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  • 08.05.2014

Klimabericht zensiert

ZUKUNFT Schwellenländer strichen kritische Passagen im UN-Report. Daten könnten künftige Konferenzen entscheiden

VON BERNHARD PÖTTER

BERLIN taz | Der jüngste UN-Klimareport ist in wichtigen Passagen gekürzt und verwässert worden. Bei den Verhandlungen hinter verschlossenen Türen vor gut einem Monat in Berlin entfernten Regierungsdelegationen aus politischen Gründen umfangreiche Textteile und Grafiken aus dem wichtigsten Teil der Studie, der "Zusammenfassung für Entscheidungsträger" (SPM). Das belegen Aussagen von Teilnehmern der Verhandlungen sowie Dokumente, die der taz vorliegen.

Die Berichte des Weltklimarats der Vereinten Nationen (IPCC) werden von Wissenschaftlern erstellt, in einer letzten Runde aber von den Regierungen der UN-Staaten abgesegnet. Bei diesem Prozess rund um den Bericht der Arbeitsgruppe III des IPCC zu Politik und Wirtschaft des Klimawandels verschwanden Passagen, die sich mit Klimapolitik und der Entwicklung der Emissionen beschäftigen. Lange Absätze zum Stand der UN-Klimakonferenzen wurden ebenso wie Grafiken mit Emissionstrends in den nur von Spezialisten goutierten Haupttext mit über 1.000 Seiten verbannt. Der US-Ökonom Robert Stavins, einer der Autoren, beklagt, der Prozess sei "außerordentlich frustrierend" gewesen, das Resultat "teilweise enttäuschend". IPCC-Kollegen versuchten, Stavins per Brief zu trösten: Die Eingriffe zeigten doch, "dass die Regierungen die wissenschaftlichen Ansichten sehr ernst nehmen".

Die Forscher hatten erwähnt, wie mangelhaft der Klimaschutz trotz der Vorgaben des Kioto-Protokolls bislang vorangekommen ist, dass Schwellenländer wie Indien, China und Brasilien nicht zum Klimaschutz verpflichtet sind und dass sich alle Staaten geeinigt haben, ab 2020 ein bindendes Abkommen zu schließen. Solche Selbstverständlichkeiten stießen aber bei vielen Schwellen- und Entwicklungsländern auf Widerstand. Von eineinhalb Seiten Text blieb in der Endfassung nur noch eine magere halbe Seite übrig.

Ebenso zensiert wurden drei Grafiken, die den Zusammenhang zwischen höheren Einkommen und steigenden Emissionen von Klimagasen zeigen. Vor allem Staaten wie China, Indien oder Brasilien legen demnach rasant bei ihren Emissionen zu. Auch hier intervenierte nach Informationen von Teilnehmern in den vertraulichen Sitzungen eine große Gruppe um China, Indien, die Philippinen, Katar und die Malediven und versteckte die Darstellungen in der wenig gelesenen "Technischen Zusammenfassung".

Für Ottmar Edenhofer, Klima-Ökonom am "Potsdam Institut für Klimafolgenforschung" PIK und Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe III ist es "schade, dass die Regierungen beschlossen haben, diese Daten nicht in der SPM zur Kenntnis zu nehmen". Formal sei das Vorgehen der Delegationen nicht zu beanstanden, die Daten seien alle in anderen IPCC-Dokumenten einzusehen. Aber "von der Sache her ist das höchst bedauerlich".

Das Verhalten der Regierungen "unterminiert das Grundverständnis des IPCC", sagt auch Jochem Marotzke, Klimaforscher am Helmholtz-Zentrum Hamburg und Leitautor des IPCC-Berichts der Arbeitsgruppe I. "Diese Daten sind hochgradig relevant für die Politik, trotzdem haben diese Staaten das verhindert."

Hintergrund des massiven Eingriffs sind die UN-Klimaverhandlungen, die 2015 zu einem allgemeinen Abkommen führen sollen. Länder wie China und Indien fürchten, dass ihnen eine Klimaschutzverpflichtung auferlegt werden soll, die ihr Wirtschaftswachstum drosselt. Bisher argumentieren die Schwellenländer mit ihren geringen Pro-Kopf-Emissionen und den höheren Verschmutzungen durch die Industrieländer in den vergangenen Jahrzehnten. Doch die neuesten IPCC-Daten zeigen, dass die Schwellenländer sehr schnell mit den reichen Ländern gleichziehen. Bereits gegen 2027, so heißt es, würden auch die historischen Emissionen der Industriestaaten von den Schwellenländern erreicht werden - alle Staaten wären damit gleichermaßen zum Klimaschutz verpflichtet. Die klaren Aussagen dazu in der IPCC-Kurzfassung könnten also in den Klimaverhandlungen benutzt werden, um die Schwellenländer unter Druck zu setzen - das ist die Angst dieser Länder. Denn Aussagen in der SPM sind in den UN-Verhandlungen politisch bindend, weil sie Wort für Wort abgesegnet werden. Oder eben auch nicht.

Grafiken und Texte zu Emissionen und Klimapolitik sind in den Haupttext verbannt