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  • 25.01.2014

"Der Geruch der Weltrevolution"

GESCHICHTE Die Bremer Straßenbahn-Proteste vom Januar 1968 waren ein wichtiger Schritt für die Politisierung der Schülerschaft. Sie eskalierten zu Straßenkämpfen mit der Polizei, doch sie waren am Ende erfolgreich: Der Senat nahm die angekündigte Fahrpreis-Erhöhung zurück

Rainer Weisel ist Verwaltungsreferent der Bremer Uni für die Angelegenheiten des Asta. "Jaja", erinnert er sich an 1968: "Nulltarif - sonst biegen wir die Schienen schief!" Im Januar 1968 besetzten die Bremer Schüler die Straßenbahngleise und gaben mit einem fünftägigen erfolgreichen Kampf das Zeichen für andere Städte: In Hannover, Dortmund und anderswo wurde Monate später mit dem "Roten Punkt" für einen Nulltarif im ÖPNV gekämpft.

Ende 1967 hatte die Straßenbahn angekündigt, die Preise ihrer Fahrscheine von 60 auf 70 Pfennig zu erhöhen, für Schüler von 33,3 auf 40 Pfennig. Das sorgte für Unmut, aber groß zu protestieren, wäre kaum jemanden in den Sinn gekommen. Dafür gab es keine Vorbilder. Nicht einmal eine Universität gab es damals in Bremen. Aber die Kunde von den Studentenunruhen in Berlin war in die Provinz geschwappt und hatte die Schüler erreicht. "Das eigentlich Bewegende war ja nicht der Groschen, sondern dass etwas passierte", erinnerte sich eine Schülerin.

Am Montag, den 15. Januar trafen sich vielleicht fünfzig Schüler gegen 17 Uhr an der Domsheide, einem Verkehrsknotenpunkt. "Nach einiger Zeit haben wir uns bescheiden hingesetzt, andere verteilten die Flugblätter und hatten ziemlich große Angst, dass wir von den Leuten verprügelt werden, die schnell nach Hause wollten", erinnert sich ein Teilnehmer. "Wir hatten auch keine Vorstellungen, was die Polizei mit uns macht, es war ja die erste Aktion dieses Typs." Die Überraschung: Die Schüler bekamen Unterstützung von Passanten.

Dienstag, 16. Januar: Morgens tagte der Senat unter Bürgermeister Hans Koschnick (38, SPD) - und war unsicher. Die Polizei schickte einen Wasserwerfer. Nachmittags kamen 1.500 Menschen zum Protest.

Mittwoch, 17. Januar: Polizeibeamte versuchten, die Schüler mit Ketten zurückzudrängen. Helge Burwitz war dabei: "Womit die nicht gerechnet haben: Wir haben eine zweite Reihe gebildet. In der ersten Reihe haben wir genau wie die Polizisten gedrängelt. In der zweiten Reihe sind Leute in die Knie gegangen und haben zwischen den Beinen durch die Füße der Polizisten gepackt und ihnen die Schuhe ausgezogen. Die meisten trugen damals noch nicht diese Kampfstiefel, sondern ganz normale, etwas festere Halbschuhe, die man schnell vom Fuß ziehen konnte. Die Schuhe wurden nach hinten durchgereicht, über eine Kette weitergegeben und in die Weser geschmissen."

Donnerstag, 18. Januar: Eine Streitmacht von 700 Polizisten schlug mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln zurück. Polizeichef Erich von Bock und Polach rief mitten im Getümmel sein später berühmt gewordenes "Draufhauen, draufhauen, nachsetzen".

Es gab Dutzende von Verletzten. Ein hoher Polizeioffizier am Ende des Tages: "Dies ist eine Katastrophe. Der Bruch zwischen uns und der Bevölkerung ist bedrohlich. Der Graben, der uns jetzt trennt, ist kaum wieder zuzuschütten." Stahlarbeiter, die auf dem Weg zur Arbeit an der Domsheide vorbei mussten, hatten dem Betriebsrat der Klöcknerhütte von der Lage im Stadtzentrum berichtet.

Die Straßenbahn-Tariferhöhung passte auch den Arbeitern nicht. Abends erklärte der Betriebsrat vor 6.000 Stahlarbeitern auf einer IG-Metall-Konferenz, er wolle am kommenden Tag die Belegschaft aufrufen, an den Demonstrationen teilzunehmen - eine Niederlage für den DGB-Vorsitzenden Richard Boljahn, der erklärt hatte, die Polizei müsse "mit härtesten Mitteln die Straßen leer fegen".

Erst gegen 22 Uhr war es auf der Straße ruhig geworden. Bilanz der Polizei: 21 Straßenbahnen und 14 Omnibusse wurden beschädigt, 94 Demonstranten festgenommen. Bilanz des Demonstranten Robert Bücking: "Wir konnten auf einmal vor Kraft nicht mehr laufen, und es roch nach Schwefel, Teer und Weltrevolution."

Freitag, 19. Januar: Im Bremer Rathaus trafen sich Vertreter der Schüler mit Vertretern des Senats und der SPD zu einem offenen Gespräch. Am Wochenende beschloss der Senat, die Fahrpreiserhöhung zurückzunehmen. In einer Sondersitzung der Bürgerschaft am Montag wurde ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss gebildet. Thema: das Einschreiten der Polizei.

KLAUS WOLSCHNER

Detlef Michelers: "Draufhauen, Draufhauen, Nachsetzen! Die Bremer Schülerbewegung, die Straßenbahndemonstrationen und ihre Folgen 1967/70", Verlag Temmen 2002, 200 S., 9,90 Euro