult. "Gott will es!" - mit diesem Schlachtruf waren die Kreuzritter in den Orient eingefallen. Stolz notieren die Betreiber der Website, sie seien nach dem Suizid des Pfarrers "als erste ,Anti-Islam-Truppe' vor Ort" gewesen, hätten einen Kranz mit gelbem Band abgelegt: "Möge Ihr Opfer gute Früchte tragen!"

Wollte Roland Weißelberg das bezwecken? Ein Fanal gegen den Islam?

Seine Witwe hat einen Abschiedsbrief gefunden. Ob darin vom Islam die Rede ist, weiß Pröpstin Elfriede Begrich bis heute nicht. Ingelore Weißelberg will den Brief nicht veröffentlicht wissen. Ein Gespräch mit der taz sagt sie erst zu, dann wieder ab. Gründe nennt sie nicht. Was man vom Islamismus halte, fragt sie am Telefon und betont, ihr Mann habe mit Rechten nichts zu tun gehabt. "Sein Tod bleibt ein Rätsel", sagt Pröbstin Begrich. Drei Tage vor der Mahnwache sitzt sie in ihrem Büro, sie trägt Jeans, hohe Lederstiefel und einen Wollpullover. Bruder Weißelberg, sagt sie, "war penetrant, aber nicht verbissen", immer wieder sei er auf den Islam gekommen. Bei Pröpstin Begrich ist Empörung, fast Wut über Weißelberg zu spüren. Die 60-Jährige nimmt einen Leserbrief des Pfarrers an eine Regionalzeitung aus einem Ordner, geht ihn noch einmal durch. Das Schreiben soll der Witwe zufolge Hinweise auf sein Motiv geben. Weißelberg fordert darin den "Protest" der Kirche. "Aber gegen wen denn nun?", fragt Begrich kopfschüttelnd, "so deutlich ist das alles nicht."

Begrich war zu DDR-Zeiten in der Opposition, sie war Pfarrerin in der Berliner Gethsemanekirche, manchmal berlinert sie noch. In Weißelbergs Suizid erkennt sie vor allem "Lebens- und Glaubensmüdigkeit". Und außer, dass er stundenlang Heine und Hölderlin habe rezitieren können, fällt ihr nicht viel zu ihm ein: "Er war blass." Rechts sei er nicht gewesen, seufzt sie, "aber links war er ooch nich". Dann sagt sie: "Immer, wenn es darauf ankam, hat er sich in Hölderlin geflüchtet."

Sie weiß, dass im Internet zu einer Mahnwache für den Toten aufgerufen wird. Sie hält nichts von den Gruppen, die Weißelberg nun "instrumentalisieren". Seine Tat, sagt sie bitter, sei "kein Zeichen von Opposition gewesen, sondern von Selbstaufgabe".

Wo die Baustelle endet, liegt die Klosterstube. Schwester Ruth, 66, bietet hier Seelsorge an, die gebürtige Schweizerin lebt mit evangelischen Ordensfrauen im Kloster. Sie hat mit dem sterbenden Weißelberg gebetet, draußen in der Grube. Sie kniete neben ihm nieder und segnete ihn: "Ich habe ihn in die Hände Gottes einbefohlen - so wie ich es mit jedem sterbenden Menschen tue." Schwester Ruth meint, mit seinem Selbstmord habe sich Weißelberg eigentlich "gegen Gott gewendet", denn der sei Herr über Leben und Tod. Ihrer Interpretation nach war der Freitod Weißelbergs weniger gegen den Islam gerichtet als vielmehr eine Mahnung an die Kirche. Die Kirche müsse "deutlich zeigen, was ihr Kerngeschäft ist", meint sie und ballt kurz die Faust - "so deutlich wie der Islam". Wenn manche den Pfarrer nun als Märtyrer im Kampf gegen den Islam verstünden, wäre das nicht in seinem Sinn: "Das", sagt Schwester Ruth, "wollte er auf keinen Fall."

Was aber war dann Weißelbergs Anliegen?

