Das taz Print-Archiv

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Ausgabe von: 20.02.2009
  • Der Vernunft ein Auge ausgestochen

    betr.: "Der Gott der Vernunft"

    Muss jeder unsinnige Satz toleriert werden, sobald man ihn als "Glaubenssatz" etikettiert? Religionen dienten früher mit ihren Schöpfungsmythen und Wunderlegenden auch als Welterklärung. Diese wurde schrittweise abgelöst durch eine argumentierende Wissensgewinnung, die auf von jedem überprüfbare Belege setzt. Der "Glaubenssatz" "Die Erde ist eine Scheibe und steht im Zentrum des Universums" wurde so als nicht zutreffend, als unwahr erkannt. Auf diese Weise wurden sehr viele Glaubenssätze durch Wissenssätze ersetzt. Der Satz "Die Erde ist eine Scheibe" kann nun nicht mehr dadurch gerettet werden, dass man ihn als Glaubenssatz deklariert. Auf dem Hintergrund des heute verfügbaren Wissens bleibt er einfach unsinnig, wie auch die religiöse Wunschvorstellung, gestorbene Lebewesen könnten wieder lebendig werden (Auferstehung).

    Diese Glaubenssätze sind "religiöse Übergriffe" auf das Wissen und deswegen auch als Glaubenssätze nicht tolerierbar. Wissenssätze können von jedem überprüft werden, der seine argumentative, auf Belege verweisende Vernunft benutzt. Martin Luther hatte Recht mit seiner menschenverachtenden Feststellung: "Wer Christ sein will, der steche seiner Vernunft die Augen aus." In seiner Kritik an Gerd Lüdemann hat Rudolf Walther seiner Vernunft zumindest ein Auge ausgestochen. OTTO ULLRICH, Berlin

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.
  • Entsetzliche Eltern

    betr.: "Eine Mutter stoppt das Schulgebet", taz vom 16. 2. 09

    Wenn Kindern während ihrer Grundschulzeit nichts Schlimmeres passiert ist, als eine Zeitlang morgens zu Unterrichtsbeginn vier höchst poetische Verse aufgesagt zu haben, dann waren sie "weiß Gott" von guten Mächten wunderbar geborgen. Hatte die Mutter in Pesch am Niederrhein nichts Besseres zu tun, als "entsetzt" zu sein und dafür zu sorgen, dass der schöne Bonhoeffer-Text als Morgenritual nicht mehr erklingen darf? Weil es ein Gebet ist? Die Schule hat laut Bundesverfassungsgericht die Möglichkeit, Kindern von derart entsetzlichen Eltern während des Morgengebets "eine Ausweichmöglichkeit" anzubieten. Wie geborgen mag sich ein Kind fühlen, das aus der Klasse geschickt wird, während die andern eine Minute lang Bonhoeffer rezitieren?

    Wir haben Wichtiges zu tun für die Grundschulen: Kindern Geborgenheit vermitteln, ihre Neugier und Fantasie walten lassen, ein soziales Miteinander gestalten, kein Kind ausgrenzen, Kinder mit Behinderung aufnehmen. Dafür sollten sich Eltern vom Morgen bis zum Abend einsetzen. MARLENE BROECKERS, Darmstadt

  • Eine andere Bibel-Interpretation

    betr.: "Der Gott der Vernunft"

    Zusätzlich vielleicht noch folgender Gedanke, wie man die Bibel auch anders interpretieren könnte. Mit den Worten "Was ihr dem geringsten meiner Geschwister getan habt, habt ihr mir getan", gab Jesus den Menschen ein einfaches und klares Beurteilungskriterium für ihr Handeln. Wer diesen Ausspruch für wahr hält und ernst nimmt, müsste aus heutiger Sicht sagen: Sich "christlich" nennende Schriftgelehrte haben Jesus in den letzten 2.000 Jahren nicht nur einmal, sondern hundertmillionenfach ermorden lassen bzw. ihren Segen dazu gegeben. Und wenn man sich in den Kirchen so umschaut, könnte man meinen, diese Schriftgelehrten wollen Jesus noch heute gekreuzigt sehen. RALF BÖHM, Berlin

  • Kritiker gleich Fundamentalist?

    betr.: "Der Gott der Vernunft", taz vom 17. 2. 09

    Rudolf Walther zieht die bekannte Parallele zwischen Religionskritik und religiösem Fundamentalismus. Ich schätze, dass jemand, der die Existenz von Einhörnern, Werwölfen oder Vampiren in Frage stellte, von Herrn Walther nicht als Fundamentalist bezeichnet würde. Warum aber dasselbe Recht nicht auch für Religionskritiker gelten soll, darauf bleibt auch er eine Antwort schuldig. Es ist weder intellektuell grobschlächtig noch grotesk, auf die inhumanen Stellen in Bibel und Koran hinzuweisen. Aber es ist billig, ohne Begründung und mit bloßen Unterstellungen zu verneinen, dass man eine solche Diskussion überhaupt führen darf. MIRKO THIESSEN, Hamburg

  • Rezitation statt Gebet

    betr.: "Eine Mutter stoppt das Schulgebet"

    Um nachfühlen zu können, was am Rezitieren von Bonhoeffers Vierzeiler "entsetzlich" sein soll, müsste ich wohl seelisch und geistig in die frühe Pubertät zurückkatapultiert werden, als jeder noch so kleine "Pups" "entsetzlich" war und entbehrlich schien. Nur ist eine morgendliche Besinnung etwa dieser Art kein "Pups", wie ich jetzt "nachpubertär" ahne. Mein Vorschlag: die kleine Bonhoeffer-Biografie in den Lehrplan aufnehmen und das Wort Gebet durch Rezitation ersetzen. Und sich nicht abhalten lassen, zu tun, was pädagogisch sinnvoll scheint. HENDRIK FLÖTING, Berlin