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  • 01.10.2012

Neue Vorwürfe im Transplantationsskandal

ORGANVERGABE Ärztepräsident wirft Münchner Klinikum rechts der Isar vor, einen Tumorpatienten regelwidrig transplantiert zu haben. Auch in Hamburg prüfen Staatsanwälte einen Anfangsverdacht

BERLIN taz | Die Zahl der Vorwürfe wegen Unregelmäßigkeiten bei der Organvergabe an deutschen Transplantationszentren steigt. Nach Göttingen, Regensburg und München gibt es nun einen Verdacht, dass auch am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf (UKE) bei Lebertransplantationen bewusst gegen die Regeln der Bundesärztekammer verstoßen worden sein soll. Eine entsprechende Anzeige gegen den Direktor der Klinik für Transplantationschirurgie sei vor Wochen anonym bei der Staatsanwaltschaft Hamburg eingegangen, sagte ein Sprecher der taz: "Wir prüfen derzeit, ob es einen Anfangsverdacht gibt, der Ermittlungen rechtfertigt."

Dem UKE wird laut Anzeige vorgeworfen, zwischen 2008 und 2010 in mehreren Fällen Spenderlebern, die der Klinik von der Stiftung Eurotransplant für bestimmte Patienten zugewiesen worden waren, tatsächlich anderen Patienten verpflanzt zu haben. Die Lebern seien nach entsprechender Wartezeit für den betreffenden Patienten bewusst als nicht transplantabel eingestuft worden. Damit habe das UKE sie anderen Patienten geben dürfen. Und der Patient, der eigentlich an der Reihe gewesen wäre, hätte aufgrund seiner Dringlichkeit wenige Tage später eine neue Leber angeboten bekommen. So habe das UKE die Zahl seiner Transplantationen steigern können.

Der Vorwurf kursiert in der Transplantationsszene seit Monaten, das UKE hat ihn stets zurückgewiesen. Auch die Prüfungskommission bei der Bundesärztekammer, die im September entsprechende UKE-Patientendaten überprüfte, konnte ihn nicht bestätigen.

Uwe Heemann, Leiter des Transplantationszentrums am Münchner Klinikum rechts der Isar, das seit voriger Woche unter Manipulationsverdacht steht, kritisierte in diesem Zusammenhang, dass die Prüfer in Hamburg "bislang nur eine Stichprobe" von etwa 30 Fällen untersucht hätten. "Wir dagegen haben sämtliche 163 Fälle von 2007 bis 2012 offengelegt", sagte Heemann der taz. Da sei eine höhere Trefferquote logisch.

Heemann wies neue Vorwürfe des Ärztepräsidenten Frank-Ulrich Montgomery zurück, wonach die Münchner Ärzte einem Tumorpatienten, der aufgrund seiner fortgeschrittenen Erkrankung nicht hätte transplantiert werden dürfen, ein Organ verpflanzt hätten. Der Vorwurf deckt sich mit Berichten von ehemaligen Beschäftigten des Klinikums gegenüber der taz, wonach "rechts der Isar betrogen wurde, dass sich die Balken bogen". Heemann widersprach: Die Transplantation des Tumorpatienten sei regelkonform gewesen.

Insgesamt, so Heemann, seien vier Regelverstöße aus den Jahren 2010 und 2011 identifiziert worden. Von "kriminellem Handeln" könne "nach derzeitigem Stand" aber "keine Rede" sein.

HEIKE HAARHOFF

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