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  • 01.11.2007

Schreibwut revisited

Germanisten betreiben die Wiederentdeckung des Romanciers und Aufklärers Karl Gutzkow. Das ist eine gute Idee! Nun erscheinen die 3.000 Seiten des "Zauberers von Rom" neu

VON JAN SÜSELBECK

Zugegeben. Warum man jetzt plötzlich so einen Uralt-Roman wie Karl Ferdinand Gutzkows "Zauberer von Rom" (1858-1861), ein erschlagendes Ungetüm von fast 3.000 Seiten, lesen sollte, will vermittelt sein. Wozu, um Himmels Willen, noch drei dicke Bände Gutzkow durchackern? Bloß weil darin am Ende ein ungetaufter Deutscher in Rom Papst wird und eine Komplettreform des Katholizismus einläutet? Ist das nicht Papa Ratzis Bettlektüre?

Nein! 1835 bis 1843 war Gutzkows Werk in Deutschland sogar wegen angeblicher Gotteslästerung verboten. Der reaktionäre Kritiker Wolfgang Menzel hatte alles ausgelöst, als er Gutzkows Roman "Wally, die Zweiflerin" (1835) wegen einer Nacktszene als "französische Affenschande" verfluchte. Die Folge: vier Monate Haft für den Autor.

Danach folgten Jahrzehnte einer verzweifelten Schreibwut, zu deren Ende hin Gutzkow an Depressionen litt. Im Dezember 1878 kam der Erfinder der innovativen Prosaform des "Romans des Nebeneinander", der die Beschreibung aller Gesellschaftsschichten seiner Zeit in einem großen literarischen Panorama vereinigen sollte, bei einem Brand in seiner Frankfurt-Sachsenhausener Wohnung ums Leben.

Vor allem zwei Romane stechen aus Gutzkows Oeuvre hervor, die jedoch bald aus dem Kanon der deutschsprachigen Literatur verbannt wurden und in Vergessenheit gerieten: "Die Ritter vom Geiste" (1850/51) und der jetzt von Kurt Jauslin, Stephan Landshuter und Wolfgang Rasch neu herausgegebene "Zauberer von Rom" - die "unvergleichlich beste Schilderung der katholischen Welt, die es gibt", wie Gutzkows großer Wiederentdecker Arno Schmidt 1965 urteilte. Die Edition ist Teil der nicht genug zu rühmenden Digitalen Gesamtausgabe der Werke Gutzkows, die seit der Jahrtausendwende in robusten Hardcover-Textbänden mit CD-Rom im Münsteraner Oktober Verlag erscheint und - besonders innovativ - zugleich im Internet unter www.gutzkow.de abrufbar ist.

Zu rühmen ist bereits der Romanbeginn des "Zauberers von Rom". Wie hier die 13-jährige Protagonistin Lucinde Schwarz auf ihrem beschwerlichen Weg aus der Misere der nordhessischen Provinz in die Residenzstadt (Kassel) begleitet wird, sucht in der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts seinesgleichen.

Lucinde gerät, aus ihrem rückständigen Dorf in die Stadt geholt, in die Fänge der unheimlichen Hauptmännin von Buschbeck. Die gespenstische Alte hält sie wie ein Tier in einer dunklen Besenkammer. Zu essen gibt es zermahlene Pflaumenkerne für das Mädchen, während die herzlose Peinigerin die über alles geliebten Tauben Lucindes nach und nach abmurkst, um sie genüsslich zu verspeisen.

Gutzkow schildert diese Kindesmissbrauchsgeschichte auf den ersten 40 Seiten seines Werks so beklemmend, wie es sein Antipode Gustav Freytag niemals für statthaft gehalten hätte. Freytag und sein Mitstreiter Julian Schmidt vertraten in ihrer Zeitschrift Die Grenzboten einen programmatischen Realismus, der das deutsche Volk "bei seiner Arbeit" aufsuchen und die dort anfallenden sozialen Probleme verklären sollte. Was Gutzkow schrieb, wurde deshalb in den Grenzboten verrissen, um den Autor "bis zur Vernichtung" (Julian Schmidt) zu verfolgen. Im Fall des "Zauberers von Rom" schreckten die Herausgeber nicht einmal davor zurück, Buchszenen falsch wiederzugeben, um die sittliche Verkommenheit des Werks mit eigenen Sexhirngespinsten zu belegen. Gutzkow verklagte deshalb den Grenzboten und erzwang eine Gegendarstellung - was jedoch nichts daran änderte, dass er sich nun in der Weiterarbeit an seinem sukzessive in neun Büchern erscheinenden Projekt gehemmt fühlte und auf Verrisse überempfindlich reagierte, bis hin zur fixen Idee, sich mit einem seiner Kritiker duellieren zu müssen.

