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Ausgabe von: 24.02.2011
  • LESERINNENBRIEFE

    Merkels Haltung ist empörend

     betr.: "Blenden ist alles - der neue Wertekanon der Union",

    taz vom 23. 2. 11

    An dem Gymnasium, an dem ich unterrichte, wurde in diesem Jahr der Schüler T. nicht zum Abitur zugelassen. Der Grund: Es konnte nachgewiesen werden, dass seine Seminararbeit ein Plagiat ist. Der Junge ist ein sehr guter Schüler aus sehr gutem Hause. Warum er versucht hat zu täuschen, konnte nicht herausgefunden werden. Vermutlich liegt der Grund irgendwo zwischen "Merkt doch sowieso keiner", "Warum soll ich mir den Stress antun?" und "Ich bin doch nicht blöd!". Die Entscheidung des Kollegstufenbetreuers war klar und unaufgeregt: Der Schüler erhält 0 Punkte, ist damit nicht zum Abitur zugelassen, muss deshalb in die 11. Jahrgangsstufe zurückgehen und kann erst im nächsten Jahr seine Abiturprüfung ablegen. Die Entscheidung wurde von T., seinen Mitschülern und seinen Eltern ohne Widerspruch akzeptiert. T. konnte etwas zerknirscht, aber ohne Gesichtsverlust zurücktreten. Seitdem sind vier Wochen vergangen und es redet schon niemand mehr davon. Eine solche Haltung aller Beteiligten hätte ich mir im Fall Guttenberg auch gewünscht.

    Wenn Guttenberg mit Merkels Rückendeckung im Amt bleiben sollte, hat das für die Akzeptanz solcher Entscheidungen weitreichende Folgen. Die Haltung der Bundeskanzlerin in diesem Fall ist empörend! ANJA TIEMANN, Geretsried

    Vernarrt in Ersatz-Monarchen

     betr.: "Tuscheln über zu Guttenberg" u. a., taz vom 21. 2. 11

    Demokratie lebt davon, dass die Bevölkerung ihren Politikern vertrauen kann. Herr Guttenberg hat dieser Notwendigkeit nicht genügt. Er hat zudem nicht nur seiner Universität Bayreuth, sondern auch dem Ansehen unseres Bildungswesens geschadet. Er sollte sich schamrot in das allertiefste Mauseloch seiner Latifundien verkriechen und nie wieder auftauchen. So vernarrt allerdings, wie breite Wählerschichten in Ersatz-Monarchen sind, werden wir irgendwann einen Bundeskanzler haben, der überheblich genug war, die Republik gründlich zu verscheißern. Hoffentlich gibt es dann noch jemand, der ihm die Schuhsohle zeigt.

    ALBRECHT THÖNE, Schwalmstadt

    Ausgerechnet jetzt?

     betr.: "Druck auf zu Guttenberg wächst" u.a., taz vom 22. 2. 11

    Na, ist das nicht was? Da hat unser Verteidigungsminister beim Lesen seiner eigenen Doktorarbeit an nur einem Wochenende gemerkt, was ihm während sieben Jahren des Schreibens nicht aufgefallen war, dass sie nämlich gefälscht war. Und nun gibt es "abstruse" Stimmen, die einen Rücktritt fordern? Ausgerechnet jetzt, wo der Minister angekommen ist im Club! Angekommen bei all jenen aufrichtigen Menschen, die niemals für Mövenpick eine Steuererleichterung durchsetzen würden, niemals eine Laufzeitverlängerung für die Atommeiler von EnBW und Konsorten! Nein, da pflichten wir doch lieber unser Kanzlerin bei: Er wurde ja nicht als Wissenschaftler eingestellt! Wie bitte? Frau Käßmann wurde auch nicht als Chauffeurin oder als Suchtberaterin eingestellt und trat trotzdem zurück? Ach was! Schwamm drüber, da drücken wir uns doch gemeinsam mit seiner Durchlaucht (von durchleuchtet = durchschaut) eine Krokodilsträne aus dem Auge für die Opfer seiner verfehlten Afghanistanpolitik und gehen zur Tagesordnung über!

    STEPHAN SCHULZ, Konstanz

    Der Ehrliche ist der Dumme

     betr.: "Blenden ist alles - der neue Wertekanon der Union",

    taz vom 23. 2. 11

    Spätestens seit Barschel ("Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort") weiß man, dass sich in der Politik Lügner, Betrüger, Hochstapler sowie durch und durch unmoralische und korrupte Menschen tummeln. Guttenberg ist da nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Er hatte nur das Pech, dass man ihm auf die Schliche kam. In unserer Kultur läuft offensichtlich etwas grundlegend falsch, wenn nach oben hin eine Negativauslese stattfindet, während der Ehrliche bekanntlich der Dumme ist. Noch schlimmer ist allerdings die Sympathie von Seiten der Bevölkerung, die diesem Lügner und Betrüger nach wie vor entgegengebracht wird. Das wirft kein gutes Licht auf den moralischen Zustand dieser Gesellschaft. Auch uns würde eine Revolution (und sei es nur im Inneren) guttun, die unser Wertesystem einmal wieder vom Kopf auf die Füße stellt. Vincit veritas!

    ECKART LÖHR, Essen