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  • 04.11.2011

"Das Internet ist meine Front"

SCHWARM Für morgen hat das digitale Protestkollektiv Anonymous eine Attacke auf Facebook angekündigt. Ein Aktivist erklärt, was Facebook-Nutzern blüht, wer Anonymous eigentlich ist und warum er für seine Überzeugungen nicht sein Gesicht hinhält

INTERVIEW ALISSA STARODUB

taz: Du bezeichnest dich als Anon, als Element von Anonymous, das sich an der Meinungsbildung und an der Durchführung von Aktionen beteiligt. Du bist Anonymous. Warum eigentlich?

Auch du bist Anonymous. Du kannst es in jenem Augenblick sein, indem du dich einer Aktion von Anonymous anschließt oder etwas im Namen von Anonymous unternimmst. Ich habe mich entschieden Anonymous zu sein, weil die Möglichkeit, frei sprechen zu können ohne die Gefahr, verfolgt zu werden, bei Anonymous ideell einen hohen Stellenwert einnimmt. Seit zwei Jahren verbinden sich die Aktionen von Anonymous fast immer mit politischem Widerstand in irgendeiner Form. Unter den Anons gibt es Linke, Anarchisten, Nazis, Kommunisten, Rassisten, Marxisten, Hippies, Aufklärer, Bürgerliche, Revolutionäre … Ich selbst lasse mich am ehesten als libertäre_r Sozialist_in einordnen. Ich bin Anonymous, weil ich die Rechte auf informationelle Selbstbestimmung, auf Freiheit von Zensur und auf Netzneutralität in der digitalen Welt verteidigen will. Das Internet ist meine Front.

Und an dieser Front kämpft Anonymous jetzt gegen Facebook. "Bereiten Sie sich auf einen Tag vor, der in die Geschichte eingehen wird: der 5. November 2011 - Operation Facebook" heißt es in eurer Videobotschaft. Was plant ihr denn?

Einen genauen Plan gibt es nicht. Das ist bei der dezentralen Organisationsstruktur von Anonymous auch nicht verwunderlich. Eine Presseerklärung von Anonymous wurde über die Webanwendung pastebin veröffentlicht. Darin wird explizit darauf hingewiesen, dass es sich diesmal nicht um eine Distributed-Denial-of-Service-Attacke, handeln soll, also eine Attacke, bei der ein Server durch eine große Menge koordinierter Anfragen von verschiedenen Rechnern überlastet wird. Sondern um eine spam-artige Aufklärungskampagne.
Wie soll das aussehen? In großen Massen sollen auf allen möglichen Kanälen Informationen darüber verbreitet werden, was für Daten Facebook erhebt, wie diese Daten verwendet werden und wie unmöglich es ist, diese zu löschen. Aber nicht jeder Anon wird Lust haben, sich an solch eine Ansage zu halten. Anonymous ist ein ziemlich anarchisches Kollektiv. Die Aktion wird sich jedoch nicht nur auf Facebook abspielen, sondern auf dem gesamten Spielplatz von Anonymous - dem Internet. Facebook soll so stark wie möglich geschädigt werden. Ziel ist es, dass so viele Benutzer wie möglich Facebook verlassen. Die Server von Facebook zu überlasten ist jedoch utopisch.

Weil deren Server-Kapazitäten für Anonymous viel zu groß sind?

Genau. Teil der Aktion wird auch sein, das System über speziell für den 5. November angelegte Facebook-Profile mit Spam zu überziehen. Von diesen Profilen gibt es jetzt schon ziemlich viele, schließlich braucht es Zeit sich dort Zugang zu sämtlichen Kommentarfunktionen und Pinnwänden zu verschaffen. Denkbar ist auch, dass Anonymous mit Spambots Nachrichten verbreitet, das sind Programme, die für das automatische Versenden von Spam geschrieben sind. Ich kann noch nicht sagen, ob ein solches Programm speziell für Facebook schon existiert. Aber falls es eines gibt, wird es sich bestimmt über die IRC-Chatserver von Anonymous verbreiten.

Warum ist es Anonymous nicht egal, wie Facebook mit den Daten seiner Nutzer umgeht? Die haben den Nutzungsbedingungen doch freiwillig zugestimmt.

Genau wegen dieser sogenannten Freiwilligkeit ist Aufklärung bitter nötig. Unsere Kritik richtet sich gegen die Datensammelwut der Firma Facebook und dagegen, dass die Nutzer sich nicht im Klaren darüber sind, an wen Facebook die gesammelten Daten verkauft und was für Konsequenzen das für sie hat. Nutzer glauben, dass private Informationen privat bleiben. Da irren sie sich. Das ist Anonymous nicht egal.

Glaubt ihr tatsächlich, dass sich Menschen von Anonymous überzeugen lassen? In verschiedenen Ländern wurden einige Anons verhaftet, schließlich sind eure Aktivitäten meist illegal. Wer hört schon auf eine Aufklärungskampagne identitätsloser Verbrecher?

