Das taz Print-Archiv

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Ausgabe von: 04.08.2008
  • Ich rauche. Ich habe einen Einfall

    betr.: "Die Welt in Schach halten"

    Im Leben eines Süchtigen ist die Droge immer integraler und nicht wegzudenkender Bestandteil seines Lebens. Solcher Art abhängig kann man sich ein Leben ohne nur schwerlich vorstellen. Hier von "Selbstbestimmung" zu reden, ist ein besonders niedlicher Fall von Selbstbetrug. Der Raucher hat keine Wahl. Er muss rauchen. Deswegen reagieren viele so empfindlich auf Verbote.

    Das schreibt jemand, der 20 Jahre jeden Tag mindestens 20 Zigaretten geraucht hat, also insgesamt so ungefähr 146.000. Damit habe ich zirka 12.166 Stunden mit Rauchen zugebracht. Kein Wunder, das einem das Leben danach so sinnlos vorkommt.

    In der Zeit habe ich jede Menge Dinge gelesen, geschrieben, Kinder gezeugt und aufgezogen, Mauern eingerissen, Putz gestemmt, unterrichtet, tolle Musik gemacht, Partys gefeiert, gemalert, geweint, zig Kilometer gejoggt, einige Zeit in Krankenhäusern verbracht … und all das eigentlich nie ohne Zigarette. Sie hat mein Leben begleitet, die einzelnen Sequenzen eingerahmt und dem Leben einen Sinn verliehen. "Was jetzt?", "Komm, wir rauchen eine …"

    Und danach: Ging alles genauso weiter. Nur besser.

    Rauchen ist ein Aufschub oder ein Anhalten des Zeitstroms. Wenn dem Dichter nichts einfällt, tut er nicht nichts, sondern er raucht. Gleich wird er weitermachen, gleich wird er wissen, wie der Satz lauten muss, gleich … Deswegen verwechseln die Dichter Rauch und Inspiration: Ich rauche. Ich habe einen Einfall. Ich habe einen Einfall, weil ich rauche. Wenn der Polier auf dem Bau den Studenten beim Nichtstun erwischt, kann der schlecht behaupten, er denke. Hat er aber eine Zigarette in der Hand, bleibt er unbehelligt.

    In 50 Jahren wird das Rauchen nur noch ein Thema in den Wochenendbeilagen der Zeitungen und kulturwissenschaftlicher Doktorarbeiten sein. TÖNS WIETHÜCHTER, Berlin

  • Konforme Meinungseinfalt

    betr.: "Clement hat sich entschieden", Kommentar von Christian Semler, taz vom 1. 8. 08

    Mit Genugtuung habe ich Ihren zustimmenden Kommentar zum SPD-Schiedsspruch für den Ausschluss des Wolfgang Clement aus der SPD gelesen. In der gesamten meinungsbildenden Presse von Gewicht war leider ausschließlich das Gegenteil zu vernehmen. Das zeigt die konforme Meinungseinfalt Ihrer Berliner Kollegen, die inzwischen nicht nur im Wirtschaftsjournalismus fest verbreitet ist.

    Wer die angebliche Lebensleistung des Promis Clement diesem Verfahren gegenüberstellt, gleichzeitig die - vermutlich höhere - Lebensleistung der als "Provinzler" diffamierten Bochumer Antragsteller sowie die von abertausend Bundesbürgern vergisst, die zudem durch die Umverteilungspolitik Clements und Schröders auf Dauer geschädigt sind, ist völlig unglaubwürdig. Vielleicht kommt diese Ignoranz und Arroganz heutiger Journalisten durch die Nähe zu den Mächtigen rund um den Pariser Platz zustande? Man schwebt auf gleich hohem Luxus-Niveau mit der Macht, völlig abgehoben von den auf Mutter Erde Krauchenden? Mit Ausnahme der taz - zumindest in diesem Fall. Kompliment. WALTER MANZEY, Itzehoe

  • Acht Prosecco trinkende Frauen

    betr.: "Kampf um den Platz im Regal", taz vom 26. 7. 08

    Wiebke Porombka schildert die Lage auf dem Buchmarkt sehr zutreffend. Sie fordert eine neue Form der Literaturförderung zu überdenken, die sich "neben der Autoren auch der Verlagsförderung" annehmen könnte.

    Ich gestalte seit bald 14 Jahren das Programm eines Literaturhauses und kann diese Forderung nur unterstützen: Was nutzt einem Autor - ich erhielt beispielsweise zwei Literaturpreise - die Laudatio, wenn er den Verlag nicht findet, der sich seiner Texte gründlich und anhaltend annimmt, bis es eine erste echte öffentliche Rezeption gegeben hat?

    Wenn wir uns, weil es diese Förderung nicht gibt, an den Markt anpassen, erhalten wir, wie Thomas Steinfeld von der Süddeutschen Zeitung es formuliert, monatlich acht Bücher, in denen Frauen Prosecco trinken. Auf der Strecke aber bleibt seit Jahren, was die Gesetze der Kunst, was die Auseinandersetzungen mit der Gegenwart fordern. RAINER WIECZOREK, Darmstadt

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.
  • Gift für Schädlinge, Tiere, Menschen

    betr.: "CSU steht am Rande des Rechtsbruchs", Interview mit Jürgen Trittin, taz vom 29. 7. 08

    In dem Interview hat Jürgen Trittin zu Recht kritisiert, dass die CSU (wie auch die CDU) auf staatlichen Anbauflächen genmanipulierten Mais genehmigt, also Pflanzen wachsen dürfen, die per se ein Gift enthalten, wobei die Folgen schon jetzt als verheerend eingestuft werden. So hat sich beispielsweise einer der "Haupterfinder" von seiner Entwicklung distanziert, unter anderem wegen des Resistenzproblems! Ganz abgesehen davon, dass nicht nur die Schädlinge vergiftet werden können, sondern eben auch Tiere und Menschen.

    Die Verwendung von Futtermais und Weizen zur Energiegewinnung war sicherlich von den Grünen nicht so gewollt - im Gegenteil: Sie standen eigentlich immer für den schnell wachsenden Faserhanf, der keine Pestizide benötigt sowie eventuell giftbelastete Böden (Quecksilber, Aluminium, Blei, Nitrat etc.) sanieren könnte. Darüber hinaus sind Cannabinoide in der Lage, freie Radikale unschädlich zu machen! PETRA ENGELS, Coesfeld

  • Alles am Qualm festgemacht

    betr.: "Die Welt in Schach halten" von Klaus Bittermann, taz kultur vom 1. 8. 08

    Hätte es die Zigarette niemals gegeben, hätte es ganz sicher dennoch gute Schriftsteller und brillante Intellektuelle gegeben. Alles nur am Qualm festzumachen, ist doch sehr fantasielos, es gibt auch andere Wege, die Welt in Schach zu halten. Außerdem rate ich Bittermann, einmal jemanden, der sich auf Lungenkrebs behandeln lässt, zu fragen, wozu das eigentlich gut sein soll, schließlich verliere er doch nur sein Leben - aber was ist das schon!?

    MANUELA KUNKEL, Stuttgart