Das taz Print-Archiv

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Ausgabe von: 29.11.2007
  • Wir feiern Anne Will nicht

    betr.: "Und das ist auch gut jetzt", taz vom 21. 11. 07

    Über die furiose Schlagzeile der Bild wurde ich gestern von meiner Lebensgefährtin ins Bild gesetzt, wir haben beide herzlich darüber gelacht. Aber heute schon wieder: Anne Will an jeder Ecke, und alle (?) Lesben feiern die Will. Hm. Also wir feiern die Will nicht, und ich denke, Anne will das auch nicht.

    Ich lebe seit zehn Jahren lesbisch, weder ich noch meine Lebensgefährtin noch Freundinnen ließen sich in Kategorien wie dumm, ungebildet, schlecht gekleidet, stillos, unattraktiv oder männerhassend durch die Welt laufend beschreiben. Aber ja, es gibt diese Vorurteile, wie solche von einer Sexualpsychologin Baumann (Gott bewahre uns alle vor weiteren Artgenossen dieser Zunft). Und ja, es gibt Klischeedenken wie das eines Herrn Wagner, der allerdings nicht einmal ein homosexuelles Klischee bedient, sondern einfach nur eine sexistische Männerfantasie. Aber ja, wir können damit umgehen, lächelnd, warmherzig, Augenbrauen mal charmant, mal mahnend hebend, mal zornig und auch streitbar, und wir bauen genau so täglich, mal langsam, mal schnell, manchmal gar nicht, in unserem Umfeld ebendiese und andere Ressentiments ab.

    Und: Nur weil man homosexuell ist, muss man sich noch lange nicht in diversen Szenen, Foren und Vereinen betätigen und mit wehender Regenbogenfahne zum Vorstellungsgespräch erscheinen, und man darf sich den örtlichen CSD auch mit Sonnenbrille von weitem anschauen.

    Aber: Eine intelligente, wortgewandte Frau mit der Bildung und dem Format von Anne Will, warum so lange eine solche Zurückhaltung? Natürlich: "Jede braucht so lange für ihr Coming-out, wie es für sie richtig ist." Aber dafür, dass es wieder eine nicht geschafft hat, frühzeitig den Mut zu beweisen, zu sich selbst zu stehen, ist jedes Wort zu viel. Hätte man von einer wie der Will nicht erwarten müssen, dass gerade sie - schlagfertig, durchsetzungsfähig - zu ihrer Orientierung steht und ihren Weg trotzdem geht? Viele andere tun das, und nur so wird sich etwas ändern. Aber eine zur Ikone machen, die ihre Schäfchen längst im Trockenen hat - nein danke. Auch das ist die Meinung der Lesben im Lande, und nicht von zu wenigen. Und ich denke: Auch das denkt Anne Will. SIMONE HUTNER, Dachau

  • Kuscheln mit der CSU

    betr.: "Machtkampf um BUND-Spitze", taz vom 24./25. 11. 07

    Der bayerische Vorsitzende des BUND-Landesverbandes (Bund Naturschutz), Hubert Weiger, hat gemeinsam mit der bayerischen Staatsregierung am 21. 10. 2004 das heftig umstrittene "Klimabündnis" unterschrieben. Bei bisheriger Ergebnislosigkeit stand im Ziel lediglich das Kuscheln mit der CSU-Staatsregierung samt Foto mit Landesvater Stoiber, um sich so profilieren zu können. In den Medien konnte jedoch die CSU das prächtig ausnutzen.

    Weiger bekam heftige Kritik aus den eigenen Reihen, und es gab auch mehrere Gelegenheiten zum Ausstieg des Bund Naturschutz aus dem "Klimabündnis", womit auch die Untätigkeit der CSU in Sachen Energiesparen und Klimaschutz hätte aufgezeigt werden können. Stattdessen ein "Weiter so!", Ignoranz und letztlich das Festhalten an der eigenen Unfehlbarkeit. Viel Schaum und Phrasen, was aber bei der bayerischen Staatsregierung üblich und Herrn Weiger durchaus bekannt ist. Sie schreiben, auch Herr Hubert Weiger wolle als BUND-Vorsitzender "weniger kuscheln und mehr angreifen". Das zu lesen, ist gar nicht lustig, denn die Erfahrungen beim bayerischen "Klimabündnis" sehen dazu genau entgegengesetzt aus!

    THOMAS TEICHELMANN, München

  • Gesellschaftliche Bankrotterklärung

    betr.: "Selbsttötung als Gesellschaftskonzept?" taz vom 24. 11. 07

    Eine Selbsttötung medizinisch begleiten zu wollen und das als Sterbebegleitung zu verkaufen, ist eine Farce. Der Mediziner, der sich dazu bereit erklärt hat, muss gefragt werden, ob das seine Einstellung als - pensionierter - Arzt ist und ob er schon mal was vom hippokratischen Eid gehört hat!

    Selbst, wenn das Leiden eines Menschen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Tode führt, bedeutet Sterbebegleitung, dass dieser kranke Mensch in der Zeit des - manchmal qualvollen - Sterbens nicht allein gelassen wird, sondern man ihm menschlich nahe ist und man ihm den Übergang erleichtert. Das ist nicht nur mühsam für den Sterbenden, sondern auch für den Begleiter. Es ist deshalb eine gesellschaftliche Bankrotterklärung, das Leben einfach abzukürzen und das auch noch salonfähig machen zu wollen mit Institutionen wie Dignitas. IMME KLEE, Hamburg

  • Weltmeister im Protzautobau

    betr.: "Merkel warnt vor Scheitern des Klimaplans", taz v. 27. 11. 07

    Es ist schon penetrant, wie sich Frau Merkel als Umweltengel aufspielt, ohne vor der eigenen Haustür zu kehren. Was eiert die Union jetzt wieder herum, damit unsere Autoindustrie weiterhin Weltmeister im Protzautobau bleibt! Kein Wort über das Tabu des Tempolimits und bezeichnenderweise kein Wort über die Bahn als Alternative zum Autowahn, soweit Hannes Koch von der Klimakonferenz der Union berichtet. Aus Deutschland kommen nur schöne Worte und Ermahnungen - die Umweltstandards müssen uns inzwischen von der EU aufs Auge gedrückt werden! SABINE MIEHE, Marburg

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.
  • Was sagen Sie dazu, Herr Platzeck?

    betr.: "Bildungschance währt 90 Minuten", taz vom 26. 11. 07

    Schüler in der sechsten Klasse eine Vergleichsarbeit schreiben zu lassen und nur die auf das Gymnasium zu lassen, die einen bestimmten Schnitt erreichen, ist der falsche Weg. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. In der Grundschule tat ich mich schwer, auf der Orientierungsstufe konnte ich in Mathe gar nicht und in Deutsch nur mit Mühe mithalten. Ich kam auf die Hauptschule und machte dort meinen Abschluss. Da ich keinen Ausbildungsplatz bekam, ging ich weiter zur Schule und boxte mich bis zum Abitur auf dem zweiten Bildungsweg hoch. Nun studiere ich Germanistik und Kulturwissenschaften an der Universität Bremen. Was sagen Sie dazu, Herr Platzeck? ANDREAS LINZ, Bremen