Auch in seinem früheren Pfarrhaus in Windischholzhausen weiß man darauf bis heute keine rechte Antwort. Pfarrer Uwe Edom und Roland Händel rätseln über das mögliche Motiv. Edom führt seit 1989 Weißelbergs frühere Gemeinde, Händel ist im Gemeindekirchenrat. "Die Hoffnung", sagt der 56-Jährige fast verzweifelt, "dass man in dieser Hinsicht irgendetwas findet, hat sich nicht erfüllt." Weißelberg hat Händel 1964 konfirmiert, später wurde der sein Nachbar im Dorf. Damals, erzählt Händel, wehte ein neuer Wind in der Gemeinde. Der Pfarrer habe fast jede Predigt mit einem Gebet für die politischen Gefangenen in der DDR beendet, aber eine Oppositionsgruppe zu bilden wie der berühmte Pfarrer Oskar Brüsewitz, das sei ihm nicht gelungen.

Brüsewitz hat sich 1976, dreißig Jahre vor Weißelberg, öffentlich verbrannt - aus Protest gegen das SED-Regime und die seiner Meinung nach zu lasche Haltung der Kirche gegenüber der Staatsmacht. Brüsewitz war Weißelberg wichtig. Kurz vor seinem Selbstmord protestierte Weißelberg in der Gemeinde dagegen, dass aus dem Mitteilungskasten der Kirche zu früh ein Plakat entfernt worden war, das auf einen Vortrag über Brüsewitz hinwies, erzählt Pfarrer Edom. Als er verbrannte, rief Weißelberg "Oskar" und "Jesus". Händel meint: "Wenn sich Rechtsradikale auf ihn beziehen, dann missbrauchen sie ihn." Sicher, Weißelberg habe häufiger über den Islam gesprochen, aber nie mit Eifer oder Wut. Er sei extrovertiert gewesen, habe nicht seinen Ärger über theologische oder politische Themen in sich reingefressen.

Die beiden Männer führen in die kleine Kirche, in der Weißelberg wirkte. Pfarrer Edom zeigt den klaren weißen Innenraum. Weißelberg habe den Barockaltar entfernen lassen, "er wollte die Schlichtheit hervorheben". Die beiden meinen, ihn habe geschmerzt, wie die Religion an Bedeutung verliere und dass sie keinen Halt mehr gebe.

War es das: ein Suizid aus Verzweiflung über den Verlust von Reinheit, Klarheit und Schlichtheit in der Kirche?

Pröpstin Begrich steht am Tag der Mahnwache vor dem Altar. Es ist so kalt, dass der Atem Wölkchen zeichnet. "Wir denken heute auch an das Sterben unseres Bruders Roland Weißelberg", sagt die Pröpstin mit klarer Stimme. Sie grüßt "ganz herzlich" die Teilnehmer der Mahnwache. Elfriede Begrich spricht über den Schmerz, den der Tod des Pfarrers verursacht habe, und über die Verantwortung der Kirche, die sein Leben nicht zu retten vermochte. Es sind wenige, kurze Sätze.

Als die Gläubigen nach dem Gottesdienst die Kirche verlassen, drücken ihnen draußen Peter Hild und seine Mitstreiter Flugblätter in die Hand. Einige stecken die Zettel dankend ein, eine Chorsängerin drückt barsch den Zettel von sich weg. "Nee, davon will ich nichts wissen!", faucht sie. Sie hat den Suizid miterlebt, diese Mahnwache macht sie "unglaublich wütend". Einige Kinder hätten zusehen müssen, wie ein Mensch brennt - sei das etwa vorbildhaft? "Wir leben in einer Zeit, wo es darum geht, dass die Weltreligionen zueinanderfinden." Sie atmet tief durch: "Da muss ich wirklich schwer an mich halten."

Eine andere Kirchgängerin irritiert die Gleichsetzung Weißelbergs mit den Erfurter Bombenopfern. "Das sind völlig verschiedene Dinge, die da jetzt vermischt werden", sagt sie leise, "wir wissen doch bis heute gar nicht, was diesen Menschen so gequält hat."

Am Mittag rollt die Gruppe ihre Transparente ein. Zurück bleiben sechs rote Friedhofskerzen am Bauzaun. Ohne Botschaft.

Weißelbergs Witwe hat gesagt, die Ausbreitung des Islams habe ihren Mann zu seiner Tat getrieben. Wenig später war der Tote ein Held

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