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  • 30.09.2011

Kein Wort der Anerkennung

NAMIBIA "Wir sind schließlich auch Menschen", sagt enttäuscht der Herero Ueriuka Tjikuua, der nach Berlin gereist ist

AUS BERLIN ELENA BEIS

Zwei Schädel liegen im kalten Saallicht der Berliner Charité in zwei Glasvitrinen. Der eine gehört einem 20-jährigen Nama, der andere, größere, einem etwa 35-jährigen Herero. Dahinter stehen erhöht auf einem Pult mit weißer Tischdecke 18 helle, undekorierte Kartons, in denen sich weitere 18 Schädel namibischer Herkunft befinden. Die Identität der Gebeine - "Tote" kann man wohl zu abgetrennten Schädeln nicht sagen - ist unbekannt. Sie sollen möglichst würdevoll aussehen, jetzt wo sie eine namibische Delegation aus Berlin abholen will. Zumal die Schädel vor hundert Jahren auf eine alles andere als ehrenvolle Art und Weise nach Deutschland gelangt sind.

Feierlich hatte sich die 73-köpfige Delegation den Moment vorgestellt, als sie Anfang der Woche aus dem Flugzeug steigt und deutschen Boden betritt: in festlichen Gewändern, traditionellen Hüten und mit ernsten Gesichtern. Die Abordnung ist hochkarätig besetzt, ihr gehören der namibische Kulturminister Kazenambo Kazenambo, Staatssekretär Shipoh, Bischöfe, Medienvertreter sowie Führer und Chiefs der in Namibia ansässigen Nama- und Herero-Völker an. Doch ihre Erwartungen auf einen würdigen Empfang und respektvollen Umgang werden enttäuscht. Zum Empfang am Flughafen sind nicht etwa der Bundespräsident oder deutsche Außenminister erschienen, sondern nur Vertreter nichtstaatlicher Organisationen.

"Die Nation vernichten"

Die Reise ist ein wichtiges Ereignis für die Namibier und war lange geplant. Denn hinter den 20 Schädeln, die sie übergeben bekommen werden, verbirgt sich ein dunkles Kapitel deutscher Kolonialgeschichte. Sie gehören Herero und Nama, die infolge des Kolonialkriegs im damaligen Deutsch-Südwestafrika in den Jahren 1904 bis 1908 ums Leben gekommen sind. Als die Herero 1904 bei einem Aufstand 200 ihrer Besatzer töteten, erwiderte der deutsche General Lothar von Trotha mit dem Befehl: "Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss. Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen." Binnen weniger Jahre wurden bis zu 80 Prozent der damaligen Herero- und Nama-Bevölkerung erschossen, erstochen, ausgehungert oder in Konzentrationslager gepfercht.

Deutsche Truppen köpften die Toten und legten die Köpfe, oftmals mit allen Weichteilen, in Formaldehyd ein. Dann verschifften sie sie nach Berlin, um Rassenmerkmale und Gesichtszüge studieren zu lassen. Die zur Rückgabe bestimmten 20 Schädel sind ein Bruchteil der schätzungsweise 3.000, die seither in deutschen Museen und Archiven lagern. Zum Teil stammen die Gebeine auch aus Grabschändungen. "Der deutsche Mediziner Eugen Fischer hat nach dem Krieg namibische Gräber öffnen lassen und sich dort bedient", sagt der Berliner Historiker Joachim Zeller.

Dass die Gebeine ihrer Vorfahren seit über 100 Jahren zerstückelt in deutschen Magazinen liegen, ist für Herero und Nama eine kulturell erschütternde Vorstellung. In ihrer Weltanschauung spielen die Ahnen und Toten eine zentrale Rolle: "Die Verstorbenen werden in unserer Kultur hoch respektiert, sie müssen unbedingt richtig begraben werden", sagt der Delegierte Ueriuka Tjikuua, ein Herero. "Der Weg zu Gott oder Heilung führt nur über die Ahnen. Wenn diese nicht ihre Ruhe finden, haben die Nachkommen ein ernsthaftes Problem."

Die Berliner Charité hat sich als erste deutsche Institution auf Antrag der Namibier bereit erklärt, diese Gebeine ihren Eigentümern zurückzugeben. Bei den anderen Einrichtungen tut sich bei der Übergabe dagegen wenig. Die Universität Freiburg hat die Bundesregierung darauf aufmerksam gemacht, dass dort hunderte Gebeine liegen. Sie hat einen Antrag auf Geld gestellt, um die Herkunft der Gebeine zu bestimmen - er wurde abgelehnt. "Bis heute übernimmt niemand Verantwortung", so Armin Massing vom Entwicklungspolitischen Ratschlag e. V., der die namibische Delegation während ihres Aufenthaltes in Berlin betreut.

Während in Deutschland von einem Dringlichkeitsgefühl, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, wenig zu spüren ist, kämpfen die Herero- und Nama-Völker bis heute mit den Folgen dieses Krieges - kulturell, psychisch, aber auch materiell. Die Überlebenden wurden enteignet und haben mit ihren Ahnen auch ihr Land und ihre traditionelle Lebensweise verloren. Tjikuua sagt: "Vor diesem Krieg hat unser Volk von der Viehzucht gelebt, wir sind Nomaden. Unser Land wurde uns aber von den Deutschen genommen, und damit unsere Existenzgrundlage."

