Das taz Print-Archiv

Hier können Sie in alten taz-Ausgaben blättern:

 

  • 02.06.2009

IM GARTEN VON WALTRAUD SCHWAB

Weiße Engerlinge im Kompost, schlechter Schlaf in der Nacht

ZWEI MAIKÄFER WENIGER IM JAHR 2010

Tiergeschichten gehen immer. Was hab ich nicht schon alles erlebt, im Schrebergarten meiner Freundin. Da waren die tunguskischen Hamster, die, wenn endlich geklärt wäre, ob sie Schwänze haben, doch vielleicht Brandmäuse sind. Dann die Geschichte von den fauchenden Igeln im Liebesrausch. Oder die Grauschnäpper, eine Vogelspezies, die ich erst kennen lernte, als sie in einem Korb, der am Fenster hing, nistete. Sie sind eines Nesträubertodes gestorben. Nicht zuletzt aber habe ich von meiner Affenliebe zu fünf Goldfischen berichtet. Die haben den Winter in der Regentonne überlebt.

Und jetzt? Neues Frühjahr, neue Natur. Wer denkt, es sei noch nichts los im Garten, täuscht sich. Da ist der Versuch meiner Freundin, eine Hummel in eine Luxus-Hummelburg, die 45 Euro kostete, umzuleiten. Vergeblich. Die Hummelburg ist ihr Tribut an ihr letztjähriges Gartenvergehen. Sie hatte zwei Wespennester ausräuchern lassen. Mit Gift! Reue kam hinterher. Die Hummeln allerdings haben ihre Hummelburg verschmäht und nisten in einem Loch in der Holzhütte.

Dieses Jahr werden wir uns nicht an der Natur versündigen, sagten wir uns. Vorsatz ist eins, Gartenalltag was anderes. Als wir neulich den Kompost umschichteten, fielen uns unzählige Engerlinge in die Hände. Bei Engerlingen sehen Gärtnerinnen rot. Die fressen die Wurzeln ab. Kinder allerdings geht das Herz auf. Denn bekanntermaßen werden aus Engerlingen Maikäfer.

Maikäfer - das ist Kindheit. Zumindest die Kindheit eines jeden, der schon halbwegs in der Mitte seines Lebens steht. Damals schwirrten sie, schwerfällig zwar, aber in Scharen durch die Nacht. Wir fingen sie ein und steckten sie uns gegenseitig unters Hemd.

Jedes Kind hat ein Recht auf Maikäfer, dachten wir. Die ersten beiden Engerlinge verbuddelten wir im wuchernden Rudbeckienbeet. Den Blumen täte es gut, wenn sie ein wenig ausgedünnt würden. Dort können sie sich die nächsten drei Jahre durch den Boden fressen, bevor Käfer draus werden.

Als immer mehr dieser fast weißen schwerfälligen Raupen im Kompost auftauchten, wurden wir doch unruhig. Sollen wir jetzt alle Staudenbeete zum Abfressen freigeben? Meine Freundin meinte, wir sollen sie im unausgereiften Kompost, der erst nächstes Jahr fertig ist, vergraben, da schade er nichts.

Nur dass ich in der folgenden Nacht schlecht schlief. Im unausgereiften Kompost nämlich setzen wir Kürbispflanzen ein. Die lieben das. In meinen Wachträumen fraßen die Engerlinge die Wurzeln der Kürbispflänzchen ab.

Der Rettungsplan war kühn: Ich würde die Engerlinge im Kompost suchen. Einmal gefunden, vergrabe ich sie in den Rehbergen. Alle Weddinger setzen ihre Haustiere in den Rehbergen aus, warum nicht auch ich?

Mit Handschuhen wühlte ich mich am nächsten Tag durch verfaultes Gemüse, vergorenes Gras und schimmlige Obstschalen. Vergeblich. Nein, nicht ganz vergeblich. Zwei Engerlinge habe ich gefunden. Zwei. Wegen zweien geh ich doch nicht in die Rehberge! Was dann? Der eine krallte sich in meinem Handschuh fest. Genutzt hat es ihm wenig. Ich habe beide vor das Vogelhaus gelegt, in dem jetzt schon die Jungvögel piepsen. Ich war's, wenn's in drei Jahren zwei Maikäfer weniger gibt.

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!