Das taz Print-Archiv

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Ausgabe von: 18.03.2009
  • Pyroshow gegen Fangewalt

    betr.: "Die einfache Antwort. Die jüngsten Fan-Krawalle zeigen: Die Ultra-Szene ist in Bewegung", taz vom 14. 3./15. 3

    Die Ultra-Kultur in Deutschland hatte in ihren Anfangsjahren eine gewaltpräventive Wirkung, denn mit ihren Choreografien und Pyro-Shows bot die Ultra-Kultur etlichen erlebnisorientierten Jugendlichen eine Alternative zum Hooliganismus. Jedoch sind in den letzten Jahren die Stadionordnungen erheblich verschärft worden, so dass auch die Freiräume begrenzt wurden, in denen Jugendliche und Heranwachsende ihre Bedürfnisse nach Action jenseits einer expressiven körperlichen Gewalt befriedigen konnten.

    Diese restriktiven Sicherheitsvorgaben wirken widersprüchlich, weil sie durch eskalierende Konflikte teilweise die Probleme erzeugen, denen sie entgegentreten sollten. Dadurch, dass gegenüber der aktiven Fanszene verschärfte Disziplinierungsstrategien angewandt werden, nimmt nicht nur das quantitative Ausmaß der Konflikte zwischen Ultras einerseits und Ordnern sowie Polizei andererseits zu. Es erhöht sich auch die "Chance", dass die betreffenden Fußballfans die Erfahrung eines eskalierten Konflikts mit der Polizei machen. Diese eskalierten Konflikte haben eine sehr negative Dynamik: Erstens begünstigen sie, dass auf der Seite der Ultra-Gruppen Feindbilder von der Polizei entstehen oder sich verfestigen; und zweitens - so ist anzunehmen - werden auch auf polizeilicher Seite negative Stereotype von der aktiven Fanszene erzeugt oder erhärtet. So schaukeln sich Aggressionen und Repressionen auf.

    Aggressionen der aktiven Fanszene und Repressionen der Polizei vor Ort hängen miteinander zusammen, ohne dass die beiden Erscheinungen in einer eindeutigen kausalen Beziehung zueinander stünden. Sie sind jedoch von derselben Kontextvariable beeinflusst, eben von jenen Disziplinierungsstrategien, die auf der Ebene der verantwortlichen Sicherheitsexperten beschlossen werden. Das Verbot von Pyro-Shows etwa nehmen viele Mitglieder der aktiven Fanszene als einen schikanierenden Akt von "denen da oben" wahr. Gleichzeitig muss die Polizei dieses Verbot umsetzen und ist somit zum repressiven Handeln gezwungen. So werden transintentional Rahmenbedingungen geschaffen, unter denen ein Anstieg körperlicher Gewalt rund um Bundesligaspiele begünstigt wird. Fazit: Rauch und Bengalos können Mittel gegen die Gewalt sein - falls sie so verantwortungsbewusst angewandt werden wie in den Gründerjahren der deutschen Ultra-Bewegung! FRANK SCHNEIDER, Hamburg

  • Archäologie und Vertreibung

    betr.: ",Archäologen' vertreiben Palästinenser", taz v. 14./15. 3. 09

    Dass die Jerusalemer Stadtverwaltung die Grabung im Stadtteil Silwan als "von außerordentlicher Bedeutung" ansieht, hat wohl mehr politische als archäologische Gründe. Ziel der Grabung ist vor allem, zu beweisen, dass Jerusalem tatsächlich die bedeutende Hauptstadt des israelischen Königtums war, wie es in der Bibel beschrieben ist, wofür es bisher jedoch keinerlei Anhaltspunkte gab. Mit der Verkündung, den "Palast Davids" gefunden zu haben, hat die Archäologin Eilat Mazar den Bibeltreuen wieder Auftrieb gegeben.

    Kritische israelische Archäologen, die sich auf die Ergebnisse zahlreicher neuerer Grabungen stützen können, vermuten, dass Jerusalem zu dieser Zeit vielleicht nicht mehr als eine der für diese Zeit typischen Bergsiedlungen war. Nach Meinung nicht nur palästinensischer Archäologen sollen die Bemühungen der Israelis die historischen Beweise in den biblischen Kontext einpassen, denn die Verbindung zwischen archäologischen Befunden und den biblischen Erzählungen, die ja sehr viel später verfasst wurden, fehlt weitgehend. Dass gleichzeitig mit der archäologischen Unternehmung palästinensische Familien vertrieben werden können, passt ebenfalls ins politische Konzept. HELGA SCHNEIDER-LUDORFF, Oberursel

  • Lobbypolitik für Großkliniken

    betr.: "Bittere Mediziner", taz vom 11. 3. 09

    Ärzte sind als Zielscheibe derzeit sehr beliebt. Der Spiegel macht es vor, und die taz leider nach. Ich bin seit Anfang dieses Jahres als Rheumatologe in Oberfranken niedergelassen, in Bayern zwar, aber sicher keine Boomregion. Ich bin schockiert angesichts der jetzigen Lage, wollte ich doch der Ökonomisierung der Krankenhauslandschaft entfliehen. Ich bin kein Materialist, will kein Klischee erfüllen, einfach nur vernünftige Medizin machen und meine Familie durchbringen. Aber nun bin ich ein Kostenfaktor und soll zusehen, wie der Lobbyist Lauterbach als Mitglied des Aufsichtsrats im Rhön-Klinikum die medizinische Landschaft zur Übernahme für die etwa fünf Klinikkonzerne vorbereitet, unter dem Applaus der Medien.

    Ich bin ein politischer Mensch und kann dazu nicht schweigen. Vielleicht wollen Sie sich selbst ein Bild vor Ort machen über den wahren Alltag eines nicht etablierten Arztes, der sich an der Quadratur des Kreises versucht. Die Patienten werden die Verlierer sein, im ländlichen Raum sind sie es schon. WERNER HARMUTH, Leonberg

  • Menschen töten keine Menschen

    betr.: "Weg mit den Waffen", taz vom 13. 3. 09

    Menschen töten keine Menschen - es gibt eine natürliche Tötungshemmung, zum Beispiel waren die Gewehre auf dem Schlachtfeld von Gettysburg mehrfach nachgeladen, nicht aber abgefeuert worden. Deshalb müssen sich Soldaten und Polizisten das Töten von Menschen antrainieren - früher mit Pappkameraden, heute mit Ego-Shootern (und nicht von PC-Games allgemein). Das wird als Zielübung oder Reaktionstest ausgewiesen, den Betroffenen ist ihre Konditionierung als Killer nicht bewusst. Ego-Shooter gehören nicht ins Kinderzimmer! MARTIN WOLF, Bad Nauheim

  • Entsozialisiert und entsolidarisiert

    betr.: "Weg mit den Waffen"

    Erleben wir jetzt die Folgen der geistigen und moralischen Wende, die Kohl und Genscher 1982 einleiteten? Wir wurden entsozialisiert und entsolidarisiert. Der Stärkere gewinnt. Die Arbeitszeiten sind immer noch familienfeindlich. Dem Markt und der Gewinnmaximierung wird alles untergeordnet. In den Familien gibt es kaum noch gemeinsame Mahlzeiten oder Unternehmungen.

    MARION MANNECK, Essen

    Die Redaktion behält sich Abdruck und Kürzen von LeserInnenbriefen vor. Die veröffentlichten Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.