Es sollte ein gemütlicher Plausch über 68 werden. Doch dann meldete sich eine Zeitzeugin zu Wort und bezichtigte Podiumsteilnehmer Tilman Fichte, Lügen über ihren erschossenen Bruder zu verbreiten. VON ANDREAS FANIZADEH
Das Erbe der Achtundsechziger sorgt noch immer für überraschende Konflikte. Foto: dpa
Es hätte ein ruhiger Abend werden sollen im Berliner Brechthaus, am Vorabend des Attentats auf Rudi Dutschke am 11. April vor vierzig Jahren. Wagenbach-Autor Albrecht von Lucke (geb. 1967) im Gespräch mit Tilman Fichter (geb. 1937), um Luckes Buch "68 oder neues Biedermeier" vorzustellen.
Fichter war einer der Führungsfiguren im Berliner SDS der 60er-Jahre. Gewitzt, im väterlich Parlando, führt er in die Wagenbach-Schrift Luckes ein und sorgt gleich zu Beginn dafür, dass der Jüngere weiß, wer hier im Saal die Lufthoheit hat. Fichter kritisiert, rhetorisch gewieft, bevor Lucke überhaupt etwas sagen kann. Lucke, Redakteur der Monatsschrift Blätter für deutsche und internationale Politik, habe die "katastrophale Bedeutung" der Niederschlagung des Prager Frühlings nicht erfasst. "Albrecht, du bewegst dich nur auf westdeutschen Terrain", reibt er Lucke unter die Nase. Lucke, der so gerne seinen Götz-Aly'schen Abwehrkampf fortgesetzt hätte, muss an diesem Abend einiges erdulden. Das zeichnet sich schon früh ab. Fichter führt den jüngeren stellenweise vor und erntet aus dem Publikum durchweg zustimmendes Gemurmel.
Bis plötzlich eine Frau aus den hinteren Rängen Fichter abrupt unterbricht: Lucke solle endlich reden. Der bislang so souverän wirkende Fichter sackt regelrecht zusammen und moderiert seinen Vortrag ab. Lucke springt ihm noch höflich bei. Doch um Fichter scheint es mit der Störung plötzlich geschehen. Er murmelt noch ein "Du bist auf alle Fälle sehr lieb, Albrecht" und übergibt an Lucke. Der spricht wie eine zu schnell laufende Kassette und versucht, das zuvor an Fichter, den 68er-Zeitzeugen, verlorene diskursive Terrain wettzumachen. Doch es sollte nicht Luckes Abend werden - und auch nicht Fichters. Denn in der Diskussion ergriff erneut jene Frau das Wort, die Fichter am Anfang so rabiat unterbrach. Sie stellt sich als Verena Weisbecker vor, deren Bruder Tommy 1971 von der Polizei in Augsburg erschossen wurde. Der damals 24-jährige Weisbecker soll zur RAF gehört haben, eine Waffe hatte er jedoch nicht auf die Polizei gerichtet. Verena Weisbecker sagt, Fichter verbreite Lügen über ihre Familie. Fichter kontert, Verena Weisbecker und ihre Familie seien bis heute wegen der damaligen Vorfälle traumatisiert. Ratlosigkeit im Raum. Verena Weisbecker ist erregt und anscheinend ohne öffentliche Gesprächsroutine. Nur langsam dringt durch, worum es ihr geht.
In einem Gespräch mit der taz hatte Tilman Fichter 2005 behauptet, Tommy Weisbecker wäre in den versuchten Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus 1969 in Berlin verwickelt gewesen und hätte dabei den Exkommunarden Dieter Kunzelmann heftig attackiert: "Und der Kunzelmann, der Drecksack, sollte endlich erklären, wie er auf die Idee gekommen ist, die Bombe in den Mantel von Weisbecker einzuwickeln. Tommys Vater war Zahnarzt. Tommy hat den Tresor seines Vaters auf Anweisung der Tupamaros aufgebrochen, um daraus Zahngold zu klauen. Das ist alles ziemlich furchtbar. Denn schließlich hatten die Nazis ihren jüdischen Opfern das Zahngold aus den Kiefern herausgebrochen. Was hat der Kunzelmann für eine Psyche?"
Nun sagt Verena Weisbecker, dass dies furchtbarer Blödsinn sei. Ihr Vater sei kein Zahnarzt, sondern Internist gewesen, Weiteres von Fichter frei assoziiert. Das ist brisant. Es waren vor allem die Aussagen von Tilman Fichter und dessen Bruder Albert, die Kunzelmann in einen antisemitischen Bombenleger verwandelten, worauf Wolfgang Kraushaar 2005 sogar ein ganzes Buch stützte.
Ein taz.de-Dossier von 2008 anlässlich des 40. Jahrestages.
Das Jahr 1968 steht für einen immensen gesellschaftlichen Wandel – weltweit. Doch der damalige Traum von einer sozialistischen Revolution blieb im wirklichen Leben auf eine Revolte beschränkt. Vielleicht auch, weil die Hoffnungen der Studenten, die "Proletarier" für ihren Traum vom Sozialismus zu gewinnnen, nicht in Erfüllung ging, nur ein Aufstand ohne Lärm.
Der sich jedoch in kulturell bis heute auswirkt: Zumindest mehr Sex, Selbst und Rock'n Roll sind übrig geblieben. Ob 1968 nun mehr Gutes oder Schlechtes mit sich brachte, darüber diskutieren Historiker Götz Aly und Publizistin Katharina Rutschky - in einem Streitgespräch von Massenmörder Mao und bis zur Erfindung von Kinderläden.
Die Kulturrevolution hatte aber schließlich auch Spaß gemacht, wie sich Mathias Bröckers erinnert: Das war Leben! Und auch Uschi Obermaier musste mal zum Friseur - ein Gespräch mit Udo Walz, der sich damals an den Haaren der Zeitgeist-Ikone zu schaffen machte. Noch mehr in Mode als Uschi Obermaier war damals nur Theodor W. Adorno.
Doch manche seiner Jünger blieben bei der Rezeption nur an der Obefläche - es reichte aber für den intellektuellen Plausch beim Friseur. Aber während 1968 Nonkonformismus noch so richtig Spaß gemacht hat, ist es heute richtig schwierig geworden, sich modisch von der Masse abzuheben - und ziemlich ätzend noch dazu.
... nicht mehr Hartz IV, so will es Ministerin von der Leyen. Der neue Name soll "von unten" kommen. taz.de macht schon mal ein paar Vorschläge.

Wie jetzt, mit 17 schon alles erreicht? Milliarden gemacht, Romane geschrieben und die Charts geknackt? Auf wen wir wirklich neidisch sind.

Ein Jahr Obama: Nicht nur die Weltpolitik ist seine Bühne. Jetzt gibt es tatsächlich ein Obama-Musical.

Wär doch schade, wir hätten sie nicht notiert...


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