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AUS NATTAF SUSANNE KNAUL
Im Wohnzimmer der Familie Burg ist ganz viel Abraham Burg: seine Bücherregale, sein Schreibtisch, an den Wänden Glasschränke, darin seine Holzkreisel. Er hat eine Menge davon, bunte, exotische, in allen Größen. Dreht sich Abraham Burg, der Sohn Israels, wie seine Spielzeuge um die eigene Achse? Seit Jahrzehnten sind die Trennung von Staat und Religion sowie die Auflösung aller jüdischen Siedlungen im Palästinensergebiet seine Themen. Mit beidem ist er gescheitert. "Ich bin mit mir selbst vorangekommen", sagt er trotzig und selbstsicher. Burg ist einer der umstrittensten und meistgehassten Querdenker im Land. Es rührt ihn nicht. Mit sich selbst im Reinen sein, darum geht es Burg.
An seinem 60. Geburtstag sei Israel "viel mehr ein Holocaust-Staat als drei Jahre nach Öffnung der Tore der Nazi-Todesfabriken", heißt es in seinem Buch "Hitler besiegen", das gerade erschienen ist. Darin greift er sein Land massiv an. Er, als Chef der Jewish Agency einst verantwortlich für die massenhafte Einwanderung jüdischer GUS-Bürger, fordert nun die Abschaffung des Rückkehrrechts für Juden. Denn das sei ein Spiegelbild der rassistischen Politik Hitlers gegenüber den Juden. Der religiöse und linke 53-Jährige rechnet ab mit dem "zionistischen Ghetto" Israel, das von einem "paranoiden Verfolgungswahn" getrieben sei. Burg provoziert gezielt, er will Kontroversen auslösen. Und seine Kritiker reagieren scharf. Dennoch spricht er aus, was viele, die in diesem Land leben, empfinden.
Nicht das Erinnern, sondern die "Vulgarisierung" und den politischen Missbrauch der Massenvernichtung, vor allem durch die israelische Rechte, kritisiert Burg. Der Satz von Likud-Chef Benjamin Netanjahu "Wir befinden uns im Jahr 1938", bezogen auf die Bedrohung durch die Atommacht Iran, ist für Burg "pure Demagogie". Er will sich von Mahmud Ahmadinedschad nicht schrecken lassen: "Wir haben heute einen Staat und eine Armee, sämtliche Weltmächte stehen uns zur Seite", der Staat Israel selbst sei ein Grund für den Antisemitismus in der Welt. Burg, der Mann, der sich noch Anfang der 90er-Jahre in der Nachfolge Theodor Herzls sah, geht eigenwillige Wege.
Die Wandlung des einstigen Parlamentspräsidenten und Chefs der Jewish Agency - der Einwanderungsorganisation des Staates Israel - zum Postzionisten erhitzt die Gemüter. "Verschroben", nennt der Historiker Tom Segev das Buch. Und das ist noch freundlich.
Auf die Frage, was sein Vater zu diesem Buch wohl sagen würde, reagiert der hochgewachsene, durchtrainierte Langläufer unwirsch: "Das geht niemanden etwas an." Josef Burg war eine Institution in Israel. Dem Gründer der Nationalreligiösen-Partei und mit 35 Jahren im Kabinett dienstältetesten Minister des Staates ist das radikale Umdenken seines Sohnes erspart geblieben - er ist vor zehn Jahren gestorben. Doch schon zu seinen Lebzeiten lagen politisch Welten zwischen Vater und Sohn: Während Josef Burg 1982 in der Regierung von Menachem Begin vergeblich versucht hatte, anders als Verteidigungsminister Ariel Scharon eine begrenzte militärische Aktion gegen den Libanon durchzusetzen, schloss sich Abraham Peace Now, der Friedensbewegung, an.
1988, nur ein Jahr nachdem sich Burg senior aus dem Parlament zurückgezogen hatte, wurde Burg junior zum Abgeordneten gewählt - allerdings bei der Arbeitspartei unter Schimon Peres. Noch heute wehrt er sich gegen die Unterstellung, als Sohn dieses berühmten Vaters politisch nur auf Konfrontationskurs gegangen zu sein. "Mein Vater war ein Held", sagt er über ihn.
Das war er tatsächlich. Sehr spät, erst im September 1939, konnte Josef Burg aus Deutschland fliehen. Wegen seiner blinden Mutter und der Rabbiner-Ausbildung hatte er die Reise immer wieder verschoben. Der Auftrag der Zionistischen Bewegung, Reiseunterlagen nach Palästina zu organisieren, hielt ihn bis zur letzten Minute in Berlin. "Er ging jeden Tag zur Gestapo", erzählt Abraham, "solange er das Gefühl hatte, Menschen retten zu können, wollte er bleiben."
Die Loslösung von diesem Heldenvater fand für den Sohn bei der israelischen Armee statt, er verpflichtete sich freiwillig über die Regelzeit hinaus. "Das war der Zeitgeist", sagt er und benutzt das deutsche Wort. Bei der Armee war Abraham nur noch Abraham, nicht länger "der Sohn von". Er wurde Offizier und Fallschirmspringer und kommandierte bald eine Ausbildungsklasse. Als er zum Obergefreiten befördert wurde, kam Vater Burg zur Zeremonie. Danach nahm er den Sohn beiseite und fragte leise: "Sag mal, bist du jetzt Obergefreiter oder Ausbildungskommandeur?" Die Welt seines Sohnes, des Soldaten, war ihm fremd. Dabei saß er zu dieser Zeit im Sicherheitsausschuss und entschied dort über Krieg und Frieden.
