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Ausgabe von: 14.07.2008
  • Nicht aus Nichts geschaffen

    betr.: "Lebenslüge der Väter. Tom Segev entzaubert Israels Mythos von den selbstlosen Pionieren und Staatsgründern",

    taz.mag vom 5. 7. 08

    Der Staat Israel wurde nicht aus dem Nichts geschaffen und der Gründungsmythos wurde später geschrieben, um die Vertreibung der arabischen Bevölkerung Palästinas, die ja bis heute andauert, wenigstens teilweise zu rechtfertigen.

    Tom Segev klärte in einem früheren Buch die Rolle der Briten bei der Verwirklichung des zionistischen Projekts während der Mandats- bzw. Kolonialverwaltung in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Auch der "Unabhängigkeitskrieg" wurde nicht von den arabischen Nachbarstaaten eröffnet, sondern begann schon während der britischen Mandatszeit als Eroberungskrieg der Juden, die zwar den Teilungsbeschluss der UNO begrüßten, jedoch mit der Grenzziehung nicht zufrieden waren und die "ethnische Säuberung" der von ihnen eroberten Gebiete umsichtig geplant hatten. Misiks Aussage, die "Regierung … zeigte … sich erschüttert von den Gräueltaten" ist verfälschend und geeignet, falsche Mythen zu retten.

    Ilan Pappe hat die Dinge in seinem Buch akribisch recherchiert ("Die ethnische Säuberung Palästinas"). Der jüdische Staat sollte nicht mehr als 20 % arabischen Bevölkerungsanteil haben. Im Übrigen gab es bezüglich der Westbank Absprachen mit dem jordanischen König, der über die einzige schlagkräftige Truppe verfügte, so dass eine wirkliche Gefahr für den jungen Staat nicht bestand. Die heutigen Probleme gehen wesentlich auf die nach dem Krieg von 1967 eingeleitete Besiedelung der Westbank (also der letzten 20 % Land, die den Palästinensern geblieben waren) zurück. Inzwischen muss man die Auseinandersetzungen wohl als den ältesten Krieg um Wasser auffassen: Israel bezieht ca. 70 % seines Wassers aus dem besetzten Golan und der Westbank. Der Gazastreifen wurde mit versalzenen, weil von den Siedlern übernutzten Brunnen zurückgegeben. Bei unseren Politikern werden die Lebenslügen, die Gründung Israels betreffend, aber weiter Bestand haben: sie sind wild entschlossen, die Verbrechen der Nazis auf Kosten von Dritten (der Palästinenser) an den Israelis wieder gutzumachen: dazu müssen die Israelis ihren Opferstatus behalten. Wie sagte doch Joschka Fischer: Antizionismus (also Kritik an Israel, P. F.) ist Antisemitismus.

    PETER FREUDENTHAL, Hamburg

  • Ein Lichtblick im Dunkeln

    betr.: "Wie schützen wir uns vor Korruption, Herr Homann?",

    taz vom 7. 7. 08

    Will man über die normativen Grundlagen und die damit verbundene Legitimation der Marktwirtschaft diskutieren, so muss man alle Beteiligten mit einbeziehen, in der heutigen Welt bedeutet dies zumeist, über die eigenen Grenzen hinaus-schauen zu können.

    Daraus folgt zweierlei: Eine Untersuchung, welche normativen Forderungen in der Welt an die Marktwirtschaft gestellt werden, erscheint schwierig (1.) und ein Handlungsschema aus diesen unwahrscheinlich heterogenen Wertevorstellungen auszumachen wird unmöglich. Es gibt aber noch die Möglichkeit, über Ethik zu diskutieren, ohne wirklich alle teilnehmen zu lassen (entgegen dem Konzept der Diskursethik, aber es erscheint schwer, hier alle Beteiligten an der Diskussion teilnehmen zu lassen). Man muss eben nur versuchen ihren Standpunkt in der Diskussion zu berücksichtigen, durch Vertreter ihres Standpunktes (Prinzip Demokratie?) oder reflexionsfähige Diskussionsteilnehmer. Fragen Sie doch mal einen indischen Stofffärber, der wahrscheinlich Ihr T-Shirt gefärbt hat, was er zu sozialer (?) Marktwirtschaft in und aus (?) Deutschland sagt. Das klingt polemisch, bringt die Sache aber auf den Punkt.

    Zu Adam Smith möchte noch gesagt sein, dass er vor seinem vieldiskutierten Konzept der Marktwirtschaft ein ethisches Fundament gesehen haben möchte, er macht dies in einem eigens dafür geschriebenen Buch deutlich. Dass nur natürliche Personen ein Gewissen haben, erscheint plausibel, doch dass sie es auch wirklich benutzen oder benutzen können, kann nicht unbedingt behauptet werden. Ich behaupte, dass viele Menschen ein pervertiertes Verhältnis zu ihrem Gewissen haben, v. a. in den Bereichen unserer Gesellschaft, wo wohlklingende Ethik-Richtlinien verfasst werden, um damit das Gewissen dann als "abgehakt" anzusehen. Es gibt Unternehmen und Verbände, die ihre Ethik-Richtlinien ernst nehmen und erkannt haben, dass diese mit ins Zentrum eines Unternehmens oder Wirtschaftssystems gehören, Gottlob! Ein Lichtblick im Dunkeln.

    WOLF SINGLE, Nürtingen

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.
  • Ein weit verbreiteter Irrtum

    betr.: "Kein Anreiz zur Einbürgerung"

    In Ihrem Kommentar weisen Sie auf eine wichtige Schieflage der Einbürgerungsdebatte hin. Wir möchten jedoch folgenden kritischen Punkt berichtigen: Es ist ein weit verbreiteter Irrtum anzunehmen, dass seit 2001 jedes Kind, das hier zur Welt kommt, ein Recht auf die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Laut Bericht der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung aus dem Jahre 2005 beläuft sich der Anteil der Kinder, die einen solchen Anspruch haben, nur auf ca. 50 %, denn mindestens ein Elternteil muss sich seit acht Jahren rechtmäßig hier aufhalten und eine Niederlassungserlaubnis besitzen - eine Voraussetzung, die Eltern mit niedrigem Einkommen oftmals nicht erfüllen. TIO-Beratungsstelle, Berlin

  • Strenge Voraussetzungen

    betr.: "Kein Anreiz zur Einbürgerung", Kommentar von Daniel Bax, taz vom 9. 7. 08

    Welch grausige Fehlinformation in dem Kommentar von Daniel Bax: Nicht "jedes Kind, das hier zur Welt kommt", hat ein Recht auf die deutsche Staatsbürgerschaft, sondern nur dann, wenn ein Elternteil im Zeitpunkt der Geburt bereits seit acht Jahren seinen rechtmäßigen Aufenthalt in Deutschland hatte und ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzt. Die Voraussetzungen hierfür - bitte nachlesen in §§ 9 und 9a Aufenthaltsgesetz - sind zum Teil strenger als die für eine Einbürgerung (60 Monate Pflichtbeiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung). VOLKERT OHM, Bremen