Das taz Print-Archiv

Hier können Sie in alten taz-Ausgaben blättern:

 

  • 06.07.2009

Sommerfilmreihe ohne Quotendruck

"DEBÜT IM ERSTEN" In der Ferienzeit ist die ARD aber mal so richtig mutig - und zeigt junge deutsche Filme am späten Abend

VON RENÉ MARTENS

Sag mal, bist du in der FDP, oder was?" - "Nein! - "Aber geschieden?" - "Ja." Wer beim Speeddating die Liebe fürs Leben oder die nächsten Monate finden will, eiert nicht lange herum, sondern muss die wichtigen Themen - Allergien und Schlafgewohnheiten gehören auch dazu - ohne große Umwege abhaken.

Fünf Minuten pro Kandidatin oder Kandidat haben sie jeweils Zeit: der überarbeitete Controller, die deprimierte reiche Nichtstuerin, die Yogalehrerin, der Politikstudent und die 14 anderen Münchener Singles, die sich in Ralf Westhoffs erstem Langspielfilm "Shoppen" in einem Fabrikgebäude zu Kennenlern-Crashkursen treffen. Der mit Theaterakteuren besetzte "Schauspielerfilm" (Westhoff) läutet heute in der ARD die neunte Staffel der Reihe "Debüt im Ersten" ein. Bis zum 31. August werden neun Filme gezeigt, auf dem Sendeplatz am Montag um 22.45 Uhr, während "Beckmann" Sommerferien hat.

"Debüt im Ersten" ist ein Label, auf das die Programmverantwortlichen in der ARD stets stolz verweisen können, wenn sich mal wieder das gesamte öffentlich-rechtliche System einer Pauschalkritik ausgesetzt sieht. Filmhochschulabsolventen und andere relativ junge Regisseure - die Beteiligten an der neuen Staffel sind zwischen 30 und 40 Jahre alt - bekommen die Chance, ein Projekt umzusetzen, ohne sich dem Zwang der Konfektionierung beugen zu müssen, der auf anderen Fernsehfilmsendeplätzen in der Regel herrscht. Trotzdem bekommt der Zuschauer am Ende naturgemäß nicht das Werk zu sehen, das sich der Regienovize anfangs ausgemalt hat. Andrea Hanke, Redakteurin beim WDR, einem von sieben Sendern, die die Reihe bestücken, sagt, es gehe bei der redaktionellen Arbeit darum, "herauszufinden, was jemand eigentlich erzählen will. Einige wollen auch zu viel."

"Shoppen" bereitete den zuständigen Redakteurinnen des BR eher wenig Arbeit: Am Drehbuch wurde nichts Nennenswertes geändert, lediglich die Zahl der Figuren leicht reduziert. Dass die neue Staffel mit diesem Film beginnt, ist bemerkenswert, weil er ohne klassische Dramaturgie auskommt und teilweise wie eine Kollektion von Porträts wirkt. Die Action, wenn man sie denn so nennen will, besteht aus den geistreichen, öden oder auch grotesken Dialogen.

Aber da "Shoppen" zuallererst eine Komödie ist, handelt es sich doch um einen relativ zugänglichen Film - vor allem verglichen mit "Gegenüber", dem zweiten Beitrag der neuen Staffel: ein beklemmendes Drama, in dem ein allzu weicher Polizist regelmäßig von seiner Ehefrau verprügelt wird. "Beziehungen, Liebe, Familie existieren in extremen Formen, klassische Strukturen und Jahrzehnte geltende Regeln werden immer mehr verdrängt" - das sind, mit den Worten von Reihenkoordinatorin Daniela Mussgiller (NDR), die Themen, um die alle neuen Filme kreisen.

Über einen besseren Sendeplatz für "Debüt im Ersten" diskutiert die ARD derzeit nicht. Man sei "glücklich" mit dem jetzigen Termin, sagt Koordinatorin Mussgiller. Zum einen sei es vorteilhaft, keinen Quotendruck zu haben - bisheriger Spitzenwert: 8,2 Prozent (1,02 Millionen Zuschauer) 2007 -, zum anderen gebe es in der Reihe Filme, die für einen früheren Sendeplatz keine Freigabe der Freiwilligen Selbstkontrolle bekämen.

Mit einer Sommerreihe aus Produktionen jüngerer Filmemacher steht die ARD nicht allein da. Ab 16. August zeigt die Redaktion des "Kleinen Fernsehspiels" im ZDF eine neue, sieben Filme umfassende Staffel von "Gefühlsecht". Sendezeit: ebenfalls um 22.45 Uhr, allerdings am Sonntag. Für ZDF-Verhältnisse ist das ein attraktiver Termin: Die Filme des "Kleinen Fernsehspiels" beginnen sonst montags nach Mitternacht.

Auf "Debüt im Ersten" wird bei der ARD stets stolz verwiesen, wenn mal wieder das öffentlich-rechtliche System einer Pauschalkritik ausgesetzt ist

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!