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  • 27.05.2008

die wahrheit

bastian sicks unterhaltungsfallobst von HARTMUT EL-KURDI

Korrektes Deutsch ist durchaus eine feine Sache. Vor allem für Menschen, die ihr Geld mit Schreiben verdienen. Sehr unfein ist es aber, wenn man sein Geld mit der Produktion von Büchern verdient, deren einziger Nutzwert darin besteht, halbgebildeten Wichtigtuern zu einer Gelegenheit zu verhelfen, andere Menschen auszulachen. Genau das macht Bastian Sick. Das Schlimmste daran ist aber, dass er auch noch behauptet, seine denunzierende, altkluge Erbsenzählerei wäre "lustvoll" und "unterhaltend".

Was Sick unter "lustvoll" und "unterhaltend "versteht, kann man übrigens sehr schön bei seinen Bühnenshows beobachten. Bis vor kurzem konnte ich dazu nichts sagen, weil ich schreckliche Angst davor habe, jemand anderem beim Peinlichsein zuschauen zu müssen. Das ist mir dann selbst so peinlich, dass ich augenblicklich im Erdboden versinken oder spontan Selbstmord begehen möchte, obwohl ich ja im Peinlichkeitsverantwortungssinne vollkommen schuldlos bin. Und da ich befürchtete, bei einer Sick-Performance in genau diese Situation zu geraten, blieb ich dieser Art der Mittelschichtsbelustigung gern und ohne Zwang fern.

Aber wie's manchmal so kommt, zappte ich neulich durch das Fernsehprogramm und erwischte leider in irgendeinem Kulturmagazin einen Ausschnitt aus Sicks Liveshow. Es handelte sich um die Anfangsnummer der lustigen Deutsch-Sause. Sick begrüßte das Publikum: "Meine Name ist Bastian Sick. Einige werden jetzt sagen, das ist doch der mit dem Dativ, andere werden sagen, das ist der mit dem Genitiv. Aber ich kann Ihnen versichern: Ich bin ein Mann für alle Fälle!" Inhaltlich ist das grottig und beschämend genug, schlimmer aber noch war der laienspielhafte Aufsageton, der dennoch eine vollkommen grundlose und groteske Stolz-wie-Oskar-Selbstsicherheit demonstrierte.

So geriet Sicks Showanfang ganz mühelos zu einem Akt der Selbstentblößung, wie man ihn sonst nur von talentlosen DSDS-Kandidaten kennt. Nur dass man mit diesen Mitleid empfindet, weil man weiß, dass sie keine Chance haben und im nächsten Moment vom pöbelnden Ein-Mann-Mob Bohlen auf unterstem Niveau beleidigt werden. Wenn allerdings irgendein Mensch einen Bohlen-Kommentar verdient hätte, wäre es Sick. Aber wahrscheinlich würde der dann doch nur einen Text über Bohlens Grammatikfehler schreiben, gegen den man selbst den stuhldoofen Dieter in Schutz nehmen müsste.

Letztlich ist Sick nur ein tantenhafter Bildungskleinbürger. Das Sicks Sprachkonservatismus auch mit einem gesellschaftlichen Lifestylekonservatismus korrespondiert, ist an einer Antwort abzulesen, die er in einem Interview auf die Frage gab, warum er glaube, dass das, was er tue, auch Jugendliche interessieren könne: "Viele wollen tatsächlich etwas erreichen. Und dazu gehören eben nicht nur eine solide Ausbildung und eine gepflegte Erscheinung, sondern auch eine gute Wortwahl, korrekte Sprache. Das ist meiner Meinung nach auch das beste Rüstzeug, das man mit in ein erfolgreiches, glückliches und erfülltes Leben nehmen kann." Muffiger hätte auch ein Ecki von Klaeden diese Binsen- und Halbwahrheit nicht formulieren können.

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