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  • 11.01.2012

Die vergessenen Dementen

Gesundheit Alternde Migranten mit Demenz sind eine schnell wachsende Gruppe. Das Pflegesystem ist allerdings kaum auf ihre speziellen Bedürfnisse vorbereitet

VON KAREN GRASS

Als sie erzählte, dass sie ihre demente Mutter in Pflege geben will, hatten viele Freunde und Verwandte dafür kein Verständnis. "Die haben gesagt: Du musst sie doch zu Hause behalten und da pflegen. Das bisschen Vergesslichkeit ist doch ganz normal", sagt Nerinan Adalan. Doch die 50-jährige gebürtige Istanbulerin setzte sich durch und brachte ihre Mutter Binnaz Adalan 2009 in die Wohngemeinschaft des interkulturellen Pflegedienstes Medicus in Wedding. "Jetzt ist alles besser, hier geht es ihr gut", sagt Nerinan Adalan. "Aber vorher musste ich erfahren, dass viele meiner Landsleute zu stolz sind, um Demenz als eine tatsächliche Erkrankung zu akzeptieren."

Dass die Demenz eines Angehörigen tabuisiert wird, sei in jeder Familie ein Problem, sagt Derya Wrobel. Die Leiterin des Informationszentrums für demenziell und psychisch erkrankte Migranten (IdeM) stammt selbst aus der Türkei. "Doch bei türkischen und arabischstämmigen Familien ist dies noch ausgeprägter der Fall - bis hin zu der Situation, dass sie gar keine Hilfe suchen", sagt Wrobel. Nur wenige Pflegeeinrichtungen seien auf die speziellen Bedürfnisse ihrer Landsleute und anderer Migranten vorbereitet - etwa darauf, den Verlust einiger geistiger Funktionen gegenüber einer türkischen Familie nicht einfach "Demenz" zu nennen,weil dieser Begriff häufig mit "Idiotie" übersetzt wird.

Ursprünglich leitete Wrobel eine Beratungsstelle für türkische Pflegebedürftige beim Sozialverband Berlin-Brandenburg (VdK). Ihr fiel auf, wie früh viele ratsuchende TürkInnen bereits mit Fällen von Demenz konfrontiert waren und dass wenige damit umgehen konnten. Als bei der Vorstellung der Pflegereform der Bundesregierung 2003 das Thema Migrationshintergrund und Demenz nicht einmal erwähnt wurde, gründete Derya Wrobel ihr eigenes Informationszentrum als Projekt beim (VdK). Es war die erste Beratungsstelle in Deutschland, die speziell auf demente Migranten ausgerichtet ist.

Das überrascht im Rückblick, denn viele der hauptsächlich türkischen und italienischen Gastarbeiter aus den 60er Jahren kommen jetzt in ein Alter, in dem sich Erkrankungen dieser Art häufen. Und: Die ausländischen Senioren sind laut Schätzungen des Statistischen Bundesamtes eine der Bevölkerungsgruppen, die am schnellsten wachsen. "Diese Menschen brauchen Angebote, die auf ihre kulturellen Bedürfnisse und Besonderheiten eingehen", sagt Wrobel. "Darauf sind wir auch in Berlin nicht vorbereitet."

In dem Altbau, in dem der Pflegedienst Medicus seine interkulturelle Wohngemeinschaft eingerichtet hat, sitzt Binnaz Adalan mit Mitbewohnern aus Indonesien, Deutschland, Algerien, dem Libanon und der Türkei am Küchentisch. Alle zwölf Bewohner des Hauses sind geistig behindert oder dement, nicht alle können Deutsch. So auch die 75-jährige Adalan. Die gelernte Näherin erzählt, sie habe bis zur Rente vor zehn Jahren in einem Bekleidungsgeschäft am Ku'damm gearbeitet und ein bisschen Deutsch gelernt. Doch seit ihre Demenz vor acht Jahren einsetzte, hat sie das wieder verlernt. "Mir fallen oft Worte nicht mehr ein", übersetzt die stellvertretende Pflegedienstleiterin Vijdan Kocak.

Noch mehr Sorgen macht sich die examinierte Altenpflegerin um Armad Sanjoto aus Indonesien: Er hat keine Angehörigen mehr in Deutschland. Der 75-Jährige muss immer öfter daran erinnert werden, dass niemand um ihn herum seine Muttersprache versteht. Das Pflegeteam ist größtenteils auf türkische und arabische Bewohner eingestellt. Sanjotos Deutsch wird indes immer lückenhafter.

Seine Probleme sind symptomatisch für Demenzerkrankte mit Migrationshintergrund. Da bei ihnen das Kurzzeitgedächtnis nachlässt, haben die meisten Betroffenen Probleme, sich auszudrücken. Insofern ist der Sprachverlust keine Besonderheit von Patienten mit Migrationshintergrund. Doch er wirkt sich gravierender aus bei der Zweitsprache, die weniger gut im Langzeitgedächtnis verankert ist als die Muttersprache. Die Betroffenen vergessen massenhaft Worte, fühlen sich wieder hilflos, von der Umwelt abgeschnitten - es ist fast dieselbe Situation wie bei ihrer Ankunft in Deutschland vor mehr als 40 Jahren.

Viele Spätfolgen

Die letzte umfassende Studie über Demenz bei Menschen mit Migrationshintergrund stammt aus dem Jahr 2000, insgesamt gibt es kaum Forschung in diesem Feld. Obwohl sich nun, 50 Jahre nach Inkrafttreten des Anwerbeabkommens, viele Spätfolgen der Arbeitsmigration zeigen. Nach Einschätzung von Kocak ist die psychische Belastung im Zusammenhang mit Migration der Grund dafür, dass zugewanderte Senioren im Schnitt einige Jahre früher dement werden als deutsche: "Wenn ich eine deutsche Frau mit einer gleichaltrigen Türkin vergleiche, sieht diese meist älter, verbrauchter aus", sagt Kocak. "Man sieht ihre Einwanderungsgeschichte förmlich in ihrem Gesicht, weil Isolation und prekäre Arbeitsbedingungen sie stark belastet haben."

