Das taz Print-Archiv

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Ausgabe von: 26.01.2008
  • Neoliberaler Kardinal

    betr.: "Ihm folgt ein langer Winter", taz vom 16. 1. 08

    Der "unfassbar belesene Intellektuelle", Kardinal Karl Lehmann, "brillanter Universitätsprofessor" und schließlich ein "altersmilder Gottesmann", "menschlich ausgleichend und offen", stimmte 2002 auf einer Veranstaltung der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft in Berlin der Forderung von Ärzten, Arbeitgebern, CDU/CSU und FDP zu, die "Eigenverantwortung" der Sozialversicherten zu stärken und den "überdehnten Wohlfahrtsstaat" in seine Schranken zu weisen.

    Zwischen der sozialen Marktwirtschaft und der katholischen Soziallehre habe "eine endgültige Annäherung und geradezu eine Art Versöhnung stattgefunden". Dies bedeutete bei Kardinal Lehmann uneingedenk der Tatsache massiver verteilungspolitischer Schieflagen in Deutschland, "dass die sozialpolitische Unterstützung bei steigendem allgemeinen Wohlstand nicht wachsen kann, sondern zurückgenommen werden muss" ("Mehr Eigenverantwortung in der sozialen Sicherung", Arbeitgeber 7/54, S. 25).

    Ähnliches äußerte im Übrigen auch sein evangelischer Kollege Bischof Huber, der in seiner Neujahrspredigt 2004 aufforderte, "schärfere soziale Gegensätze auszuhalten". Erst nach Protesten zahlreicher BürgerInnen (wie der MontagsdemonstrantInnen im Herbst 2004) äußerten sich beide kritisch über die Politik des Sozialabbaus und wiesen auf die Bedeutung des sozialen Ausgleichs hin. Ich denke, eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Lebensleistung des liberalen (oder neoliberalen?) Kardinals Karl Lehmann wäre ehrlicher und interessanter gewesen. GLORIA DOHM, Göttingen

  • Auf Augenhöhe mit Abgeordneten

    betr.: "Mehr Angebot fürs Geld", taz vom 22. 1. 08

    Prof. Grottian ist wirklich zuzustimmen: Bei der angelaufenen Tarifrunde im öffentlichen Dienst liegt der Schlüssel bei den Gewerkschaften. Ja, bis zu 1,5 Prozent wollen wir in Kitas, Schulen, Förderprogramme für Migrantenkinder, Hochschulen und andere Bildungseinrichtungen investieren. Aber bitte nicht zu Lasten der Beschäftigten! Wir haben doch inzwischen genügend praktische Erfahrungen gemacht, dass Lohnverzicht keine Arbeitsplätze schafft.

    Um also seitens der Wissenschaft gewerkschaftspolitisch auf gleicher Augenhöhe zu bleiben, finden sich diese noch fehlenden Prozente nach der Messlatte der 9,4 Prozent Lohnerhöhung der Bundestagsabgeordneten wieder. Die noch fehlende Aufstockung der 8 zu den 9,4 Prozent sind ideal angelegt in positive, zukunftsweisende Struktureffekte. Geld dafür ist genug da. Zum Beispiel haben sich mühelos Tornados für Afghanistan zusätzlich finanzieren lassen. Damit können die Gewerkschaften in der Öffentlichkeit an Boden gewinnen, wenn Tarifpolitik und die gesellschaftspolitische Bedeutung öffentlicher Dienstleistungen von der Wissenschaft so zusammengedacht werden. HELMUT WODA, Karlsruhe

  • Andere Gründe fürs Pendeln

    betr.: "Im Grünen wohnen wird teuer"

    Von Bonn nach Düsseldorf (ca. 80 km) fahren allein mit der Bahn jeden Morgen ca. 400 bis 500 Pendler. Da die Preise für Grundstücke im Umland von Bonn nicht wesentlich niedriger liegen als in Düsseldorf, kann man davon ausgehen, dass diese Leute aus anderen Gründen pendeln als wegen eines "Häuschens im Grünen". In den meisten Fällen ist es wohl so, dass der Partner bzw. die Partnerin in Bonn arbeitet und man deshalb nicht umziehen kann.

    Die taz sollte besser mal die Ungerechtigkeit thematisieren, dass ein Selbstständiger sämtliche Autokosten, also Anschaffung eines Fahrzeugs als auch laufende Kosten, steuermildernd geltend machen kann, der abhängig Beschäftigte aber lediglich 30 Cent pro Entfernungskilometer (falls die aktuelle Regelung gekippt wird). Dabei kostet eine Monatskarte mit der Bahn für die Fahrt von Bonn nach Düsseldorf 212 Euro. HANS-JOACHIM FEIH, Alfter

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.
  • Abgehalfterter Exminister hält Hof

    betr.: "Abrocken im Kurhaus", "Grüne vereint im rot-grünen Glaubensbekenntnis", taz vom 23. 1. 08

    Wieso glaubt ihr eigentlich, dass wir LeserInnen über jeden kleinen Pups der Grünen alles wissen wollen? Etwa wie in der heutigen Ausgabe: Ein abgehalfterter Exminister hält Hof und ihr fallt auf dessen Personality Show herein. Auf einer ganzen Seite von Inhalten keine Spur - und das nur ein paar Tage vor der Landtagswahl. Das ist geradezu ein Musterbeispiel für verflachte Berichterstattung.

    Ist das die Symbiose der taz und der Grünen? Show, Personality & Joschkas dicker Wanst sind doch viel schöner, als über eine möglicherweise träge inhaltliche Aufstellung der Grünen zu berichten.

    GERNOT SOMMLER, Bremerhaven

  • Städter dieseln mehr

    betr.: "Im Grünen wohnen wird teuer", taz vom 24. 1. 08

    Laut Annette Jensen dieseln alle, die ein Haus "im Grünen" haben, "ihre Mitmenschen tagtäglich mit Autoabgasen ein […] während Busnutzer, Radler und Fußgänger benachteiligt" werden. Dies ist etwas zu pauschal. Auch ich wohne auf dem Land und arbeite mitten im Ruhrgebiet in Essen. Meinen Arbeitsweg lege ich tagtäglich - wie viele andere aus meinem Dorf auch - mit dem Fahrrad und der Bahn zurück. Aus ökologischen Gründen und weil es schneller ist. Die meisten meiner Kollegen aber, die in der Stadt wohnen, fahren mit dem Auto zur Arbeit. PAUL HOCHMANN, Haltern am See

  • Angstgegner von RWE

    betr.: "SPD schließt Clement kurz", taz vom 21. 1. 08

    Leider hat den Subtext niemand bemerkt : Hermann Scheer ist Angstgegner von RWE! Damit ist er der richtige Mann für das Hessische Umweltministerium. Anderenfalls hätte es die RWE, für die Clement schreibt, gar nicht nötig gehabt, in den hessischen Wahlkampf einzugreifen. Solche Unternehmen pflegen doch die guten Beziehungen zu allen Parteien, wo es nur geht. Dass sich das viel besser rechnet, als ein Konfrontationskurs, hat der "Atomausstiegskonsens" doch gut genug gezeigt. AUREL JAHN, Darmstadt