die tageszeitung von heute

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Ausgabe von: 05.02.2011
  • LESERINNENBRIEFE

    Change soll nicht stattfinden

     betr.: "Mubaraks Handlanger", taz vom 4. 2. 11

    In Ägypten erhebt sich das gesamte Volk gegen die mit dem Westen eng verbundene finstere Diktatur des Mubarak-Regimes. Die Polizei hat vor einigen Tagen die Szenerie verlassen und tritt nun in Zivil erneut als Schergen in Aktion - es ist der koordinierte und systematische Versuch des Regimes, mit Terror, Angst und Gewalt das Regime am "Leben" zu halten. Die Rede von den Gegnern und "Anhängern" Mubaraks, die "in Kairo aufeinander einprügeln", macht es den in Verlegenheit geratenen Mächtigen in den USA, in Westeuropa und in Israel möglich, von "Chaos" und "gespaltener Gesellschaft" zu reden und so die Vertreter des alten Regimes - wie den ehemaligen Geheimdienstchef Omar Suleiman - als angebliche Retter und Garanten von "Stabilität" und "Ordnung" ins Rampenlicht zu bringen. Change soll nicht stattfinden, nur die Maskerade ein wenig ansprechender sein. Hoffentlich ist das ägyptische Volk stark genug, dieses miese Spiel zurückzuschlagen. Hoffentlich sind wir stark genug, diese miese Hoffnung unserer Regierenden zu enttäuschen.

    STEFAN SCHMITT, Brüssow

    Geeiere

     betr.: "Kampf um Kairo", taz vom 3. 2. 11

    Kairo brennt. In einer Tage lang andauernden Demonstration fordern die Ägypter Menschenrechte und Freiheit ein. Sie werden verprügelt, erniedrigt und an Leib und Leben bedroht. Sie halten stand, unterstützen sich vorbildlich. Europa und die Amerika fordern die Einhaltung der Menschenrechte. Ein wachsweiches Geeiere. Sie warten jedoch auf drei Worte aus Europa und Amerika: "Mubarak muss weg!" MARIANNE SPÄH, Lorch

    Herrentouristen

     betr.: "Hauptsache, es regnet nicht", taz vom 3. 2. 11

    Wollen wir hoffen, dass der Tourismus zusammenbricht. Dann können sich die von Urlaubern zerstörten Korallen eventuell regenerieren. (Eine Sperrung des Suezkanals wäre ideal fürs Klima.) Es ist immer widerlich, über "Probleme" von Touris zu hören. Schlichtweg: Imperialisten. Was haben die da zu suchen? Herrentouristen, die in Diktaturen Urlaub machen, gehören eh wegen Paragraf 129 a vor Gericht.

    HalloHiHaHo, taz.de

    Opferrolle der "edlen Wilden"

     betr.: "Israel braucht unseren Schutz nicht", taz vom 3. 2. 11

    Amerika und der Westen sind die allein Schuldigen für alles Elend in Nahost und müssen sich umgehend demütigst entschuldigen - bei der gesamten arabischen Bevölkerung natürlich, die bis vor Kurzem, völlig unfähig am eigenen Schicksal, in der typischen Opferrolle der "edlen Wilden" verharrte. Wer Bedenken über Entwicklungen in Richtung Gottesstaaten à la Iran äußert, ist "islamophob", punktum. der Westen hat gefälligst ohne Wenn und Aber sofort auf sämtliche eigenen Sicherheitsinteressen zu verzichten und alle dort möglichen und unmöglichen politischen Entwicklungen schafsgeduldig zu ertragen. Schließlich haben wir ja einiges wieder gut zu machen - Imperialismus, Faschismus, Kolonialismus -, während die islamische Welt schon immer und zuvörderst ein Hort der Liebe und Toleranz war/ist.

    Nur gut, dass Phyllis Bennis und andere steueralimentierte PolitoLogen ihres Schlages, die meiste Zeit ziemlich sinn- und wirkungslos in irgendwelchen Think Tanks versauern.

