Girls just wanna have fun

ORTSTERMIN Morgen fordern die Buranowskije Babuschki im ESC-Finale „Party For Everybody!“ Ihr russischer Alltag ist eher beschwerlich

■ Teilnehmer: 42 europäische Länder haben am ESC teilgenommen, 26 stehen am Ende im Finale. Favoriten sind die russischen Buranowskije Babuschki und die Schwedin Looren.

■ Übertragung: Das Erste zeigt das Finale am 26. Mai ab 21 Uhr, gegen Mitternacht steht der Sieger fest. Anke Engelke wird die deutschen Punkte verlesen.

■ Voting: Die Punktevergabe ergibt sich zur Hälfte aus einem Televoting (SMS oder Telefon) und dem Urteil einer fünfköpfigen Jury.

AUS BURANOWO KLAUS-HELGE DONATH

Ihr Tag beginnt immer gleich. 5.30 Uhr aufstehen, Ofen heizen, Wasser holen und das Vieh füttern. Galina macht das schon mehr als 60 Jahre. „Daran ändert sich auch heute nichts“, meint sie, während sie vor dem Küchenfenster Tomatensetzlinge in Blumenkästen pflanzt. Jetzt, Anfang April, liegt draußen noch hoher Schnee, sobald die Sonne untergeht, wird es wieder bitter kalt in Buranowo.

Galina Nikolajewnja ist der Motor des Folkloreensembles Buranowskije Babuschki, zu Deutsch „Omas aus Buranowo“. Freundinnen nennen sie in ihrer Sprache, dem Udmurtischen, „muschmumy“, die Bienenkönigin. Wohl weil sie alle mit ihren Ideen auf Trab hält. 73 ist sie, die Jahre sind ihr auch anzusehen, aber nicht anzumerken.

Im März gewannen die acht Großmütter die Vorausscheidung des Eurovision Song Contest 2012 in Russland. Das war eine Sensation. Die Zuschauer, vor allem die jüngeren, gerieten aus dem Häuschen, als die Trachtenomas mit leichten Bastschuhen und opulentem Halsschmuck auf die Bühne kletterten und „Party For Everybody!“ sangen. Eine Mischung aus „House of the Rising Sun“ und Klängen traditioneller Gebrauchsmusik. Irgendwie schon mal gehört. Das Publikum störte das indes nicht. Nach dem Gig der Greisinnen war der Wettbewerb entschieden. Die Seniorencombo stahl den übrigen Kombattanten die Show. Niemand hörte ihnen mehr zu.

Graue Revolution

„Come on and dance, come on and dance … Boom! Boom!“, forderten sie und hüpften Arme schwingend über die Bühne. Der englische Refrain sei ein Zugeständnis an die Eurovision gewesen, meint die künstlerische Leiterin Olga Tuktarewa. „Die Babuschkis sträubten sich, weil keine Englisch versteht.“ Von der „Party“ erzählen sie in ihrem finno-ugrischen Idiom. Sie ist eher ein lang ersehntes Familientreffen. Groß ist die Vorfreude, denn die Kinder aus der Stadt kommen endlich mal wieder ins Dorf. Grund zum Tanzen – come on and dance … Boom! Boom!

Der Text interessierte die Zuhörer nicht wirklich. Sie waren von den Babuschkis betört, die beim Refrain fröhlich über die Bühne trippelten. Keine Kosmetik, kein ausgeklügeltes Bühnenkonzept. Es war schon eine graue Revolution, als Natalja Pugatschewa, die kleinste und älteste Folkloristin (76), kokett in die Kamera lächelte. Mit Zahnlücke und Goldzahn. Der aalglatten Branche zeigten die Alten selbstbewusst Runzeln und Falten.

Zu Hause in Buranowo geht es bodenständig zu. Noch zumindest. Treffpunkt ist das einstöckige Kulturhaus, ein Ziegelbau mit Bühne und großem Saal. Ein Raum beherbergt ein kleines Museum mit Exponaten, die sie über die Jahre zusammengetragen haben. Altes Gerät für die Feldarbeit, Webstuhl und Reiseandenken. Die stammen vor allem aus Estland, wo die Truppe schon häufiger auftrat. Das Estnische gehört auch zur finno-ugrischen Sprachfamilie und die Esten sind ebenso leidenschaftliche Sänger. Das traditionelle Liedgut wurde in der „Singenden Revolution“ der Balten Ende der 1980er Jahre zu einer Waffe, mit der sie sich die Unabhängigkeit von Russland ertrotzten.

Um staatliche Selbstständigkeit geht es den Frauen jedoch nicht. Die Republik Udmurtien liegt mitten im Herzen Russlands. Am nationalen Erbe liegt ihnen indes schon etwas. „Wir haben in der Sowjetunion unsere Sprache nur zu Hause gesprochen“, erzählt Galina. Die resolute Babuschka arbeitete 40 Jahre als Kindergärtnerin. „Wenn ich mit den Kindern Udmurtisch sprach, wurde das nicht gern gesehen.“ Die Sowjets waren misstrauisch, auch wenn Folklore zur Ideologie der glücklichen Völkerfamilie gehörte. Wer nicht Russisch sprach, hatte der nicht etwas zu verbergen?

