Das taz Print-Archiv

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Ausgabe von: 30.06.2004
  • Christliche Vorherrschaft

    betr.: "Gericht will Ludin oben ohne", "Kopfzerbrechen über Kopftuch-Urteil", taz vom 26. 6. 04

    Frau Schavan und Herr Busemann sollten sich in ihrem dubiosen Sieg nicht zu sehr aalen. Es ist kein ehrenhaftes Verdienst, in einem von vornherein asymmetrischen Kräfteverhältnis und in erpresserischer Art und Weise, unschuldige, junge Frauen in die Knie zu zwingen. Hier ging es weniger um einen sachlichen, fairen Prozess, als vielmehr um die Schaffung einer öffentlichen Bühne, auf der man seine Macht den muslimischen Frauen gegenüber demonstrieren wollte. Ihnen unmissverständlich und als Abschreckung für alle jungen muslimischen Frauen mit beruflichen Ambitionen, klar zu machen, was ihnen blüht, wenn sie sich nicht beugen vor der christlich-abendländischen Herrschaft.

    Anders ausgedrückt, dies stellt einen öffentlichen Akt der Demütigung der islamischen Welt da und läutet offiziell den postmodernen Kreuzzug gegen die Muslime ein. Denn jeder Vollidiot hat mittlerweile begriffen, dass es hier längst nicht mehr um die Lehrerinnen geht, sondern in Wahrheit um die Vormachtstellung der Kirchen in Deutschland. Sie fühlen sich scheinbar durch einen weiblichen, emanzipierten Islam dermaßen bedroht, so dass sie direkt oder indirekt, hier über das neue Landesschulgesetz, alles dransetzen, um diesen in jeder Form zu verbieten. […]

    HADICE SHARIF, Syke

    Das Kopftuch im Klassenzimmer stört per deutscher Definition den Frieden, das Kreuz nicht. (Oder war da mal was? Egal, für die Koalition der wollenden Menschen zählt nur die der Sache dienende Wahrnehmung, nicht die Wirklichkeit in der Provinz.) Der Frieden ist also nun durch Beschluss gesichert. Endlich dürfen sich deutsche Schüler auch an den entblößten Köpfen islamischer Lehrerinnen erfreuen. Vielleicht lenkt das ja die durch schon so viele andere Sinneseindrücke verwirrten Schüler von der Nabelschau bei ihren Mitschülerinnen ab und bringt sie so irgendwelchen Lernzielen näher. Die deutsche (also europäische) Kultur ist gerettet, und sonst haben wir ja kaum andere Probleme. GÖTZ KLUGE, Eching

    Nun hat sich ungefragt die EU-Kommission eingeschaltet. Die Generaldirektion Beschäftigung und Soziales hat die mehr als nur berechtigte Sorge, dass die Anti-Kopftuch-Gesetze verschiedener Bundesländer mit dem Diskriminierungsverbot des europäischen Rechts unvereinbar sein könnten. Das ist noch sehr zurückhaltend ausgedrückt, denn diese Gesetze sind schlicht unvereinbar mit den Gleichbehandlungsrichtlinien der EU und mit der Europäischen Konvention der Menschenrechte und Grundfreiheiten.Warum also wird dennoch immer wieder von "interessierter" politischer und auch juristischer Seite dieses Thema bewusst bösartig nach "vorne gepeitscht"? […] KLAUS ZINNER, Bochum

  • Zickige Pauschalvorwürfe

    betr.: "Die Angst des Entertainers" von Robert Koehler, taz (Kultur) vom 24. 6. 04

    Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, hier schreibt ein beleidigter Cineast, der es nicht ertragen kann, das der Juryleiter von Cannes "Fahrenheit 9/11" tatsächlich für den besten Film hält. Köhler zieht sich stattdessen auf ebenso unhaltbare wie zickige Pauschalvorwürfe zurück: "Schlechtes Handwerk, schwache Beweise, noch schwächere Recherche".

    Dabei lässt Robert Koehler jegliches Gespür für das aktuelle Umfeld und den Anspruch des Filmes vermissen: Moore hat erklärtermaßen keine feinsinnige soziologische Meditation produziert, sondern einen Film, dessen Aufgabe es ist, zur Abwahl von George W. Bush beizutragen. Der inhaltliche Anspruch des Films zielt auf amerikanische Durchschnittswähler, denen viele Zusammenhänge eben nicht so klar sein dürften wie "Mr. Know-it-all" Robert Koehler. Gleichzeitig muss Moore vorsichtig argumentieren, weil eine Armada republikanischer Anwälte bereitsteht, "Fahrenheit 9/11" auch nur beim kleinsten sachlichen Fehler in der Luft zu zerreißen. Offensichtlich missfällt Robert Koehler auch die Ästhetik des Films. Was aber ist so schlimm daran, dass das Produkt mehr MTV und weniger Godard ist? Moore hat sein Handwerk in den 90er-Jahren eben überwiegend mit seinen satirischen Fernsehmagazinen entwickelt - und nicht mit Low-budget-Kurzfilmen. Aufwachen, Herr Koehler! Michael Moore ebnet vielleicht einer neuen Generation von Dok-Filmern den Weg, die mehr mit ihren Filmen wollen, als gepflegte Kunstgespräche. Und es könnte noch schlimmer kommen: am Ende gelingt es Moore gar, den Dokumentarfilm aus den Krallen kunstverliebter, komatöser Cineasten zu befreien … TARIK AHMIA, Berlin

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor.

    Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.
  • Bewegung in die richtige Richtung

    betr.: "Keine Rolle vorwärts" (Geschlechter in tradierter Arbeitsteilung verfangen) von Uta Meier, taz vom 25. 6. 04

    Männergruppenerfahren, wie ich bin, sehe ich im Zusammenleben und Umgang von Frauen und Männern miteinander mehr als eine Rolle vorwärts. Der all zu oft mit Zahlen belegten wissenschaftlichen Sichtweise auf das sicher weiterhin bewegungsbedürftige Beziehungsfeld liegen eher männliche Kriterien zu Grunde. Lebenssperspektive und Glück in Beruf, Arbeit und einem mehr macht- als beziehungsorientierten Sein zu sehen, erscheint noch immer das Erstrebenswerteste. Das Private der Beziehungen wird mehr durch Freundeskreise, Konflikte, Gespräche und Vorbilder bewegt als durch statistische Erfassungen, Gleichstellungsgesetze und die Praxis des Gender-Mainstreaming.

    Auch wenn es kaum noch Männergruppen, die sich reflektierend mit ihrem Mannsein beschäftigen, gibt, sehe ich bei meinen Söhnen und deren Generation durchaus den Wunsch und die Fähigkeit Alltag, als Paar gleichberechtigt gemeinsam miteinander zu gestalten und zu leben.

    Mehr Freiheit, mehr Möglichkeiten des Strebens nach Glück und mehr Erfüllung der individuellen Wünsche hat es aus meiner Sicht auch hier noch nicht gegeben. Eine Rolle vorwärts mag das nicht sein - die Bewegung von Frauen und Männern scheint mir allerdings meist in die richtige Richtung zu gehen. ROLF SCHEYER, Köln