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  • 11.02.2008

Das Trauma von Mölln

Mit dem Brand in Ludwigshafen war die Erinnerung sofort da: 90er-Jahre, Anschläge auf Häuser in Mölln und Solingen. Damals hieß es plötzlich auch für "Abiturtürken": "die" gegen "uns". Über das Lebensgefühl der ersten hier aufgewachsenen Generation von Einwandererkindern

VON DENIZ YÜCEL

Haben Sie sich je gefragt, warum Fußballer, die aus der Jugend des SV Wanne-Eickel stammen, lieber für die türkische als für die deutsche Nationalmannschaft spielen? Türkische Einwanderer so viel Wert darauf legen, bei der Einbürgerung ihren alten Pass zu behalten? Es bei der Partnerwahl der Deutschtürken und Deutschtürkinnen fast so strikt nach dem Prinzip equal but separate zugeht wie in Hollywoodfilmen?

Eine von mehreren Antworten verweist auf jene Ereignisse, die der Brand in Ludwigshafen in Erinnerung gerufen hat: Mölln und Solingen. Dass die Deutschtürken die neun Toten von Ludwigshafen sofort damit in Verbindung gebracht haben, zeigt, wie tief sich die Morde vom November 1992 und Mai 1993 ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben. Besonders traumatisch waren diese Anschläge für die erste hier aufgewachsene Generation von Einwandererkindern, meiner Generation. Mölln und Solingen lehrten uns, dass wir bedroht waren. Dass man uns hier nicht wollte. Dass es überhaupt ein Uns gab.

Zu Türken gestempelt

Für einen - um mit Feridun Zaimoglu zu sprechen - "Abiturtürken" wie mich war das keineswegs selbstverständlich. Von meinen Eltern und meinen autonomen Freunden hatte ich gelernt, dass die Grenzen nicht zwischen den Völkern verliefen, sondern zwischen oben und unten. Bei anderen war das Lebensgefühl nicht derart in Welterklärungen eingebunden. Doch das Ergebnis war dasselbe: Wir sahen uns vielleicht nicht als Deutsche, aber auch nicht als Türken und erst recht nicht als Fremde. Plötzlich war das egal. Denn sie sahen uns als Türken.

Nun hatte ich auch vorher zu spüren bekommen, dass mich etwas von deutschen Freunden unterschied. Etwa in der Grundschule. Anfang der Achtzigerjahre waren so manche Einwanderer mittendrin, ihre Kinder nachzuholen. Die sozialdemokratische Landesregierung in Hessen richtete Kurse namens "Deutsch für Ausländer" ein. Obwohl ich im regulären Deutschunterricht Klassenbester war, wurde ich dazu verdonnert, dort Sätze wie "Ich heiße Ali" nachzusprechen. Aber wer tatsächlich Sprachdefizite hatte, musste sich beeilen, andernfalls drohte die Abschiebung in die Sonderschule. Irgendwann muss es sich bis zum Kultusministerium herumgesprochen haben, dass einige Griechenbengel und Türkengören halbwegs fehlerfreie Diktate schreiben konnten. So wurde unsereins von "Deutsch für Ausländer" befreit - und zum Kurs "Mathe für Ausländer" verpflichtet. Eine andere Episode ist schneller erzählt: Als ich mit 16 eine Aufenthaltsberechtigung beantragte, forderte die Ausländerbehörde ein amtsärztliches Gesundheitszeugnis, Kotprobe inklusive. Offenbar hatte ich nicht einfach das Recht, dort zu leben, wo ich mein ganzes Leben verbracht hatte. Vielmehr hing dieses Recht von der Beschaffenheit von Scheiße ab.

Solche Erfahrungen kratzten am Lebensgefühl. Aber um es zu erschüttern, bedurfte es mehr.

1988/89 zogen Rechtsextremisten in Landesparlamente ein. 1989, zum Fall der Mauer, tauchten in unserer Nachbarschaft deutsche Fahnen auf, die sich bis zur Fußball-WM im Sommer rasch vermehrten. "Das geht gegen uns", sagte meine Mutter. Tatsächlich kam es so, wie es mit ihr viele Einwanderer befürchtet hatten: Im Sommer 1990 zettelte die CDU eine Kampagne gegen "Scheinasylanten" an, der sich die meisten Medien, allen voran Bild und Spiegel, anschlossen. Die Neonazis, die in Hoyerswerda oder Rostock nahezu unbehelligt von der Polizei zu Werke gingen, hatten allen Grund dazu, sich als Vollzugsorgan des "Volkswillens" zu fühlen. Und nicht obwohl, sondern weil im August 1992 etliche biedere Mecklenburger beim Einschlagen der Brandflaschen "Zugabe" gerufen hatten, beschloss der SPD-Vorstand, der faktischen Abschaffung des Asylrechts zuzustimmen.

Jetzt galt es, etwas für das ramponierte Ansehen des wiedervereinigten Deutschlands zu tun und den drohenden Schaden für die Exportwirtschaft abzuwenden. "Lichterketten gegen Hass und Gewalt" nannten sich diese Veranstaltungen. Doch die entfesselte Welle war nicht mehr aufzuhalten. Wenige Tage nach dem Auftritt des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vor 300.000 Menschen in Berlin, der in "Heuchler"-Rufen unterging, brannte das Haus der Familie Arslan in Mölln.

