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Ausgabe von: 10.08.2009
  • "Sportfunktionäre wachrütteln"

    REAKTIONEN Die taz-LeserInnen unterstützen den Boykott der Leichtathletik-WM. Sie sehen die Pressefreiheit bedroht oder freuen sich auf andere Themen

    Martin Behring, Lübeck: Es macht mich betroffen, dass nur die taz diesen Kontrollwahn als Einschränkung der Pressefreiheit ad hoc erkennt und die Kolleginnen und Kollegen der anderen Medien erst jetzt anfangen aufzuwachen. Andererseits: Glückwunsch an Sie! Sie demonstrieren, wie wichtig es ist, den Anfängen zu wehren. Und ist es nicht das, was wir aus unserer unseligen Vergangenheit zu lernen haben?! Bitte berichten Sie aus diesem aktuellen Anlass über das Verhalten der internationalen Medien und der MedienvertreterInnen bei der Olympiade in Berlin während der NS-Zeit. Bitte berichten Sie auch darüber, was die ausländischen Kolleginnen und Kollegen zu dem WM-Sicherheitscheck meinen. Und eine Stellungnahme der Deutschen Journalisten-Union (dju) als Sprachrohr kritischer Journalisten hätte ich auch gerne.

    Michael Rolf, Nürnberg: Eure Entscheidung, über die Leichtathletik-WM nicht zu berichten, unterstütze ich voll. Erstens sind Einschnitte in die Pressefreiheit nicht zu tolerieren, zweitens interessiert eine WM hochgezüchteter EPO-Kämpfer doch eh keine Sau.

    Martin Hübner, Wetter (Ruhr): Nur weil jemand die Rechte für Werbung, die Vermarktung und die Organisation übernimmt, um so erhoffte Profite zu erzielen, bleibt eine Leichtathletik-WM immer noch eine Veranstaltung des öffentlichen Interesses! Und hier gilt die Pressefreiheit des Grundgesetzes! Daher volle Unterstützung für euren Boykott! Aber auch Enttäuschung über eure Entscheidung gegen eine Klage! Wenn nicht die taz, wer dann?! Wenn so einfach öffentliche Interessen "privatisiert" werden können, dann Gute Nacht, Pressefreiheit, Gute Nacht, Grundgesetz, und Gute Nacht, Deutschland!

    Jürgen Tribowski, Berlin: Diese Entscheidung als Aufmacher zu bringen ist richtig und geboten. Hoffentlich rüttelt es andere Journalisten auf. Immerhin haben Tagesspiegel und DJV sofort reagiert.

    Arne Babenhauserheide, Mannheim: Nachdem unser Staat Hartz-IV-Empfänger immer mehr gängelt, sind meiner Ansicht nach Internetzensur und Überprüfung von Journalisten durch den Verfassungsschutz ein Versuch, unerwünschte Elemente von der Teilnahme am öffentlichen Diskurs abzuhalten. Für mich klingt das nach dem Versuch der Etablierung eines totalitären Staates unter den Augen der Öffentlichkeit. Zumindest werden die dafür notwendigen Grundlagen geschaffen und gesellschaftlich verankert. Daher finde ich es klasse, dass ihr euch weigert, dabei mitzumachen, und zumindest einen Teil der Öffentlichkeit darauf aufmerksam macht, dass da etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist.

    Holger Gundlach, Hamburg: Da ich die taz nicht der Sportberichterstattung wegen abonniert habe, stört mich der Verzicht in keiner Weise. Das Verhalten der Veranstalter ist aber vielleicht gar nicht so rechtswidrig, wie die taz und einige Datenschützer annehmen. Die WM ist nämlich nicht nur Sportveranstaltung (aber nicht öffentlich im Sinne von frei zugänglich), sondern auch - und sogar in erster Linie - Geschäft; insbesondere das Serviceangebot für Journalisten ist ein privatgeschäftliches, bei dem die Rahmenbedingungen (u. a. Sicherheitsüberprüfung) allein vom Anbieter festgelegt werden. Mensch muss sie nicht akzeptieren, kann dann aber das Angebot nicht nutzen. Genau wie der potenzielle Kaufhauskunde, der die Videoüberwachung nicht akzeptiert.

    Der Verzicht macht die taz nur wertvoller, bleibt doch mehr Platz für Wichtigeres.

    Magret Bonin, Bad Segeberg: "Winfried Hermann, Sportpolitiker von der Bundestagsfraktion der Grünen, sagt: ,Es handelt sich hier um einen weitreichenden Eingriff in die Pressefreiheit. Es besteht ja ein Zwang: Wer berichten will, muss unterschreiben.' " Gibt es den weitreichenden Eingriff nicht schon seit 2001 … an jedem Flughafen? Fliegen muss ja auch niemand, außer bei einer Zwangsausweisung. Ist der massenhafte Eingriff in die Freiheit Einzelner nicht der größere Skandal? Warum wollen Journalisten davon befreit und privilegiert sein und "Immunität" genießen?

