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  • 05.02.2011

SHEILA MYSOREKAR
POLITIK VON UNTEN

Spartakus hatte kein Handy

Wie Revolutionen auch ohne Internet funktionieren können, weiß jeder, der eine indische Großtante hat

Die arabische Welt ist im Umbruch; Volksaufstände in Tunesien, Ägypten, Jemen - und die deutsche Presse fragt hauptsächlich, welche Rolle das Internet bei diesen Rebellionen spielt. Seltsam. Als ob es nicht ohne Twitter schon Revolutionen gegeben hätte: Hermann der Cherusker war nicht bei Facebook, und Spartakus hatte kein Handy, allerdings verlor er auch gegen die Römer. Die Russische Revolution funktionierte reibungslos offline, die Kubanische ebenfalls.

Aber wie das gehen soll, das können sich viele deutsche Kommentatoren anscheinend nicht vorstellen. Sie haben nämlich keine indischen Großtanten. Indische Tanten können - ganz ohne Internet - blitzschnell kontinentübergreifend kommunizieren. In Sekunden. Wie sie das hinkriegen, weiß ich auch nicht. Aber ich habe indische Großtanten. Und sie wissen alles, immer, sofort.

Unsere Familie ist weit verstreut, in Indien, USA, Kanada, England, Deutschland. Aber die Distanzen spielen da keine Rolle. Wenn ich meiner Lieblingscousine in Kanada etwas im Vertrauen mitteile, meine neueste Liaison oder so was in der Art, dann darf sie es auf keinen Fall gegenüber ihrer Mutter in Kalifornien erwähnen, sonst bekommen binnen wenigen Minuten meine Eltern im Rheinland einen Anruf aus Bombay, in dem sie zu dieser Sachlage Stellung nehmen müssen. Von der sie bisher nichts ahnten, versteht sich.

Eine indische Tante ist Google und Wikileaks in einer Person: Sie weiß alles, und sie sagt alles weiter. Dafür braucht sie nicht mal Strom. Das gilt natürlich nicht für die jüngere Generation. Ich fürchte, das Internet dünnt den indischen Großtanten den Nachwuchs aus: Ihre Nichten verlassen sich neuerdings auf viereckige, leuchtende Scheiben, um Neuigkeiten aus der Familie zu erfahren, und die jahrhundertelang ausgefeilte Kunst des Über-Kontinente-hinweg-Klatschens stirbt dabei langsam aus.

Das kann natürlich auch sein Gutes haben. Es könnte zum Beispiel das Ende des Afghanistankrieges bedeuten. Bisher haben nämlich die Taliban den US-Truppen und deren computergesteuerten Waffen die Stirn geboten, indem sie konsequent technologiefrei kommunizierten. Wenn ein Taliban auf seinem Esel ins nächste Dorf reitet, um dort den geplanten Hinterhalt mündlich anzukündigen, dann nutzt die beste Satellitenabhörtechnik nichts - die Amerikaner haben da keine Chance. Gegen afghanische Großtanten schon gar nicht. Aber nun verbringen die talibanischen Auszubildenden bestimmt schon heimlich viele Wochenstunden mit Facebook oder Myspace, und so wird der nächste Afghanistankrieg wahrscheinlich per Twitter organisiert. Zumindest darauf ist unsere Bundeswehr dann vorbereitet.

Aber für alle Revolutionäre bleibt die bittere Wahrheit: Der Che Guevara des 21. Jahrhunderts muss einpacken, wenn sein Blackberry nicht funktioniert.

Die Autorin ist Journalistin und in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Foto: Firat Bagdu

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