    A.Bundy, taz.de

    Eine Revolution wie 1989

     betr.: "Mubarak enttäuscht sein Volk", taz vom 2. 2. 11

    Als ein freiheitsliebender Mensch kann ich nur stolz und gerührt sein vom Mut und der Entschlossenheit der Menschen in Tunesien und Ägypten. Wir stehen auf ihrer Seite und hoffen und bangen für sie. Das sind historische Momente, nur zu vergleichen mit der Revolution 1989 in Rumänien oder vielleicht der Unabhängigkeit der USA. Die arabischen Länder sind ein sehr wichtiger Teil unserer Zivilisation, ohne die arabischen Wissenschaftler und Denker hätte Europa die Nacht des Mittelalters vielleicht nie verlassen.

    Wir verdanken den Menschen im Süden des Mittelmeeres weit mehr als vielen bewusst ist. Diese Entwicklung kann an der Umgebung Ägyptens nicht vorbeigehen, das ist unausweichlich. Das bedeutet, dass auch die ungerechten, gewaltsamen und unmenschlichen Verhaltensweisen Israels in Palästina keinen Bestand haben können. Israel muss einsehen, dass es ohne Wohlergehen und Freiheit der Nachbarn keine Sicherheit haben kann. Zafolo, taz.de

    Das konnte so nicht weitergehen

     betr.: "Massen gegen Mubarak", taz vom 2. 2. 11

    Ich verstehe die Überraschung vieler Politiker über die Entwicklung in Ägypten überhaupt nicht. Als ich vor etwa fünf Jahren in Ägypten als Individualreisender im Lande unterwegs war, war mir klar, dass es mit Ägypten so nicht weitergehen kann. Ich konnte bereits damals einem zunächst sehr brutalen Polizeieinsatz zusehen, der nur durch unsere Anwesenheit etwas abgemildert wurde. Eine Nilkreuzfahrt von Luxor nach Kairo war nicht mehr möglich, weil der mittlere Teil Ägyptens sehr unsicher war. Eine Busfahrt von Luxor zum Roten Meer war nur zu bestimmten Zeiten und im Konvoi mit Polizeischutz möglich. Wer konnte da von einem sicheren Land sprechen?

    Eine Reisewarnung für ganz Ägypten hätte auch schon viel früher ausgesprochen werden müssen. Man sieht, dass Herrn Westerwelle das Wohl der Touristen weniger am Herzen liegt als die Profite der Reiseunternehmen! Auch die Äußerungen unseres Außenministers zu den Verdiensten von Herrn Mubarak sind ein Affront gegen alle Demonstranten, die für eine demokratische Entwicklung in Ägypten eintreten! THOMAS HENSCHKE, Berlin

    Israel zittert mit Mubarak

     betr.: "Die Angst vor den Islamisten", taz vom 1. 2. 11

    Ich denke schon, dass die meisten Demokraten überall auf der Welt sich über "Das Zittern der Despoten" freuen. Traurig ist, dass Israels Regierung mit dem Despoten Mubarak zittert. Lediglich Mubaraks Propaganda stört die Euphorie von Ägyptens "Wir sind das Volk", denn nur er sagt in Ägypten, dass ohne ihn ein Islamismus wie im Iran des Jahres 1979 droht. Warum machen Netanjahu, Peres und Co dabei mit? Kein ägyptischer Demokrat denkt derzeit an die Außenpolitik. Wenn Israel etwas droht, dann eine palästinensische demokratische Bewegung "Wir sind das Volk". Denn eine gewaltsame Intifada lässt sich leicht unterdrücken, nicht dagegen eine gewaltlose demokratische Bewegung. HANNES KÜPER, Werne