    Anton Krapf, Bietigheim: Glückwunsch zu der Entscheidung, nicht über die Leichtathletik-WM zu berichten.

    Sorge bereitet nun die Tatsache, dass sich offensichtlich 3.200 Journalisten den Zwängen wohl kommentarlos unterworfen haben. Sollte hier nicht einfach Solidarität eingefordert werden, und könnten hier nicht zudem die Gesetze des "freien Marktes" wirken: Was geschieht, wenn niemand mehr von der WM berichtet? Der Welt würde dadurch kurzfristig nichts Wesentliches verloren gehen; vielmehr würden die Freiheitsrechte deutlich gestärkt. Und über die Verantwortlichen bei der WM brauchen wir uns auch keine Sorgen zu machen - auch dies regelt der "Markt" selbstständig - möglicherweise "basisdemokratisch"!

    Marianne v. Graeve, Frankfurt am Main: Ich bin sehr für Datenschutz und Pressefreiheit, weniger für "Leibesübungen". Deshalb begrüße ich Ihren Entschluss, nicht über die Weltmeisterschaft zu berichten.

    Leider sind Ihre Nachrichten über die Verletzung und Gefährdung der Pressefreiheit und der Menschenrechte, zum Beispiel in der heutigen Ausgabe auch auf Seite 18 über "die neoliberale Lobbyorganisation ,Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft' ", wichtig. Noch schlimmer ist die Bedrohung der kurdischtürkischen Journalistin Pinar Selek, die sich bedroht fühlt und im Exil lebt, weil sie eine Frau ist, (5. August, S. 13), fürchterlicher der Mord an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja, (taz, 6. August, S. 10) und ebenfalls skandalös sind die Menschenrechtsverletzungen in Teheran, (taz, 6. August, S. 2, "Auf dem Friedhof und im Kühlhaus"). Das alles ist sicherlich nicht so unterhaltsam wie die Berichte über irgendwelche Meisterschaften. Trotzdem wissenswert, und bravo dafür! Ein wenig Sport mag dabei sein für alle, die sich unter anderem auch dafür interessieren.

    Dieter Schwarz, Schwerin: Als Abonnent und Genosse habe ich wenige Aktionen (nicht zu verwechseln mit journalistischen Themen) der taz so gut gefunden wie diese Absage. Dies ist einmal eine klare Ansage an die Adresse der Politiker, die diesen Wildwuchs an Kontrollen und Datenabgleich entweder absichtlich oder vertrottelt zulassen; dann werden aber durch euren spektakulären Berichtsboykott endlich auch einmal die Sportfunktionäre wachgerüttelt, die bei ihren Veranstaltungen immer mehr Arbeit und Verantwortung an irgendwelche Unternehmen abtreten, die ihrerseits keine Hemmungen haben, die datengierigen Schlapphüte mit Journalistenpersonalien zu versorgen bzw. auf deren dubiose Sammelergebnisse zuzugreifen.

    Als notorischer Leichtathletikmuffel freue ich mich zusätzlich klammheimlich darüber, dass der Sportteil der taz nicht zwei Wochen lang durch überflüssige Berichte über die weltweit tüchtigsten Pharmamonster dieser Sportart verstopft wird.

    Anne Geipel: Da bin ich ganz eurer Meinung. Da seid ihr mal wieder Vorreiter für das übrige ängstliche Presse-Fußvolk!

    Sven Johannssen: Einzig und richtig finde ich die Entscheidung. Ärgerlich und beschämend finde ich die Tatsache, dass eure 3.700 Kollegen der Überprüfung zugestimmt haben. Offensichtlich seid ihr das einzige Blatt mit Rückgrat!

    Jörn Borges: Ich finde es schade, dass der Boykott genutzt wird, um eine Reaktion der anderen Medien zu provozieren: Sie berichten über den Boykott der taz. Das ist mir zu wenig. Wären nicht im Vorfeld Zeitungen wie etwa FR, Süddeutsche und Zeit nicht dazu bereit gewesen, das Thema zu problematisieren und gemeinsam mit der taz Druck aufzubauen?

    Helmut Pertz, Saarbrücken: Ich finde eure Reaktion gut und richtig. Es wäre notwendig, mehr solche Signale gegen eine allgemeine Überwachung zu setzen. Mit der Begründung der Terrorgefahr sind in Deutschland Strukturen entstanden, von denen wir vor mehr als 30 Jahren nicht "zu träumen gewagt" hätten. Weiter so!

    Susanne Müller-Rubelt: Eure Entscheidung gegen die WM-Teilnahme finde ich (er)mutig(end). Dadurch können nun auch andere JounalistInnen angeregt werden, ihre Haltung zum Thema "Überprüfung persönlicher Daten " zu überdenken - und sich mit euch gemeinsam für die Pressefreiheit einsetzen.