die tageszeitung von heute

Hier können Sie durch die aktuelle Ausgabe der Zeitung blättern:

  • 04.02.2013

Unter Geiern

HEDGEFONDS Der US-Amerikaner Paul E. Singer gilt als einer der härtesten Hedgefonds-Verwalter. Mit dem Ausweiden zahlungsunfähiger Länder machte er ein Vermögen. Derzeit hat er Argentinien am Haken

VON TONI KEPPELER

BERLIN taz | Der Wirtschaftsdienst Bloomberg News hat einmal geschrieben, wenn man ihn sehe und höre, denke man eher an einen Literaturprofessor. Der 68-Jährige hat feines, silbergraues Haar und einen sauber gestutzten Vollbart im selben Ton, trägt eine Brille mit schmalem Rand aus Metall. Im Umgang sei er höflich und zurückhaltend, fast ein bisschen schüchtern, heißt es. Stellt man sich so einen Geier vor?

Paul E. Singer gehört zu jenen Investoren, die in ihrer Branche als Geier bekannt sind - und genau wie jene Greifvögel Wert darauf legen, so lange wie möglich außerhalb des Blickfelds zu bleiben. Man sieht sie erst, wenn sie zum großen Fressen kommen.

Der amerikanische Geschäftsmann hat mit dem Ausweiden von Firmen und ganzen Staaten Milliarden von Dollars gemacht. Zu seinen Opfern gehören US-Firmen wie die Fluggesellschaft TWA, der Telekommunikationskonzern MCI WorldCom und der Energiekonzern Enron, Peru und die Republik Kongo - und derzeit hat er Argentinien am Haken.

Sein Vorgehen ist simpel: Er hält Ausschau nach Firmen, die kurz vor der Insolvenz stehen oder schon insolvent sind. Wenn deren Aktien ganz tief in den Keller gerutscht sind, schlägt er zu. Erholt sich ein Unternehmen, steigen die Aktien, und Singer verkauft. Erholt es sich nicht, zerschlägt er den Betrieb, verkauft die noch rentablen Teile gewinnbringend und schließt den Rest.

Bei Staaten interessiert ihn deren tatsächliche oder erwartete Zahlungsunfähigkeit. Ihre Schuldverschreibungen sind dann für einen Bruchteil ihres Nennwerts zu haben. Beispiel Argentinien: Nach dem Staatsbankrott des Landes Ende 2001 kaufte Singer Schuldtitel des Landes im Nennwert von dreistelligen US-Dollar-Millionen, die billigsten um 15 Cent pro Dollar Schulden. Seither versucht er, diese Schulden gerichtlich einzutreiben - in voller Höhe, versteht sich, plus Verzinsung. Auf 1,3 Milliarden Dollar hat er Argentinien verklagt.

Singer ist mit solchen Methoden steinreich geworden. Das Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt sein Privatvermögen auf 1,1 Milliarden Dollar. Sein unter dem Dach von "Elliott Management" vereintes Imperium aus Hedgefonds verwaltet angeblich rund 20 Milliarden Dollar. Genaues weiß man nicht.

Die Fonds sind geschlossen. Singer spielt außer mit eigenem Geld ausschließlich mit dem von Geschäftsfreunden. Nur ihnen ist er Rechenschaft schuldig; neue Investoren nimmt er nicht auf. Dass etliche seiner Unterfirmen in Steuerparadiesen wie den Kaimaninseln registriert sind, macht seine Geldströme nicht transparenter.

Bekannter als seine Fonds sind die Aktivitäten seiner Stiftung: Die Paul E. Singer Family Foundation unterstützt zum Beispiel Musikschulen und hat auch schon Millionen für eine Kampagne zur Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe in New York ausgegeben - ein Sohn Singers ist offen schwul. Singer ist auch als Sponsor der Republikanischen Partei öffentlich aufgetreten: Er war einer der Finanziers der Wahlkämpfe von George W. Bush. Für den vorzeitig ausgeschiedenen ehemaligen Bürgermeister von New York, Rudolph Giuliani, hat er im Vorwahlkampf Spenden gesammelt. Den unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney unterstützte er mit 2 Millionen Dollar.

Über Jahrzehnte durchschnittliche Renditen von 15 Prozent

Unternehmerisch setzt er seltener aufs falsche Pferd, seitdem er nach einem Psychologie- und Jurastudium, ein paar Jahren als Firmenanwalt und bei einer Investmentbank 1977 den Hedgefonds "Elliott Associates" gründete, mit 1,3 Millionen Dollar Startkapital von Freunden und Verwandten. Elliott ist der zweite Vorname Singers.

Die Zentrale von Singers Imperium liegt im 36. Stock eines Wolkenkratzers in New York mit Blick auf den Central Park. Er hat rund 175 Beschäftigte und Büros auch in London, Tokio und Hongkong. Seit der Gründung weisen seine Fonds eine durchschnittliche jährliche Rendite von rund 15 Prozent aus - deutlich mehr als die üblichen Aktienindizes. In seinen besten Jahren kam er auf eine Rendite von 30 Prozent.

