Das taz Print-Archiv

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Ausgabe von: 10.12.2008
  • Wer hat die Deutungsmacht?

    betr.: "Frieden kommt von unten" von J. Hippler, taz vom 8. 12. 08

    Auf Demokratie und Menschenrechte wird immer wieder gern zur rhetorischen Legitimierung einer von machtpolitischen Interessen geleiteten Außen- und Militärpolitik zurückgegriffen, darin kann ich Hippler durchaus zustimmen. Doch lässt sich Realpolitik einfach kraft besseren Wissens abschaffen? Ist ein regional angepasster Interventionismus die Lösung und fängt das eigentliche Problem nicht schon viel früher bei der Kategoriebildung an? Die Deutungsmacht darüber, welche Staaten als gescheitert oder zerfallen anzusehen sind, reklamieren westliche Staaten und ihre Sozialwissenschaftler für sich. Kaum mit analytischem Wert ausgestattet, eignet sich der "Gescheiterte Staaten"-Begriff vorzüglich für die ideologische Vorbereitung von militärischen Interventionen. Staaten werden zu Unorten erklärt, die auf Einmischung westlicher Regierungen angewiesen erscheinen. Dass der Krieg von oben kommt, wird durch diese Sichtweise systematisch ausgeblendet. Von der Kolonialzeit bis heute agiert der Westen als Verursacher von Armut, Gewalt und Destabilisierung. Wäre es daher nicht ebenso gerechtfertigt, wenn die angeblich gescheiterten Staaten vor dem Hintergrund ihrer historischen Erfahrung und der aktuellen globalen Wirtschaftskrise die westlichen Staaten als failed states bezeichnen?

    CARSTEN GRÄBEL, Tübingen

  • Der tägliche Wahnsinn

    betr.: "Alle spielen Finanzminister", taz vom 8. 12. 08

    In der Rohstoff- und Klima-Diskussion der letzten Jahre wurde mehr als deutlich: Wir müssen unseren Verbrauch an Rohstoffen und fossilen Energieträgern gewaltig einschränken. Außerdem hat uns die amerikanische Finanzkrise gelehrt, dass man nicht auf Dauer auf Kredit leben kann. Jetzt stehen unsere Premium-Automobile auf Halde und der Konsum sinkt. Da erhebt sich voller Entsetzen ein Sturm im Blätterwald und die Experten tönen mit lauter Stimmen: Wir müssen den Konsum ankurbeln, der Staat muss Schulden aufnehmen und die Steuern senken. Leute, kauft möglichst große Autos! Je mehr umso besser. Der eine oder andere schlägt verhalten vor, man könne vielleicht noch Schulklassen verkleinern und solle auch die Ökologie nicht ganz vergessen. Aber wichtig sei natürlich, wieder auf den Wachstumspfad zu kommen. Und die Finanzierung? Schulden, was sonst! Die Amerikaner machen's uns ja vor. Folgerung: Der Zustand unserer Gesellschaft lässt sich nur noch mit den Begriffen der Soziopathologie erklären! THEO TEKAAT, Main

  • Zahlenreligion unter Ökonomen

    betr.: "1,8 Prozent Wachstum reichen", taz vom 3. 12. 08

    Herr Binswangers völlig willkürlich gesetzte Zahl von 1,8 Prozent spiegelt die gängige Zahlenreligion unter Ökonomen wider. Statt über quantitatives Wachstum zu sprechen, wäre es hilfreicher, sich über die Qualität des Wachstums Gedanken zu machen, sprich: In welcher Branche ist aus zukunftsorientierter Sicht ein Wachstum wünschenswert und wie gestaltet es sich jenseits von Zahlen und Statistik?

    Wieder einmal zeigt sich, dass wir uns an den Wachstumsbegriff klammern - ja wir erschöpfen uns regelrecht dabei, indem wir bereit sind, jeden Preis zu zahlen, um das quantitative Wachstum zu stützen. Was wohl geschehen würde, wenn die Mehrheit der Ökonomen zu der Einsicht gelangte, dass sich die Wachstumsreligion selbst erschöpft hat und keine Lösungen für die gegenwärtige Krise parat hält? MICHAEL ZATON, Kassel

  • Welches Geld?

    betr.: "Gebt euer Geld aus!", taz vom 8. 12. 08

    Dem "Datenreport 2008 - ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland" ist zu entnehmen, dass der Gini-Koeffizient (ein Maß für die "Einkommensungleichheit") in den letzten fünf Jahren etwa um 20 % angestiegen ist. Das bedeutet, dass die Kaufkraft in den unteren Einkommensgruppen um über 200 Milliarden Euro gefallen ist. Um diese Umverteilung von unten nach oben etwas abzumildern, könnten zum Beispiel auch eine Sozialversicherungs-Freigrenze in Höhe der Steuerfreigrenze und linear progressive Versicherungsbeiträge eingeführt werden. Diese Maßnahme würde auch die sogenannten Lohnnebenkosten bei den unteren Lohngruppen und die Sozialversicherungsbeiträge der freiberuflich Erwerbstätigen mit niedrigen Einkommen senken. Auch Mini-Jobs in Kleinbetrieben wären leichter zu finanzieren. WOLFGANG FABRICIUS, Berlin

  • Kontinuität schafft Vertrauen

    betr.: "Gefahr der Klientelpolitik", taz vom 8. 12. 08

    Der Kommentar bringt es sehr gut auf den Punkt. In der Krise wird der Bundesregierung ihre Klientelpolitik zunehmend zum Verhängnis. Denn dadurch, dass Lobbyisten und PR-Vertreter die Richtung vorgeben, ist eine Strategie aus einem Guss kaum mehr möglich. Jene ist aber die Grundvoraussetzung zur Bewältigung der Misere, da nur Kontinuität Vertrauen schafft. Eine Rückwärtsrolle, etwa beim Klimaschutz, macht jeden Masterplan unglaubwürdig, weil dann niemand mehr weiß, was als nächstes folgt!

    RASMUS PH. HELT, Hamburg

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.