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  • 30.08.2011

Frauen lieben Kultur

TOURISMUS Sieben von neun Touristen kommen wegen des kulturellen Angebots und der Stadtgeschichte nach Berlin. Darunter sind mehrheitlich Frauen, aber kaum Migranten

VON ROLF LAUTENSCHLÄGER

Harald Juhnke hat es schon 1989 gewusst: "Berlin ist eine Reise wert ist", trällerte Bolles Lieblingsentertainer. Klar doch, dass zu den "Must Seen in Berlin" das Brandenburger Tor, Madame Tussaud's, der Ku'damm und das KaDeWe gehörten. Von ein paar Clubs und Diskos im Osten einmal abgesehen.

Wer heute nach Berlin reist, kommt überwiegend wegen des großen kulturellen Angebots der Stadt, ist mehrheitlich weiblich und interessiert sich für Berlin als Geschichtsort. "Von neun Touristen geben sieben kulturelle Gründe an, Berlin zu besuchen", sagte am Montag Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) bei der Vorstellung des aktuellen Jahresberichts des Kultur-Monitorings (Kulmon). 47.451 Besucher wurden 2010 für die Kulturstudie in den Museen auf der Museumsinsel und am Kulturforum, in den Opernhäusern und Theatern, Gedenkstätten und Musical-Bühnen befragt.

2009 fand das erste Kulmon statt, um Aussagen über die Rolle der hiesigen Kultureinrichtungen, das Publikum und die Kulturwirtschaft zu erhalten, erinnerte Burkhard Kieker, Geschäftsführer von VisitBerlin und Mitinitiator der neuen Studie. 2010 beteiligten sich erstmals die Stiftung Berliner Mauer, das Holocaust-Mahnmal und Topographie des Terrors an dem Besucher-Monitoring.

Nach Berlin reisen jährlich über 100 Millionen Menschen. Überraschend an der Besucherumfrage sei gewesen, dass der Frauenanteil im Vergleich zu 2009 um drei Punkte auf 57 Prozent angestiegen sei, so Kieker. Zudem konnte ermittelt werden, dass fast 60 Prozent der Eintrittskarten kultureller Institutionen an auswärtige und ausländische Kulturfans verkauft wurden, der Rest ging an Berliner. "Bei den Museumsbesuchern ist der Anteil von Touristen besonders hoch." 38 Prozent waren aus dem Bundesgebiet, 37 Prozent aus dem Ausland.

Die absoluten Renner bilden laut Studie derzeit die neuen Gedenkstätten: Fast 90 Prozent der Besucher sind hier Touristen. Interessierte, die diese Orte aufsuchen, kommen zu knapp 52 Prozent aus dem Ausland - besonders aus England, den Niederlanden und den USA. Kieker: "Die Geschichte im 20. Jahrhundert ist in Berlin zu besichtigen. Die Art, wie sich die Stadt damit auseinandersetzt, zieht die Menschen an."

Während der Anteil der Berliner in den Gedenkstätten nur 12 Prozent beträgt, werden die Bühnen dagegen mehrheitlich von Einheimischen besucht. Mit rund 73 Prozent Berliner Publikum verzeichnen die Orchester den größten Anteil. Es folgen die Sprechtheater mit einem Anteil von 65 Prozent, bei Oper, Ballett und Tanztheater sind es rund 61 Prozent

Für SPD-Mann Schmitz kommt der Kulmon im Wahlkampf gerade recht. "Berlins Kultur ist ein Tourismusmagnet und Imagegewinn für die Stadt", so Schmitz. "Das bedeutet Arbeitsplätze und Steuereinnahmen." Etwas kleinlauter musste er bei einem anderen Thema werden: Von den Berlinern mit Migrationshintergrund besuchen laut Umfrage nur 11 Prozent die Kultureinrichtungen der Stadt. "Hier gibt es noch eine Menge Hausaufgaben zu machen", so Schmitz.

"Kultur bedeutet Arbeitsplätze und Steuereinnahmen"

STAATSSEKRETÄR ANDRÉ SCHMITZ

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