Das taz Print-Archiv

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Ausgabe von: 10.01.2009
  • Ein Stück von Deutschland abgeben

    betr.: "Die Welt blickt gelähmt auf Gaza", taz vom 8. 1. 09

    Je länger ich mich mit den Argumenten für den Überfall auf Gaza auseinandersetze, desto lebhafter beschäftigt mich die folgende Frage: Warum hat die UNO 1947 statt ihres ominösen Teilungsplans für Palästina nicht beschlossen, ein Stück von Deutschland abzutrennen, um darauf einen jüdischen Staat zu errichten?

    Das hätte doch auf jeden Fall mehr Sinn gemacht, als den völlig unschuldigen Palästinensern die Hälfte ihres Landes wegzunehmen, da es ja vor allem die Deutschen waren, die ein Sicherheitsproblem deutlich gemacht hatten, das nun durch einen eigenen jüdischen Staat behoben werden sollte. Außerdem dürfte es ja in keinem Land mehr und leidenschaftlichere Befürworter eines Existenzrechts für den Staat Israel geben.

    Zugegeben: Ein jüdischer Staat in Kenia wäre noch willkürlicher gewesen, weil in Palästina immer schon Juden gelebt hatten. Auf jeden Fall wären die Deutschen - wenn man so ihre Argumente hört! - sicher eher als die arabischen Nachbarstaaten Israels bereit gewesen, die Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren, die man in dem neu entstandenen Staat auf deutschem Boden nicht mehr brauchen konnte, wie es ja bereits 1945 mit den Flüchtlingen aus den besetzten deutschen Gebieten geschehen war.

    Nicht ganz klar ist mir bisher, wie sich die Deutschen verhalten hätten, wenn der neu entstandene Staat nun Ansprüche auf weitere Teile oder das ganze restliche Deutschland gemacht hätte. Die überwiegende Mehrheit der deutschen politischen Klasse und der deutschen Medien jedoch hätte das wahrscheinlich ebenso bedingungslos unterstützt, wie man sich hierzulande heute für die Politik Israels einsetzt! MAREIKE UND LUDWIG SCHÖNENBACH, Bremen

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.
  • Renaissance für Rache

    betr.: "Rasendes Gefühl. Vergeltung? Nichts fürchteten die Deutschen nach dem Nationalsozialismus so sehr wie die Rache ihrer Opfer, taz.mag vom 3./4. 1. 09

    "Auge um Auge, Zahn um Zahn", das ist das hohe sittliche Ziel, das ein Teil der zivilisierten Menschheit sich vor vielen tausenden von Jahren gesetzt hatte, um der kulturschädlichen Eskalationsschraube von sich steigernden Vergeltungsschlägen ein Ende zu bereiten. Dieses sittliche Ziel ruft heute schon bei Kindern irritiertes Kichern oder entrüsteten Widerspruch hervor. Resultat einer Erziehung, in der uns vermittelt wurde, dass es schlecht sei, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und dass erfahrenes Unrecht auf anderen Wegen wieder in ein "es ist gut" überführt werden kann.

    Die Menschheit hat sich nämlich im Lauf der letzten Jahrtausende zum Ziel gemacht, in einer freiheitlich demokratischen Grundordnung mit Gewaltenteilung und Gewalt als Staatsmonopol die Rache insgesamt aus gutem Grund zu ächten. Eine große Leistung. Kinder, die in einem einigermaßen empathischen Milieu aufgewachsen sind, haben übrigens den Verzicht auf Rache geübt und durften erfahren, dass man, eingebettet in ein liebevolles und insgesamt gerechtes soziales Gefüge, sehr gut damit leben kann.

    Damit schreibe ich allerdings allzu Bekanntes nur noch einmal nieder. Denn, ein Redakteur der taz verankert den sensiblen Themenkomplex Opfer-Täter-Beziehung und die Rache in großen historischen Dimensionen, um dann in wahllosen Ergüssen von dannen zu schreibseln, einzig, um schlingernd auf den Appell zuzusteuern, dem "natürlichen" Gefühl der Rache eine Renaissance der Anerkennung zukommen zu lassen. KRISTINE TRABANT, Marbach

  • Schuldzuweisungs-Pingpong

    betr.: "Israels sinnloser Krieg", "Ein Drittel hofft", taz vom 5. 1. 09

    Sechsunddreißig Prozent der Deutschen glauben, dass es 2009 bergauf geht, obwohl uns Politiker und Medien seit Monaten etwas anderes einreden. Jetzt wird im Nahen Osten wieder geschlachtet; wir alle schauen zu und lesen die düsteren Prognosen der Insider, die eine Eskalation des Hasses vorhersagen.

    Es ist aber wie im Falle der Wirtschaftskrise: Wir alle haben es in der Hand, ob die Prognosen Realität werden! Beteiligen wir uns innerlich an dem medialen Schuldzuweisungs-Pingpong, der Parteiergreifung, dann schüren auch wir den Krieg weiter!

    Machen wir uns stattdessen klar, dass in diesem Konflikt in seiner Verfahrenheit und mit seinen uralten Wurzeln jegliche Schuldzuweisung nur dem eigenen Gewissen dient und wir in diesem endlosen Täter-Opfer-Kreislauf durch die Verstrickungen unserer eigenen Vergangenheit, durch unsere Gefühle und Gedanken mit drinhängen, dann können wir durch Beschäftigung mit unseren eigenen Opfergeschichten, mit unserer eigenen Angst und unserem eigenen Groll, sprich: durch intensive Vergebungsarbeit, einen stärkeren Beitrag zur Konfliktlösung leisten als hohle Friedensappelle und platte Schuldzuweisungen der Politik.

    Wird endlich auch öffentlich-politisch erkannt, dass die heutigen Täter auch nur schlachten, weil sie Opfer sind, dass im Nahen Osten vor lauter Leidakkumulation kaum noch jemand richtig tickt und dass sich innerhalb jeder Partei jeder Mensch im Grunde seines Herzens nur nach Frieden sehnt, dann sollte es doch möglich sein, sich in der dann wirklich mal echt demütigen Haltung an einen Tisch zu setzen! SABINE MIEHE, Marburg

  • Tote nett-lebendig beschrieben

    betr.: "Punk jetzt religiös", taz vom 6. 1. 09

    Als Langzeit-Betrauter mit der Materie Popkultur/Zeitgeschichte hatte ich mich gefreut auf den im Titel angekündigten Artikel. Auch die Unterzeile "Wie das Judentum die Entstehung des Punk beeinflusst hat" weckte Interesse für eine berührend-verstiegene Betrachtung.

    Natürlich ist es nicht Thema einer Buchbesprechung, doch dass in einem im Titel prominent angekündigten und immerhin zwei Drittel einer Seite einnehmenden Artikel zuallererst immer wieder von der Gruppe Ramones und deren Mitglieder in der Gegenwartsform gesprochen wird, nicht erwähnend, dass drei der vier Mitglieder (Joey, Johnny, Dee Dee), die nett-lebendig beschrieben werden, inzwischen tot sind, ist schon eine peinliche Unterlassung.

    CHRISTIAN BREUER, Köln