Wir haben keinen Ruf zu verlieren, denn der müsste sich ja auf eine Identität beziehen. Anonymous hat aber keine Identität, denn Anonymous ist nur ein Aushängeschild dessen sich jeder bedienen kann, um in einer bestimmten Form in Aktion zu treten. Dass einige, die dieses Aushängeschild benutzt haben, verhaftet wurden, heißt nur, dass die Justiz sich Schuldige herausgepickt hat, um diese exemplarisch zu verurteilen. Doch angeklagt ist eigentlich die ganze Bewegung. Wenn sich jemand von uns überzeugen lässt, passiert das, weil wir gute Argumente haben.

Wenn eure Argumente gut sind, warum tretet ihr dann nicht mit euren Namen und Gesichtern an die Öffentlichkeit?

Um das zu beantworten, muss man das etablierte Vorurteil hinterfragen, warum eine Person, die für Rechte und Freiheit eintreten will, immer mit offenem Visier zu kämpfen hat. Besonders wenn es politische Konsequenzen nach sich zieht. Das war bis zum Ende der Französischen Revolution anders, da war es Autoren gestattet, im Schutz der Anonymität zum politischen Widerstand aufzurufen. Aus der Pflicht zur Namensnennung entsteht heute eine absurde Ritterromantik, denn wer seinen Namen nennt, riskiert Repression. Wir kämpfen gegen die bestehende Gesellschaftsordnung. Wer da sein Gesicht der Öffentlichkeit zeigt, wird schnell zum Ziel staatlicher Verfolgung. Die Verhaftungen von Anons zeigen, wie wichtig der Schutz unserer Anonymität ist, um dem Druck von staatlicher Seite zu entgehen.

Wann bist du eigentlich das erste Mal Anonymous geworden?

Zum ersten Mal habe ich mich im Herbst 2010 an einer Aktion von Anonymous beteiligt, als von der spanischen Regierung strenge Gesetze gegen Filesharing erlassen wurden.
Und was hat dich damals dazu getrieben? Die Wut über die Einschränkung der Freiheit des Einzelnen - wenn auch "nur" in der digitalen Welt. Unter unseren DDoS-Attacken ist die Webseite des spanischen Ministeriums für Kultur dann zusammengebrochen.

Auch wenn es bei eurem anarchistischen Kollektiv wahrscheinlich schwer zu prognostizieren ist: Was genau erwartet Facebook-Nutzer denn nun am 5. November?

Eine Überraschung! Es kann sein, dass die Aktion riesengroß wird und Hunderttausende Facebook verlassen. Vielleicht schweigen aber auch die Vöglein im Walde. Anonymous muss nicht zwangsläufig tun, was es selbst angekündigt hat.

Das würde doch bedeuten, dass Anonymous ernstzunehmende Mobilisierungsprobleme hat. Vielleicht sind eure Kommunikationsstrukturen einfach nicht mehr tragfähig genug, um die Gruppe zusammenzuhalten?

Anonymous hat keine Probleme. Wenn Anonymous sich in eine Richtung bewegen will, tut es das auch - weil es das will. Es gibt auch keine besseren Kommunikationsstrukturen als die Foren und Chatrooms, in denen wir miteinander sprechen. Anonymous wird nur als anarchistisches Kollektiv funktionieren. Danach richten sich die Mittel unserer Kommunikation: dezentral, hierarchiefrei, heterogen. Die Frage ist nur, ob diese Kommunikationsstrukturen weiterhin dafür ausreichen werden, um eine Schwarmintelligenz zu bilden. Die Gefahr ist immer, dass die Gruppe auf Grund ihrer Heterogenität zerfällt. Bei der "Operation Facebook" ist diese Gefahr besonders groß. Ob wir dennoch Facebook durch den Dreck ziehen können, wird sich am 5. November zeigen.

Dieses Interview wurde in einem Internet Relay Chat (IRC) geführt. In diesen anonymen Chaträumen tauschen Anons sich aus, planen Aktionen und mobilisieren für ihre Operationen.



Warum der 5. November?

 Der Termin: Anfang August kündigte Anonymous an, Facebook am 5. November anzugreifen. Dieses Datum ist nicht zufällig gewählt: Guy Fawkes, der Mann, dessen Maske die Anhänger der Anonymous-Bewegung tragen, verübte am 5. November 1605 ein Attentat auf den König von England.

 Das ist Anonymous: Ein Kollektiv, in dessen Namen sich weltweit digitale Aktivisten zu unterschiedlichen Operationen zusammenschließen. Ihre Wurzeln liegen in dem Protest gegen die Scientology-Kirche, für viel Öffentlichkeit sorgten ihre Blockaden der Webseiten von Sony und Mastercard.

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