Die Argentinien-Anleihen kaufte er über seinen auf den Kaimaninseln registrierten Fonds "NML Capital" - nach dem Staatsbankrott. Als das Land den Gläubigern im Jahr 2005 und noch einmal 2010 anbot, die Schulden zu knapp 30 Prozent ihres Nennwertes zurückzukaufen, konnte Argentinien 93 Prozent der Anleihen zurückholen. Singer gehörte zu den wenigen Gläubigern, die sich weigerten, das Angebot anzunehmen. Auf dem Rechtsweg versucht er seither, hundert Prozent Zahlung plus Zinsen zu erstreiten. Kurzfristig gelang es ihm, argentinische Botschaftsgebäude und ins Ausland gegebene Museumsbestände verpfänden zu lassen. 2005 wollte er gar den argentinischen Präsidentenjet Tango 01, eine Boeing 757, bei einer Zwischenlandung in den USA festsetzen lassen. 2009, als Argentinien Gastland der Frankfurter Buchmesse war, hatte er es auf den Ausstellungsstand des Landes abgesehen, rechtlich kam er damit jedoch nicht durch.

International Schlagzeilen machte der Investor, als er das Dreimasterschulschiff "Libertad" der argentinischen Kriegsmarine im Oktober vergangenen Jahres in Ghana pfänden ließ. Nachdem ein lokales Gericht Singer zunächst recht gegeben hatte, kam der Segler nach einem gegenteiligen Urteil des Internationalen Seegerichtshofs in Hamburg im Dezember wieder frei.

Doch Paul E. Singer ist zäh und hat Geduld: Ein Bundesgericht in New York verurteilte Argentinien zur Zahlung von1,3 Milliarden Dollar bis zum 15. Dezember 2012. Argentinien ging in die Berufung und kündigte an, es werde nicht zahlen - worauf die Ratingagentur Fitch die Bewertung des Landes um gleich fünf Stufen herabsetzte. Folge: Argentinien muss auf internationalen Finanzmärkten höhere Zinsen zahlen, wenn es Kredite aufnehmen will. Das Berufungsurteil wird für Ende Februar erwartet.

Auf Schuldentitel insolventer Länder zu setzen sei viel sicherer, hat Singer bei einem seiner wenigen Vorträge vor Kollegen gesagt, als in Aktien zu investieren. Peru hat für diese Strategie schon teuer bezahlt. 1996 hatte Singer für für 11 Millionen Dollar peruanische Staatsschulden im Nennwert von 20,7 Millionen gekauft. Die klagte er vier Jahre lang vor Gerichten in den USA, Kanada, Deutschland, Luxemburg, Belgien und Großbritannien ein. Schließlich sprach ihm im Jahr 2000 ein US-Gericht das Recht zu, peruanisches Vermögen in den Vereinigten Staaten beschlagnahmen zu lassen. Zermürbt gab die Regierung in Lima auf und bezahlte 58 Millionen Dollar für Schulden und Zinsen. Singers Profit: rund 400 Prozent.

Gegen die Republik Kongo gelang ihm ein ähnlicher Coup. Die Elliott-Tochter "Kensington International", beheimatet auf den Kaimaninseln, kaufte Ende der 1990er-Jahre für einen Spottpreis Schuldtitel des Landes im Nennwert von 30 Millionen Dollar. Es folgte die übliche internationale Klagerunde. Singer soll es laut dem US-Magazin Nation dabei gelungen sein, vorübergehend 90 Millionen Dollar Entwicklungshilfe zu blockieren, die eigentlich für die Bekämpfung einer Choleraepidemie vorgesehen waren. 2005 schließlich ordnete ein britisches Gericht an, dass der Schweizer Rohstoffkonzern Glencore 39 Millionen Dollar für zwei Öllieferungen nicht an die Republik Kongo, sondern an "Kensington International" überweisen solle.

"Elliott handelt unmoralisch", sagt der auf Schulden von Entwicklungsländern spezialisierte Juraprofessor David Skeel von der Universität Pennsylvania. Singer denke "nur an den Profit, ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen in den betroffenen Ländern". Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández ist gewarnt. Dieser Tage ist sie auf Staatsbesuch in Kuba, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Indonesien und Vietnam. Sie reist nicht mit Tango 01, sondern mit einem britischen Mietflugzeug.

Singer soll es gelungen sein, vorübergehend 90 Millionen Dollar Entwicklungshilfe zu blockieren, die eigentlich für die Bekämpfung einer Cholera-epidemie vorgesehen waren



Ein Dollar aus 15 Cent

 Spekulation, normal: Seit der Euro in der Krise steckt, sind Länder wie Griechenland, Spanien, Portugal oder Zypern interessant für Spekulanten aufs schnelle Geld geworden. Vor einem Jahr, als noch unklar war, ob und wann Griechenland neue Kredite zur Abwendung eines Staatsbankrotts bekommen würde, wurden dessen Schuldverschreibungen zu rund 17 Cent pro Euro Nennwert gehandelt. Wer sich damals eingedeckt hat, bekommt heute, da es als sicher erscheint, dass Griechenland in der Eurozone bleibt, mehr als das Doppelte dafür.

 Spekultion, super: Harten Geldjongleuren aber sind hundert Prozent Rendite nicht genug. Daniel Loebs etwa, Chef des Hedgefonds Third Point (Vermögen: ca. 9,3 Milliarden US-Dollar), hat sich mit griechischen Schulden eingedeckt, zu 17 Cent pro Euro Nennwert. In einem Brief an seine Investoren überschreibt er das Griechenlandkapitel mit der Zeile aus einem Song des Rappers Tupac Shakur: "I'm tryin' to make a dolla outta fifteen cents."

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!