Selten wird Hilfe gesucht

Heute isoliert der Sprachverlust die Betroffenen erneut und führt im Kontakt mit deutschen Ärzten zu Missverständnissen und Fehldiagnosen. Wenn die Betroffenen überhaupt Hilfe suchen. Sie erlebe selten, dass die Menschen einfach so zu ihr kommen, sagt Derya Wrobel vom Informationszentrum IdeM. Sie arbeite viel mit Aktionen in Gemeinden, in Kooperation mit muttersprachlichen Arztpraxen und mit Medien wie Hürriyet oder dem türkischen Radiosender Metropol fm. "Es braucht niedrigschwellige, eher mündliche Angebote, damit man die Leute erreicht", sagt Wrobel.

Davon ist auch Olivia Dibelius überzeugt. Doch es gebe zu wenig dieser Angebote, sagt die Professorin für Pflegewissenschaft an der Evangelischen Hochschule Berlin. Sie führt gerade ein Forschungsprojekt zu Demenz bei Menschen mit Migrationsgeschichte durch. Die Belange von Migranten in der Pflegeberatung würden nicht ausreichend mitgedacht, so Dibelius. Sie kritisiert vor allem die Ausrichtung der 26 so genannten Pflegestützpunkte, die seit 2009 erste Anlaufstelle für Pflegebedürftige und deren Angehörige sein sollen. Die Stützpunkte werden vom Land Berlin und den Krankenkassen getragen. Sie sind Teil des 2008 vom Bundestag verabschiedeten Pflegegesetzes und sollen auf besondere gesellschaftliche Anforderungen vor Ort eingehen. "Das klingt erst mal schön, aber in der Umsetzung hakt es", sagt Dibelius. Das zeige sich schon daran, dass die Beratung von Menschen mit Migrationshintergrund in dem Konzept nicht einmal gesondert erwähnt werde.

"Wir sind uns bewusst, dass wir viele Menschen mit Migrationshintergrund noch nicht erreichen", sagt Claudia Gorny, Teamleiterin von fünf Pflegestützpunkten unter der Trägerschaft der AOK Nordost. Deshalb arbeite man vor allem an Netzwerken: Selbsthilfeorganisationen oder Nachbarschaftsinitiativen sollen darin eingebunden werden. "Aber speziell für Migranten konzipierte Beratung wird es nicht geben", betont Gorny. Die meisten kämen ohnehin mit einem Angehörigen, der übersetzen kann, und dass andere Personen für die Betroffenen sprechen, sei auch bei deutschen Senioren die Regel. "Mit gesonderten Angeboten würden wir ,die Migranten' über einen Kamm scheren und nicht mehr individuelle Fälle bewerten", sagt Gorny. Das sei Diskriminierung.

Derya Wrobel von IdeM möchte auch auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Klienten eingehen. Doch sie hat in ihrer täglichen Arbeit oft erlebt, wie türkische und arabische Familien ihre erkrankten Angehörigen noch weiter von der Außenwelt isolieren. Laut Wrobel könnten viele Einwanderer der zweiten Generation, die noch in ihren Herkunftsländern geboren wurden, Demenz tatsächlich schwerer akzeptieren als deutsche Familien. "Das kann man nicht pauschal sagen, ich will meine Landsleute nicht diskriminieren", sagt Wrobel. Doch es gebe kulturelle Unterschiede, die man nicht leugnen könne: Vor allem ältere Migranten mit geringem Bildungsstandard sähen Demenz als Gottesstrafe an - ähnlich wie Wrobel es bei Projekten in der Türkei und Arabien erlebte. Die studierte Sozialarbeiterin vermeidet deshalb das Wort bei ihren Beratungsstunden. "Umschreibt man die Symptome wie Vergesslichkeit oder Koordinationsschwierigkeiten, die das Familienleben auch maßgeblich belasten, finden sich die Angehörigen meist viel eher darin wieder", sagt sie. Dann könnten sie sich auch eher auf vorhandene Angebote einlassen. "Am Ende sind die Leute richtig erleichtert", berichtet Wrobel aus ihrem Berufsalltag.

Lesungen und Musik

Das Pflegeteam bei Medicus kommuniziert auf Französisch, Deutsch, Arabisch und Türkisch mit den Bewohnern. Somit sorgen die hauptsächlich türkischen und arabischen Mitarbeiter dafür, dass die Bewohner nicht im monokulturellen Raum leben. Binnaz Adalans Zustand hat sich dadurch seit Beginn ihrer Erkrankung zwar nicht verbessert. Meist liegt die türkischstämmige Seniorin in ihrem Zimmer im Erdgeschoss der Medicus-WG. Doch zweimal die Woche besucht Adalan auch kulturelle Angebote des Pflegedienstes außer Haus. "Besonders gut gefallen ihr die wöchentlichen türkischen und deutschen Lesungen und Musikstunden, die Medicus anbietet", sagt ihre Tochter. "Da hört sie Bekanntes und Unbekanntes und blüht wieder ein bisschen auf."

Der Sprachverlust isoliert die Betroffenen erneut und führt zu Missverständnissen und Fehldiagnosen

"Viele meiner Landsleute sind zu stolz, um Demenz als Erkrankung zu akzeptieren"

Nerinan Adalan