Die Bundesregierung hat sich bis heute nicht bei den Herero und Nama offiziell entschuldigt. Angesichts des Besuchs der namibischen Delegation ließ das Auswärtige Amt diese Woche vermelden, dass sich "die Bundesregierung wiederholt zur moralischen und historischen Verantwortung Deutschlands gegenüber Namibia bekannt" habe. Diese Ausdrucksweise wird dem von den Vereinten Nationen als Genozid anerkannten Völkermord an den Herero allerdings nicht gerecht. "Es wird nur von einer ,besonderen Verantwortung' gesprochen", so Armin Massing. "Es ist beschämend, wie deutsche Politiker immer wieder nach Namibia fahren und es nicht schaffen, ein Wort der Entschuldigung auszusprechen, weil sie befürchten, das könnte zu Entschädigungen führen."

Auf eigene Kosten gereist

Reparationsforderungen der Herero und Nama werden mit der Begründung abgelehnt, dass "die Bundesregierung ihrer Verantwortung durch eine verstärkte bilaterale Kooperation auf dem Gebiet der Entwicklungszusammenarbeit nachkommt", so das Auswärtige Amt. Die namibische Delegation ist zudem auf eigene Kosten nach Deutschland gereist; die Bundesregierung trägt nur die Kosten für die Rücküberführung der Knochen.

Während ihres Berlinaufenthalts findet eine Podiumsdiskussion statt, die es den Namibiern ermöglichen soll, sich mit Abgesandten der deutschen Parteien über die Aufarbeitung der deutsch-namibischen Geschichte und den Genozid an ihrem Volk auszutauschen. "Wir haben dazu sowohl das Außenministerium als auch den Kulturminister eingeladen. Beide haben abgesagt und waren auch nicht bereit, Vertreter zu schicken. Die FDP hat auch abgesagt, und von der CDU liegt keine Rückmeldung vor", so Armin Massing.

Am heutigen Freitag findet zum Abschluss die offizielle Übergabe der Gebeine statt. Die Bundesregierung wird von Cornelia Piper vertreten, Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Barbara Kahatjipara, die fließend Deutsch spricht, bringt bei einer Pressekonferenz die Empörung der Delegation zum Ausdruck: "Wir kommen mit unserem Kulturminister, und eine Vizeministerin nimmt uns in Empfang? Für mich ist das eine Respektlosigkeit der deutschen Regierung an einem symbolisch so wichtigen Tag. Wir fragen uns, ob das, was wir hier tun, gewürdigt wird. Als im April 13 von den Nazis geklaute Bücher an die jüdische Gemeinde in Berlin zurückgegeben wurden, war der deutsche Kulturminister dabei. Warum werden 13 Bücher so gewürdigt, aber 20 Schädel nicht?"

Die namibische Delegation äußerte während ihres Aufenthalts in Berlin wiederholt den Wunsch nach Wiedergutmachung, aber wenn man genauer hinhört, realisiert man, dass etwas anderes im Vordergrund steht. Etwas, was ihnen bisher jede deutsche Regierung verweigert hat. Utjiua, eine stolze Herero in einem traditionellen Gewand, sagt: "Reparationen sind ein Endziel. Im Moment fordern wir, dass die Regierung sagt: Als jetzige deutsche Regierung erkennen wir an, dass die damalige deutsche Regierung Gräueltaten begangen hat. Und dass sie sich bei uns offiziell entschuldigt. Und dass man sich dann mit uns bespricht, wie das gelöst und wiedergutgemacht werden kann."

Die Anerkennung der Gräuel und Ungerechtigkeiten, die den Herero und Nama angetan wurden, ist ein unabdingbarer Schritt für diese betroffenen Völker, damit sie mit der Vergangenheit abschließen können. "Wir befinden uns mit Deutschland in einer Konfliktsituation", so Tjikuua. "Unsere Regierungen kommunizieren zwar, aber wir, die Betroffenen, werden ausgeschlossen. Was wir fordern, ist, dass sich die deutsche Regierung zusammen mit der namibischen, mit uns an einen Tisch setzt und redet. Damit die deutsche Regierung versteht, was unser Problem ist, was wir mit Reparationen meinen. Wir sind schließlich auch Menschen."

"Unsere Regierungen kommunizieren zwar, aber wir Betroffenen sind ausgeschlossen"

UERIUKA TJIKUUA, DELEGIERTER



Deutsch-Südwestafrika

 Das heutige Namibia geht auf die deutsche Kolonie Südwestafrika zurück, die entstand, nachdem der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz 1883 vom Nama-Volk die Atlantikbucht Angra Pequena kaufte. Das danach "Lüderitzland" getaufte Privatterritorium erhielt 1884 den Schutz des Deutschen Reiches, das daraus in den Folgejahren die Kolonie Südwestafrika machte. Es war die einzige deutsche Kolonie in Afrika, in der sich eine größere Zahl deutscher Siedler niederließ, die die Einheimischen enteigneten. Als sich die Nama und Herero 1904 dagegen erhoben, wurden sie zu 80 Prozent ausgerottet. Im Jahr 1915, im Ersten Weltkrieg, besetzte Südafrika das Gebiet und verwaltete es bis zur Unabhängigkeit am 21. März 1990 unter Apartheidgesetzen. Seit 1990 regiert die einstige Befreiungsbewegung Swapo. (dj)

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