Viele Jüngere beherrschen die eigene Sprache nicht mehr, doch das Interesse sei wieder gewachsen. „Unsere Lieder gibt es schon als Klingelton, bei den Jüngeren kommt das gut an“, sagt Galina stolz. Gesungen haben die Frauen auch schon, bevor sie Ruhm erlangten. Die meisten Lieder sind melancholisch, traurig und sehr naturverbunden. Der Udmurte ist denn auch auf Deutsch „ein Mensch auf der Wiese“. Es sind Klagelieder über das schwere Los von Frauen, die den Hof allein versorgen und die Kinder ohne Mann großziehen müssen. Galina, Valentina, Soja – sie alle könnten davon ein Lied singen. Die Männer sind früh gestorben, der Alkohol hat sie dahingerafft oder sie seien Hallodris gewesen, die sich gleich aus dem Staub gemacht hätten, meint Galina.

Herzergreifende Lyrik

Unbeschwert war ihr Leben nicht. Gemeinsam zu singen, habe ihnen geholfen. Mit einer elegischen Weise traten sie 2010 bei der Vorausscheidung auch schon mal an. „Die lange, lange Birkenrinde und wie man aus ihr einen Aisch (Kopfputz) macht“, war die Klage einer verzweifelten und einsamen Frau. Die uralte Babuschka Lisa hatte die herzergreifende Lyrik gedichtet. Dass die Babuschkis ausgelassen über die Bühne sausten, passte zwar nicht zum Text, aber Udmurtisch verstand ohnehin niemand. Für den dritten Platz reichte es. Diesmal kümmern sich Profis um das Arrangement, die „Party for Everybody“ ist eine deutsche Komposition.

Volksliedensembles gibt es viele in der Republik. Aber keine wie die Buranowskije, die vor vier Jahren anfingen, Rockmusik auf Udmurtisch zu singen, „Let It Be“, „Hotel California“ oder „Smoke On The Water“. Am Nachmittag geben sie für die Journalisten, die inzwischen in Scharen in das Dorf einfallen, noch Queens „We Are The Champions“. Setzen sie auf Sieg? In Baku dabei zu sein, meint Valentina bescheiden, sei das Wichtigste – und alle nicken zustimmend. Natürlich wollen sie gewinnen, und die Chancen stehen nicht schlecht, zumindest bei Buchmachern und Insidern.

Im Hinterraum laden die Großmütter zwischendurch zu einem Imbiss. Schwitzkartoffeln mit Zwiebeln, Perepetsch, eine Spezialität aus Pilzen mit Käse, und Salate stehen auf dem Tisch. Jede hat etwas zu Hause vorbereitet. Galina zieht noch eine Plastikflasche aus der Schürze. Der Schnaps schmeckt wie Grappa und stammt auch aus der eigenen Destille. Die Zutaten gibt sie nicht preis.

Dass sie auf einmal zu Popikonen wurden, beunruhigt sie das? Der Alltag habe sich nicht verändert. Nur schneller müsse die Arbeit jetzt erledigt werden. „Wir entdecken die Welt noch einmal neu“, lacht Valentina. Die meisten waren aus der Republik nie herausgekommen. Moskau sei schon eine andere Welt, aber Nizza erst, sagt Valentina und kann es immer noch nicht verwinden, dass sie statt eines Badeanzugs warme Pullover einpackte: „Wir wussten nicht, wo das liegt!“ Die Souvenirs kleben am Eisschrank. Natalja, die Älteste, hat es von allen am schwierigsten. Sie muss vor jeder Reise den Mann um Erlaubnis bitten. „Wer füttert das Vieh?“, fragt er jedes Mal.

Früher war der Stolz des Dorfes die Sowchose 10 Jahre Udmurtische Autonome Sowjetrepublik. Sie ist längst eingegangen. Nur die riesigen Kornsilos am Ortseingang stehen noch. Unter der pulvrigen Schneedecke wirkt der Weiler wie gepökelt. Das Tauwetter im Mai wird die unasphaltierte Dorfstraße wieder in einen Wasserlauf verwandeln. Buranowo ist eine Siedlung wie tausende in der Provinz. Es gibt zwar Gas, doch nicht jeder Hof kann sich einen Anschluss leisten. Die Omas haben dem 600-Seelen-Dorf jedoch wieder etwas Leben und Hoffnung eingehaucht.

Große Freude

Als sie siegreich aus Moskau heimkehrten, war die Freude daheim groß. Eine Blaskapelle stand Spalier. Wenn sie jetzt auch noch in Baku gewännen, würde das Dorf zum Wallfahrtsort und die Straße endlich asphaltiert, meinten die Einwohner kühn.

Die Babuschkis haben anderes im Sinn. Von der Gage wollen sie die Kirche wiederaufbauen, in der Galina noch getauft wurde. Nach dem Abriss mauerten sich die Einwohner aus den Ziegeln neue Öfen. Krankheiten und Unglück hätten sie sich ins Haus geholt, sagt sie in der typischen Mischung aus christlichem Glauben und Naturreligion. Das Geld haben sie längst beisammen. Und was machen sie mit dem, was übrig bleibt? Darüber spricht man in Buranowo ungern.

Denn auch Neider gibt es schon. Der Erfolg sei doch nur eine Eintagsfliege, meinen einige. Die Alten kümmert das nicht. Sie wollen einfach noch einmal Spaß haben.

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