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  • 24.02.2009

Ver.di berät die Papierlosen

Menschen ohne Papiere, die Ärger mit dem Arbeitgeber haben, können bald bei Ver.di Hilfe suchen. Die Gewerkschaft weicht ihre bisher ablehnende Haltung gegenüber "undokumentierter Arbeit" auf

VON PETER NOWAK

Die Peruanerin Ana S. arbeitete 39 Monate lang zehn Stunden täglich als Haushaltshilfe bei einer reichen Familie in Hamburg. Stundenlohn: knapp 1 Euro. Weil ihre Papiere abgelaufen waren und sie so zu einer "undokumentierten Arbeitskraft" geworden war, schien sie keine Möglichkeiten zu haben, sich gegen die Ausbeuterbezahlung zu wehren. Bis eine Frau sie an die Beratungsstelle der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di "Migration und Arbeit" vermittelte. Dort half man ihr, einen angemessenen Lohn einzuklagen. Unter dem Titel "Mit einem Lächeln auf den Lippen. Eine Hausarbeiterin ohne Papiere zieht vors Arbeitsgericht" hat die Regisseurin Anne Frisius den Kampf von Ana K. zu einem Dokumentarfilm verarbeitet. Am Sonntagabend hatte der Film im Kino Babylon Mitte Premiere. Und auch in der Hauptstadt richtet Ver.di nun eine "Beratungsstelle für undokumentiertes Arbeiten" ein.

Bárbara Miranda, die ab 11. März die Ver.di-Beratungsstelle leitet, sagte auf der gut besuchten Veranstaltung, dass es künftig nicht mehr - wie in dem Film - von zufälligen Bekanntschaften abhängen solle, ob Arbeitskräfte ohne Papiere eine Möglichkeit bekommen, ihre Rechte einzuklagen. In Hamburg wurde die bundesweit erste Anlaufstelle dieser Art von den Gewerkschaften am 1. Mai 2008 eingerichtet. Der zuständige Hamburger Ver.di-Sekretär Peter Bremme sieht in dieser Einrichtung auch eine gewerkschaftliche Neuorientierung. Bislang konnten Papierlose von den Arbeitnehmervertretern keine Unterstützung erhoffen, denn den Gewerkschaften galten sie in erster Linie als Schwarzarbeiter und Lohndrücker. So haben noch vor wenigen Jahren die von der Gewerkschaft propagierten "Schwarzarbeitertelefone", mit denen undokumentiert Beschäftigte bei den Behörden gemeldet werden sollten, für heftige Kritik bei antirassistischen Gruppen, aber auch innerhalb der Gewerkschaften geführt. Mit den Beratungsstellen wolle man nun zeigen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, mit undokumentiert Beschäftigten umzugehen, so Bremme. Der in Berlin zuständige Ver.di-Gewerkschaftssekretär Jürgen Stahl erklärt gegenüber der taz, dass es in seiner Gewerkschaft auch weiterhin darüber Diskussionen gab. Grundsätzlich müsse man aber zwischen Beschäftigten unterscheiden, die bewusst illegale Arbeitsverhältnisse eingehen, und denen, die gar keine anderen Möglichkeiten haben.

Das Netzwerk respect, in dem sich auch viele undokumentierte Haushaltshelferinnen organisieren, setzt sich seit 2003 dafür ein, dass sie Gewerkschaftsmitglieder werden können. Im Herbst 2008 wurde der "AK undokumentiertes Arbeiten" gegründet, in dem neben Ver.di und respect weitere Antirassismus- und Flüchtlingsgruppen vertreten sind. Mit der Beratungsstelle wolle man einen regelmäßigen Anlaufpunkt für die undokumentierten Arbeitskräfte schaffen, betonte Miranda. "Wir sind keine Opfer, sondern besonders ausgebeutete Arbeitskräfte, die für Rechte kämpfen." Das Interesse bei der Zielgruppe sei vorhanden. Allein in den letzten Monaten seien über persönliche Kontakte rund 60 undokumentiert Beschäftigte bei Ver.di eingetreten. Die Zahl werde sich erhöhen, wenn die regelmäßigen Beratungstermine bekannt werden, hofft Miranda. Schließlich beträgt die Anzahl der undokumentiert Beschäftigten in Berlin nach Schätzungen um die 1.000 Menschen.

Ver.di-Beratungsstelle für undokumentiertes Arbeiten: ab 11. März jeden zweiten Mittwoch im Monat von 9 bis 11 Uhr und jeden vierten Mittwoch von 18 bis 20 Uhr im Ver.di-Gebäude in der Köpenicker Straße 30

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