Aber diesmal hatte es nicht isolierte Flüchtlinge getroffen. In Rüsselsheim war es zuerst die Opel-Betriebsleitung, die die Gefahr erkannte. Zusammen mit dem Betriebsrat schaltete man Traueranzeigen und legte während der Arbeitszeit Gedenkminuten ein. Man wollte eine verängstigte wie zornige türkische Belegschaft beruhigen.

Die Sorge war berechtigt. Ich erinnere mich, wie ich auf der Vollversammlung, die eine hilflose Schulleitung einberufen hatte, die Appelle an "Toleranz" zurückwies und Ralph Giordano zitierend zum bewaffneten Selbstschutz aufrief. Nicht alle Einwanderer hießen diese Idee für gut, aber für abwegig hielt sie in jenen Tagen kaum jemand. Denn Mölln war überall. Kurz nach dem Anschlag griffen in Rüsselsheim Skinheads einen Treffpunkt türkischer Jugendlicher an. Diese revanchierten sich, indem sie eine Kneipe zerlegten, in der sich rechtsextreme Fußballfans trafen. Der große Aufstand aber fiel aus. Warum?

Vielleicht auch darum: Keine 24 Stunden nach dem Anschlag standen Nachbarn, die mit meinen Eltern nie mehr als ein paar belanglose Worte im Treppenhaus gewechselt hatten, mit Blumen in unserer Wohnung. Bild-Leser und CDU-Wähler, die bestimmt für die Abschaffung des Asylrechts waren, denen es aber auch nicht um den deutschen Export ging. Ihre Scham war echt, und sie wollten meine Eltern um Verzeihung bitten.

Umso grandioser war das Versagen der Politik. Helmut Kohl weigerte sich, die Überlebenden von Mölln zu besuchen. Nach dem Anschlag von Solingen schickte er ein Beileidstelegramm an den türkischen Staatspräsidenten und ließ sich folgerichtig auf der Trauerfeier in Köln von seinem Außenminister Klaus Kinkel vertreten, der dort auf die Kommastelle vorrechnete, wie viele Steuern und Abgaben die hiesigen Türken leisteten. Es war als Argument gemeint, sie nicht totzuschlagen.

Damals dachten viele ein letztes Mal ernsthaft über eine Rückkehr nach. Dass es bei Gedankenspielen blieb, hatte etwas damit zu tun, dass Staat und Gesellschaft nun den Neonazis auf die Pelle rückten und auf Solingen nichts Vergleichbares folgte (abgesehen vom von Amts wegen vertuschten Brandanschlag 1996 in Lübeck). Das Leben ging ohnehin in eine andere Richtung: Man kaufte Häuser und Wohnungen, gründete Geschäfte, übernahm die deutsche Staatsbürgerschaft und kam sich von Urlaub zu Urlaub in der Türkei immer fremder vor. Die nachwachsende Generation dachte ohnehin nicht daran, Deutschland zu verlassen.

Doch deutsch geworden

Als ich im Jahr nach Solingen mein Abitur machte, war dies für ein türkisches Arbeiterkind nicht mehr so ungewöhnlich. Etwa zur selben Zeit beschloss der junge Cem Özdemir, in die Politik zu gehen. Den gleichen Entschluss fasste meine Freundin E. - allerdings reifte in ihr die Überzeugung, dass sie in Deutschland keine Chance haben würde, weshalb sie später mit ihrem Einserdiplom im türkischen Außenministerium anheuerte. Wieder andere, die sich weder von den Traditionen ihrer Eltern noch der Mehrheitsgesellschaft angezogen fühlten, suchten ihr Heil in einem strenggläubigen Islam. Und natürlich waren die Nationalisten zur Stelle, um die wütenden jungen Leute, insbesondere die Jungs ohne Abitur, einzusammeln.

Misstrauen, Distanz, mitunter Abgrenzung hatte es schon vor Mölln und Solingen gegeben, und in den Jahren gingen diese Gefühle wieder zurück. Der WM-Sommer 2006, als die Deutschtürken schwarzrotgoldene Fahnen nicht mehr fürchteten, sondern selbst fröhlich schwenkten, hat gezeigt, dass sie Dinge nicht ständig mit der Solingen-Brille sehen. Andererseits haben die Kampagne von Roland Koch oder die Reaktionen auf den Brand in Ludwigshafen offenbart, wie zerbrechlich das Verhältnis noch immer ist und wie schnell sich das Trauma, das Gefühl von fehlender Anerkennung zurückmelden.

Wo stünden wir heute, wenn es Solingen und Mölln nicht gegeben hätte? Oder wenn die Politik darauf anders zu reagieren gewusst hätte? Vielleicht hätten wir etwas mehr Normalität. Eine Normalität, die es auch braucht, um über Dschihadismus, jugendliche Gewalttäter oder Ehrenmorde zu sprechen.

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