    Unterdrückung zählt nicht

     betr.: "Das Zittern der Despoten", taz vom 1. 2. 11

    Wo ansonsten der geringste Widerstand des Volkes gegen Diktatoren vehement gefördert, unterstützt und politisch kommentiert wird, da haben wir von und um die Diktatoren im Nahen Osten ein sehr widersprüchliches Bild. Der Maßstab scheint nicht die Unterdrückung des Volkes durch Diktatoren zu sein, sondern in wessen Interesse Diktatoren Politik machen. Wo ansonsten Völker sofort den Heldenstatus erlangen, wenn sie sich erheben, da hören wir zurzeit vielmehr besorgte Stimmen, was denn auf die Diktatoren folgen könnte. Also nicht die unterdrückten Völker sind größte Sorge. Zu Freiheit und Demokratie sollte es gehören, mit gleichen Maßstäben zu messen und zu urteilen. ROLAND WINKLER, Remseck

    Schande über Europa, Israel, USA

     betr.: "Kampf um Kairo" u.a., taz vom 3. 2. 11

    Für die blutigen Zusammenstöße der letzten Tage zwischen Gegnern und Befürwortern des Mubarak-Regimes mit vielen Verletzten und Toten tragen nicht zuletzt auch die USA, Israel und Europa die Verantwortung.

    Weder der amerikanische Präsident noch Merkel oder ein anderer europäischer Regierungschef haben sich rechtzeitig auf die Seite der demokratischen Opposition in Ägypten gestellt - von Schimon Peres ganz zu schweigen. Sie haben damit den weiteren Verbleib Mubaraks im Amt befördert und seine Anhänger ermuntert.

    Schande über den amerikanischen "Friedensnobelpreisträger" und Yes-we-can-Schwätzer, Schande über Europa, Schande über Israel, Schande über Deutschland. Selten habe ich mich so für dieses Land und seine Politiker geschämt. ECKART LÖHR, Essen

  • Leserinnenvorwurf

    Trendig, aber falsch

    Die Behauptung, die linke Schwulenbewegung habe bis in die Neunziger zum Thema sexueller Missbrauch geschwiegen, ist schlicht falsch. Günter Amendt hat bereits 1984 in "Sexualität konkret" sehr klar Stellung bezogen ("Nur die Sau rauslassen? Bei der Pädophilie sind viele Interessen im Spiel. Aber kaum die der Kinder"), Martin Dannecker auch schon 1987.

    Jan Feddersen ist ein zu belesener Mann, um dies nicht zu wissen. Aber es passt wohl nicht in das wohlfeile, derzeit trendige Narrativ.

    SOPHINETTE BECKER, Frankfurt am Main

    taz-Antwort

    Wohlfeiler Gestus im politischen Nirwana

    Liebe Frau Becker,

    Martin Dannecker, vor allem jedoch Günter Amendt haben in den - wenngleich spärlichen - Debatten um Pädosexualität stets als Sexualwissenschaftler argumentiert, der "Sexfront"-Autor verstand sich stets als nichtbewegungshaft, Dannecker vom Institut für Sexualwissenschaft in Frankfurt am Main sehr wohl. Das kreißend-krude Beharren auf Solidarität mit beinah jedweder sexueller Andersheit war seitens ihrer Verteidiger obendrein meist nicht persönlich-betroffen gemeint im Sinne eigenen Begehrens.

    Die Liebe zum Pädosexuellen speiste sich hauptsächlich aus dem irritierend-bockigen Wahn, sich politisch von bürgerrechtlichen (und damit auch bürgerlich zu erkämpfenden) Anliegen (Homoehe, also insgesamt rechtliche Gleichheit) abzugrenzen.

    Die allesamt doch sehr bürgerlich, um nicht zu sagen: saturiert lebenden Liebhaber des Subversiven bevorzugen bis heute den radikalen, irgendwie ja auch wohlfeilen Gestus im politischen Nirwana. Amendt und Dannecker gehören natürlich nicht zu diesen.

    JAN FEDDERSEN, taz-Redakteur

  • taz.de-Leserzitat der Woche

    Wenn Deutschland seine Freiheit am Hindukusch mit Schusswaffen verteidigen darf, dann dürfen Linksradikale ihre Freiheit auch in Berlin mit Steinen und Flaschen verteidigen

    VON USER RUMBLE IN THE JUNGLE