Das taz Print-Archiv

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Ausgabe von: 28.02.2009
  • Diese Praktiker sind ungeeignet

    betr.: "Hilfslehrer aus der Chefetage", taz vom 25. 2. 09

    Welche "Spitzenkraft" aus der Wirtschaft wird die Zeit und die Muse finden, für zwei Stunden Physik pro Woche in die Schule zu gehen. Jeder Lehrer wird bestätigen können, dass es ohne den Kontakt zum Umfeld in der Schule (Lehrerkollegium, Schulleitung und Schüler) fast unmöglich ist, eine Bindung und somit Spaß an der Tätigkeit zu bekommen. Zudem sind diese (zweifellos gut ausgebildeten und qualifizierten) Praktiker für den Unterricht an Schulen denkbar ungeeignet. Ich bin selbst Lehrer an einer berufsbildenden Schule und habe schon einige Seiteneinsteiger und Vertragslehrer erlebt, die ohne pädagogische und vor allem didaktische Ausbildung versuchten zu unterrichten. Viele sind gescheitert, weil die Schüler sie nicht verstanden - didaktische Reduktion muss nun mal gelernt sein.

    Solch eine Maßnahme hätte lediglich zur Folge, dass sich die Kräfte der freien Wirtschaft frustriert zurückziehen und ebensolche Schüler zurücklassen. Zudem hat die Bildungsministerin der schon lange anhaltenden Lehrerdiskussion einen Bärendienst erwiesen. Jetzt ist es sogar von ministerialer Ebene amtlich: Unsere Lehrer sind Flaschen, die nirgendwo sonst arbeiten können.

    THOMAS LANG, Kaiserslautern

  • Ein Risiko für Freiheit und Würde

    betr.: "Wer Bienenstich nascht, fliegt raus", taz vom 25. 2. 09

    Die Entlassung einer Kassiererin wegen 1,30 Euro ist zwar ein Anlass zur Empörung über die Rechtsprechung, aber eine Kritik, die dabei stehen bleibt, wird ungewollt affirmativ. Denn diese Rechtsprechung ist auch Ausdruck der Abhängigkeits- und Machtverhältnisse, wie sie in den Betrieben zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern herrschen. Beleidigt ein Arbeitnehmer seinen Chef, dann kann der Arbeitgeber kündigen, futtert er einen Bienenstich, ohne zu bezahlen, kann der Arbeitgeber kündigen und der Arbeitnehmer verliert Arbeitsplatz und Lebensunterhalt. Und umgekehrt? Beleidigt der Arbeitgeber seinen Arbeitnehmer, dann kann der Arbeitnehmer - ja was kann er? Er kann auch kündigen! Enthält der Arbeitgeber ihm den Lohn vor, dann kann der Arbeitnehmer auch kündigen! Er macht das nicht, weil er auf den Job angewiesen ist.

    Das Angewiesensein auf Lohnarbeit, ein Verhältnis, in das die kapitalistische Eigentumsordnung die Arbeitnehmer stellt, ist nicht nur ein Armutsrisiko erster Güte, sondern ebenso ein Risiko für Freiheit und Würde. Zieht man diese Lehre aus dem Fall in Berlin, dann schmeckt der Bienenstich umso besser.

    WILHELM ACHELPÖHLER, Münster

  • Öffentlichkeitswirksamer Nonsens

    betr.: "Hilfslehrer aus der Chefetage"

    Diese Seite der taz offenbart die ganze Bildungsmisere in Deutschland: eine ehemalige Kultusministerin ohne Kenntnisse der Schulwirklichkeit, die die Kompetenzen von Managern über die Kompetenzen von Lehrern setzt. Anstatt den Lehrern den Rücken zu stärken in einer Zeit der öffentlichen Schelte, ihre Arbeitsbedingungen an den Schulen (kleinere Klassen, Fördermaßnahmen für starke und schwache Schüler, Sozialarbeiter und Schulpsychologen usw.) zu verbessern und die Ausbildung der Lehrkräfte (z. B. Praxisjahr während des Studiums) den Arbeitsanforderungen anzupassen, versucht sie die Misere der Schule mit öffentlichkeitswirksamem Nonsens entgegenzutreten. Der Lehrermangel ist hausgemacht und die Länder stellen nach dem Referendariat alles ein, was gerade noch laufen kann und nicht durch die Prüfung gefallen ist. Und mit diesen Lehrern soll sich Bildung verändern? SABINE NOLLER, Pforzheim

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.
  • Für Schulen ein Prestigegewinn

    betr.: "Mehr Fachkräfte zu Bildungsministern", taz vom 25. 2. 09

    Teach First verdient erheblich mehr Aufmerksamkeit durch die Medien. So werden in Großbritannien seit 2005 Absolventen britischer Elitehochschulen mit Prädikatsexamen, egal welcher Fachrichtung, in Brennpunktschulen eingesetzt, bevor sie die Managementlaufbahn einschlagen. In ihrem Lebenslauf ist das ein Pluspunkt, weil soziales Engagement in England zu den leadership qualities gehört. Für die Schule bedeutet der Einsatz dieser Teach First Lehrer ein Prestigegewinn, für die Schüler einen Motivationsschub. Eliteabsolventen werden in England, anders als in Deutschland, von allen Bürgern hoch geachtet. Für den Unterrichtserfolg sind sie deshalb ein Gewinn, weil es nach meiner Erfahrung als Lehrerin nur drei Bedingungen für guten Unterricht gibt: 1. intelligente LehrerInnen, 2. intelligente LehrerInnen, 3. intelligente LehrerInnen. Mehr Geld, veränderte Schulstrukturen sowie praxisbezogene Ausbildungsgänge hingegen beheben nicht wirklich unsere Schulmisere. BARBARA KOOPS, Realschullehrerin i.R., Bassenheim

  • Misere durch Bildungsreformen

    betr.: "Mehr Fachkräfte zu Bildungsministern"

    Der Kommentator berücksichtigt leider nicht die bisherigen Bildungsreformen, die die Misere hervorgerufen haben. Würde ich heute studieren, käme ich mit ca. 80 Semesterwochenstunden (SMS) zum Examen. Damals in Marburg, Lehramt Gymnasium: Hauptfach Biologie mit 280 SMS; Zweitfach Sport mit 80 SMS; Ergänzung Erziehungswissenschaft mit 16 SMS. Und fragen Sie mal die Schülerinnen und Schüler nebst deren Erziehungsberechtigten nach meiner Kompetenz. Höchste Zufriedenheit in allen Bereichen!

    WERNER ROSENBECKER, Hiddenhausen

  • Geschädigte KundInnen

    betr.: "Kündigung wegen 1.30 Euro rechtens", taz vom 25. 2. 09

    Nach meinem Empfinden ist nicht die Firma Kaiser's der Geschädigte, sondern bestenfalls die Kunden, die die Pfand-Bons verloren haben. Also hätte Kaiser eher versuchen müssen, die "geschädigten Kunden" zu ermitteln, da sie als Firma ja das Pfandgut zurückerhalten hat … Rechtsprechung in Deutschland ist schon sehr verwirrend; aber wo kein Kläger, da auch kein Urteil.

    INGRID HÄRTEL, Hemhofen