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  • 15.11.2011

Und nun hören Sie das Knurren zum Amoklauf

DAUMEN RUNTER Bei den ARD-Hörspieltagen geht der Jury gutes Handwerk vor künstlerischer Kreativität

"Ich denke wie ein Philosoph und rede wie ein Bauer", erklärt Jan Weiler und liest dann weiter aus seinem neuen Buch. Seine Familiengeschichten sind amüsant und harmlos. In Karlsruhe wird bei den "ARD-Hörspieltagen 2011" viel darüber gelacht. Seit sechs Jahren findet das 2004 erstmalig in Köln ausgerichtete Publikumsfestival statt. Herzstück der fünftägigen Veranstaltung (9. 11.-13. 11.) ist die Verleihung des "Deutschen Hörspielpreises der ARD".

Aus zehn eingereichten Hörstücken der neun Rundfunkhäuser der ARD und dem Deutschlandradio wählt eine Fachjury die beste Produktion aus. Vergeben werden auch der ARD Online Award, der Nachwuchspreis "Premiere im Netz", der Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe und der deutsche Kinderhörspielpreis.

Neben dem Hörspielpreis der Kriegsblinden gilt die öffentlich-rechtliche Auszeichnung als die wichtigste der Branche. Das spiegelt sich auch in den Zahlen: 2011 kommen knapp 10.000 Besucher. Der Etat für das kostenlose Publikumsfestival beläuft sich diesjährig auf etwa 150.000 Euro. Auch die Hörspielmacher profitieren: Neben der Dotierung mit 5.000 Euro bedeutet die Ausstrahlung auf sämtlichen ARD-Wellen einen dicken Bonus für die oft klammen Autoren.

Recht harmonisch fällt das Urteil der Jury zum diesjährig prämierten Hörstück "Altersglühen oder Speed Dating für Senioren" (NDR 2011) von Jan Georg Schütte aus: "Gerade weil Authentizität simuliert, also kunstvoll hergestellt wird, wirkt ,Altersglühen' so real wie lebenswahr." Die Produktion ist innovativ, weil Schütte sich rein auf die Improvisationfähigkeiten seiner sechs Darsteller verlässt. Dem Autor gelingt eine feinfühlige Umsetzung der schwierigen Partnersuche im Alter, wenn nur ein paar Minuten bleiben, um ein ganzes Leben zu erzählen. Ein spontanes und teilweise auch berührend tragisches Stück - eine gute Wahl. Dennoch wird man man den Eindruck nicht los, dass die Jury - Jochen Hieber (FAZ), Jens Bisky (SZ), Sigrid Löffler (freie Publizistin), Uwe Kammann (Grimme-Institut) und Theresia Walser (Autorin) - manches zu engstirnig beurteilt.

Zu beobachten bei den inhaltlich harten, aber mutigen Produktionen "Nichts. Was im Leben wichtig ist" (SWR 2010) von Leonard Koppelmann und "2 Uhr 14" (SR/NDR 2010) von David Paquet: Die ablehnende Reaktion ("ästhetisch nicht plausible Figuren") auf Koppelmanns formell sehr konsequente, düstere Romanadaption ("konstruiert") von Janne Teller - "zwischen Grimms Märchen und Andreas Baader", sagt der Regisseur - verrät mehr über die hermeneutisch vernebelte Rezeption der Jury als über die Qualität des Stücks. In dem Hörspiel geht es um eine Schulklasse, die ebenso fanatisch wie erbarmungslos den Nihilismus eines Mitschülers bekämpft. Die Buchvorlage war in Dänemark an Schulen lange verboten, ist aber mittlerweile ein weltweiter Bestseller und wird kontrovers diskutiert.

Ein wenig besser ergeht es "2 Uhr 14". Der Kanadier David Paquet erzählt die Vorgeschichte eines Amoklaufs anhand der inneren Stimmen der Opfer und der Mutter des Täters. Paquet gelingt eine ästhetisch bemerkenswerte Herangehensweise, abseits der medial endlos gespiegelten Frage nach dem "Warum". Im Juryurteil heißt es, die an sich guten Charakterprofile würden so für das am Ende stehende Ereignis "instrumentalisiert". Sigrid Löffler knurrt noch, man sei bis jetzt an Themen wie 9/11 oder Amokläufen stets "gescheitert".

Leider lässt sich das Herangehen der Jury an manches Werk sehr gut mit den Worten Jan Weilers beschreiben: denken wie ein Bauer, reden wie ein Philosoph.

JAN SCHEPER

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