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  • 07.07.2009

Schüler haben Schwein gehabt

GRIPPE An einem Köpenicker Gymnasium sind zehn Schüler leicht an der Schweinegrippe erkrankt - der Rest hat schulfrei. Der Direktor versucht besorgte Eltern zu beruhigen, Bürger stürmen Klinik für Schnelltests

VON KONRAD LITSCHKO

Die Telefonkette hat funktioniert: Am frühen Montagmorgen haben sich nur vier Schüler ins Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in der Köpenicker Oberspreestraße verirrt. Sie dürfen umgehend wieder nach Hause: Ihre Schule bleibt bis zum Ende der Woche geschlossen. Nachdem am Wochenende bei acht Mitschülern eine Schweinegrippe-Infektion nachgewiesen wurde, wird der H1N1-Virus am Montag bei zwei weiteren Schülern festgestellt, teilt die Senatsverwaltung für Gesundheit mit.

Schulleiter Wolfgang von Schwedler sitzt deshalb am Montag beinah allein in seinem Gymnasium, in dem sonst 660 Schüler lernen. Nur eine Handvoll der 54 Lehrer ist erschienen. "Wir beantworten Telefonate von Eltern. Einige Kollegen nutzen die Zeit für die Nachbereitung des Unterrichts", berichtet von Schwedler. Es habe viele besorgte Anrufe gegeben, alle Beteiligten hätten aber verständnisvoll auf die Schließung reagiert. Die wenigen Schüler, die am Montag noch aufkreuzten, wurden mit einem Elternbrief nach Hause geschickt. "Ich bitte Sie, Ihre Kinder in der kommenden Woche nicht in die Schule zu schicken", heißt es darin. Dies sei notwendig, "um ein weiteres Ausbreiten des Erregers innerhalb der Schülerschaft nicht zu begünstigen".

Auch die Senatsverwaltung für Gesundheit hält die Schließung weiter für richtig. Es sei eine Vorsichtsmaßnahme, die man sich nicht leicht gemacht habe, so Sprecherin Marie-Luise Dittmar. Auch die neuerkrankten Schüler wiesen nur leichte Symptome auf. Alle Betroffenen würden mit dem Grippemittel Tamiflu behandelt und stünden unter häuslicher Quarantäne. Bisher seien 130 Proben von Personen, die in Kontakt mit den Erkrankten standen, im Landeslabor Berlin-Brandenburg untersucht. "Die Untersuchungen werden fortgesetzt", so Dittmar. Berlin sei aber gut auf den Virus vorbereitet (siehe Kasten).

Laut von Schwedler zeigen die betroffenen Schüler "einen ausgesprochen leichten Krankheitsverlauf". Dies gelte auch für die drei Austauschschüler aus Texas (USA), die bei ihren Gastfamilien unter Quarantäne stehen. Sie sollen am Freitag die Rückreise antreten. Der Rest ihrer 18-köpfigen Gruppe war bereits am Sonnabend abgereist. Nur die 17-jährige Deutsche, bei der der Virus am Donnerstag als Erstes entdeckt wurde, sei für einen Tag zur Behandlung im Krankenhaus gewesen.

Wo die Schüler sich angesteckt haben, bleibt weiter unklar. Die Austauschschüler waren bereits seit Anfang Juni in Deutschland, besuchten München und Dresden, bevor sie nach Köpenick kamen. Die Gesundheitsverwaltung hält deshalb eine Infektion in Deutschland für wahrscheinlich.

Das Köpenicker DRK-Klinikum verzeichnete am Montag derweil einen Ansturm von Bürgern, die einen Schnelltest zum H1N1-Virus durchführen wollten. "Wir werden förmlich überlaufen", so Sprecherin Angela Kijewski. "Viele Bürger sind sehr ängstlich." Klinik wie Senatsverwaltung empfehlen bei Krankheitssymptomen zuerst den Hausarzt aufzusuchen. Zur Vorsorge sollten mehrmals täglich die Hände gewaschen und beim Niesen Abstand zu anderen Personen gehalten werden.

Am Humboldt-Gymnasium versucht Direktor von Schwedler die Eltern zu beruhigen. Ein für Mittwoch geplanter Informationsabend werde stattfinden. Regulär geht es am kommenden Montag mit einem Sportfest und am Dienstag mit der Zeugnisabgabe weiter. Dann sind Ferien.

"Wir werden förmlich überlaufen. Viele Bürger sind sehr ängstlich"

ANGELA KIJEWSKI, DRK-KLINIKUM



Was macht H1N1?

Die Weltgesundheitsorganisation zählt weltweit knapp 95.000 Schweinegrippefälle und etwa 430 Tote in 120 Ländern. In Deutschland hatte das Robert-Koch-Institut rund 530 Fälle registriert - 15 davon in Berlin.

 Die meisten Infektionen in Deutschland sind bislang mild verlaufen. Die Symptome gleichen denen einer saisonalen Grippe. Dazu gehören Fieber, Husten und Probleme beim Atmen. Auch Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen können auftreten. Eine Ansteckungsgefahr besteht eine Woche lang nach Ausbruch der Krankheit.

 Für den Fall, dass der Erreger doch zu schwereren Krankheitsverläufen führen sollte, werden in Berlin 680.000 Packungen antiviraler Medikamente aufbewahrt - zusätzlich zu den Mitteln, die über die Apotheken zu beziehen sind.

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