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  • 03.01.2013

Warum die Klinik-Skandale nicht an die Nieren gehen

LEBER Kriterien für die Leber-Vergabe lassen sich leichter manipulieren als bei anderen Organen

BERLIN taz | Egal ob in Göttingen, Regensburg, München oder jetzt in Leipzig - stets betreffen die Manipulationen nur ein einziges Organ: die Leber. Das ist kein Zufall. Sondern es liegt zum einen daran, dass die medizinischen und juristischen Gutachter, die seit dem Sommer 2012 im Auftrag der Bundesärztekammer, der Krankenkassen und der Krankenhäuser nach und nach alle 47 deutschen Transplantationszentren durch unangemeldete Vor-Ort-Kontrollen überprüfen, sich zunächst prioritär die Leberprogramme vorgeknöpft haben. Insgesamt zehn Zentren wurden bislang überprüft. "Wir rechnen damit, dass wir im Sommer 2013 mit den Lebern fertig sein werden", sagte der Vorsitzende der Prüfungskommission, Hans Lippert, der taz. Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen würden folgen.

Ein weiterer Grund sind die unterschiedlichen Richtlinien, nach denen einzelne Organe verteilt werden. Seit Jahren beanstanden Transplantationsexperten, dass die Kriterien für die Leber-Vergabe leichter als andere manipuliert werden können und deswegen überarbeitet gehören. "Zu den Leberkranken müssen uns die Transplantationszentren derzeit nur drei Werte übermitteln, den Leber-, den Nieren- und den Gerinnungswert", kritisierte der Medizinische Direktor der für die Organvergabe verantwortlichen Stiftung Eurotransplant, Axel Rahmel, in der taz bereits im August. Rahmel: "Es ist schwierig, allein anhand dieser Werte besondere Verläufe zu charakterisieren."

Zum Vergleich: Kliniken, die ein Herz verpflanzen wollen, müssen an Eurotransplant nicht nur die Laborwerte schicken, sondern auch Röntgen- und Echobefunde, Epikrisenberichte, Kopien der Intensivkurven.

Bei den Nieren wiederum ist die Übereinstimmung der Gewebeeigenschaften von Spender und Empfänger ausschlaggebend für den Erfolg der Transplantation. Fälscht ein Arzt hier Werte, dann führt das nicht etwa dazu, dass sein Patient schneller eine Niere bekommt. Sondern bloß dazu, dass er ein nicht passendes Organ bekommt.

Die Grundproblematik der Verteilungsgerechtigkeit ist freilich dem Organmangel selbst geschuldet. Seit Jahrzehnten existiert eine erhebliche Diskrepanz zwischen Nachfrage und Angebot, also der Zahl der Patienten auf der Warteliste und den zur Verfügung stehenden Organen. Dies führt - schließlich geht es um Leben und Tod - naturgemäß zu Verteilungskämpfen, zu deren Klärung wiederum Regeln nötig sind. Diese jedoch werden bislang nicht etwa vom Parlament entwickelt, sondern von der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, also einer Art Privatverein. Dabei gilt: Alle Patienten sollen den gleichen Zugang zur Warteliste haben (Gerechtigkeit). Patienten, die ohne Transplantation besonders gefährdet wären, sollen bevorzugt werden (Dringlichkeit). Bevorzugt werden sollen aber auch solche Patienten mit einem erwartbaren langfristigen Erfolg der Transplantation (Überleben, Lebensqualität). HEIKE HAARHOFF

Fehlende Spenderorgane führen zum Verteilungskampf. Es geht um Leben oder Tod