"Als ich geboren wurde, war mein Vater 47 Jahre alt." Was die beiden trennte, war aber weniger der Altersunterschied als "drei Weltordnungen". Josef Burg hat den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik und den Zweiten Weltkrieg miterlebt. "Er wusste, dass ich viel israelischer war als er und weniger jüdisch, als er es sich gewünscht hätte. Heute bin ich jüdischer denn je und weniger israelisch." Jüdisch bedeutet nicht religiös im Sinne von gottesfürchtig: "Gott hat die Welt geschaffen und ist gegangen", meint Burg. "Er kommt nicht und prüft, ob ich meine Mitzwot, meine jüdischen Pflichten, erledige."
Jude sein heißt für Burg, jüdische Werte zu leben, jüdische Schriften zu studieren, Kosmopolit zu sein. Es ginge nicht länger um das Abstammen von einer jüdischen Mutter: "60 Jahre nach Auschwitz will ich nicht länger auf genetischer Grundlage als Jude definiert werden." Genauso wenig sei das jüdische Volk das Volk eines Ortes, sondern "ein Volk der Welt. Ich habe zwei Sphären im Kopf. Nimmst du mir eine, bin ich ein halbhirniger Jude."
Den offensichtlichen Widerspruch zwischen dem früheren Chef der Jewish Agency und dem heutigen Postzionisten erklärt Burg mit der Massenimmigration der Juden aus den ehemaligen Sowjetstaaten. Schließlich habe man in seiner Amtszeit bei der Agency eine halbe Million Menschen nach Israel geholt - Israel als Ziel der Juden sei für ihn damit überflüssig geworden, der Zionismus überholt.
Vor fünf Jahren schließlich, mit Ende vierzig, hat sich Burg aus allen Ämtern zurückgezogen. Seine Karriere war anders verlaufen, als er sich das gewünscht hatte. Als gerade 33-Jähriger wurde er für die Arbeitspartei in die Knesset gewählt, der ambitionierte Politiker wollte nach ganz oben. Dann kam seine persönliche Niederlage.
1992, es war kurz nach Mitternacht, ließ Abraham Burg die letzten Anwesenden beim Parteitag in Tel Aviv über die Trennung von Staat und Religion abstimmen. Die Mehrheit unterstützte seinen Antrag - ein zweifellos historisches Ereignis. Doch schon am nächsten Morgen wurde das Ergebnis annulliert, zu wenige Abgeordnete hatten abgestimmt. "Sie haben mir den Erfolg wieder weggenommen", sagt er heute mit bitterem Lächeln.
Dass er trotzdem noch drei Jahre im Parlament geblieben ist, bedauert er heute: "Ich habe zu oft und zu lange den Kompromiss zum Konzept gemacht." Eine Rückkehr zur Arbeitspartei werde es für ihn nicht geben. Aber mit der Politik liebäugelt er noch immer.
"Jemandem, der einmal so gescheitert ist, wird ein Neuanfang kaum gelingen", zweifelt der israelische Historiker Mosche Zimmermann. Er hält Burg zwar für einen "originellen, wenngleich wenig organisierten Kopf", doch mit Anschauungen wie seinen ließe sich in Israel keine Politik machen.
Burg indes lässt sich nicht unterkriegen. Sollte der Tag kommen, an dem seine Ideen als Plattform dienen könnten, würde er das Angebot, israelischer Regierungschef zu werden, nicht ausschlagen. Dieses Vertrauen in die Zukunft kann er nicht vom Vater haben. Der erzählte gern diesen Witz: "Ein Israeli fragt einen anderen, ob er Optimist oder Pessimist sei. ,Optimist natürlich', sagt der andere, ,ich glaube fest daran, dass heute ein besserer Tag ist als morgen.' "
Der Staat Israel selbst sei ein Grund für den Antisemitismus in der Welt, sagt Abraham Burg. Mit derlei Thesen macht er sich Feinde
1983: Abraham Burg wird in Jerusalem während einer Demonstration von Peace Now von einer Handgranate verletzt. Der Sohn des prominenten Vorsitzenden der Nationalreligiösen Partei Josef Burg war zuvor Offizier einer Fallschirmspringereinheit - inzwischen ist er einer der Führer der Protestbewegung gegen den Libanonkrieg geworden. Zwei Jahre später zieht er für die Arbeitspartei in die Knesset.
1995: Burg wird Chef der Jewish Agency, der Einwanderungsorganisation des Staates Israel. Bis er 1999 Präsident der Knesset wird, holt er eine halbe Million jüdischer GUS-Bürger ins Land.
2003: Burg zieht sich von allen politischen Ämtern zurück, er zieht mit seiner Frau und den sechs Kindern nach Nattaf bei Jerusalem. Immer wieder stellt er seither öffentlich die Kernthesen des Zionismus in Frage. Gerade ist in Israel sein umstrittenes Buch "Hitler besiegen" erschienen. TAZ
Der Historiker Christian Gerlach hat extrem gewalttätige Gesellschaften untersucht. Sein Ergebnis: Auch die Zivilbevölkerung kann Auslöser von Massengewalt sein.

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