Trotzdem vollendete Gutzkow seinen Monumentalroman in jahrelanger Selbstdisziplin, die ihn an den Rand des körperlichen Zusammenbruchs manövrierte. Und gerade die Thematisierung solcher Zustände ist es ja auch, die sein Realismuskonzept aus heutiger Sicht so revolutionär erscheinen lässt: Das Kranke, die paranoiden Zustände psychisch deformierter Menschen und die rohe Gewalt religiöser Eindämmungsversuche ihrer Triebe werden in Gutzkows Buch zum Thema. Allerhand schicksalsgebeutelte Neurotiker begleitet der Erzähler mit analytischem Blick auf ihrem Weg in den religiösen Fanatismus: So etwa Gutzkows Figur Frâ Hubertus alias Bruder Abtöter, der im Roman als unheimlicher, letaler Exorzist auftritt.

Und wer hätte gedacht, dass "Der Zauberer von Rom" auch ein medizinhistorisches Werk über die Orthopädie im 19. Jahrhundert ist - ja sogar als psychologisches Dossier über Hysterie Maßstäbe setzt? Überhaupt die Sexualität: Dass ein deutschsprachiger Roman jener Zeit bereits Phänomene wie die Nekrophilie beschrieb oder auch die interessante onanistische Praxis, mithilfe von Selbststrangulationen besonders eindrucksvolle Erektionen zu erlangen, hätten wohl die wenigsten Leser erwartet. Und doch nimmt man frappiert zur Kenntnis, wie Gutzkows Roman gerade auch solche Bedürfnisse beschreibt - allerdings nicht in der vulgären Form, wie sie die zeitgenössischen Herausgeber der Grenzboten meinten im Text entdeckt zu haben.

Denen stießen aber auch noch andere Aspekte sauer auf. Der krankhafte Suff dürfte in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht eben unbekannt gewesen sein, wurde aber deshalb in der deutschen Literatur noch lange nicht für darstellungswürdig befunden.

Anders bei Gutzkow. Da gibt es Lucindes Vater, den Langen-Nauenheimer Dorflehrer Gottlieb Schwarz (er plumpst besoffen in einen Bach und ertrinkt). Dann tritt ihr Verlobter Heinrich Klingsohr auf (der auch noch Opium nimmt und nach dem Entzug als jesuitischer Hassprediger Pater Sebastus wieder auftaucht). Schließlich der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof (mit seinen nächtlichen Halluzinationen, die als erste Vorboten eines Delirium Tremens erscheinen). Zusammen mit dem trinkseligen Männerbund um Thiebold de Jonge werden damit verschiedenste Stadien und gesellige Vorformen einer Krankheit thematisiert, die mit der Industrialisierung zum Massenphänomen geworden war.

Thiebold de Jonge erlebt während eines Punsch-Trinkgelages mit seinen Freunden zudem eine damit einhergehende Form der Enthemmung, die Gutzkows Roman abermals in kritische Distanz zu Gustav Freytags Erfolgsroman "Soll und Haben" (1855) bringt. Als Bestseller transportierte dieses Werk antisemitische Stereotypen wie kaum ein zweites. Auch Thiebolds Gesellen verfallen zu vorgerückter Stunde darauf, "eine Caricatur anfertigen zu lassen, um […] das zeitgemäß-modernste Thema: Juden bauen den Christen ihre Gotteshäuser!" zu verspotten. Thiebold aber gedenkt dabei "seines Freundes Benno […], der […] den ,lateinischen Stolz' besaß, sich in einer Soll-und-Haben-Sphäre von dieser Art nicht heimisch zu fühlen, ja die geschilderte geradezu verachtete." Freytags Romantitel taucht an dieser Stelle also bereits wie selbstverständlich als soziale Chiffre für den kulturellen Code auf, als den die israelische Historikerin Shulamit Volkov den Antisemitismus beschrieben hat - während die Figur, die bei Gutzkow darüber nachdenkt, in ihrem inneren Monolog beginnt, sich in Gedanken an einen Freund davon zu distanzieren.

Solche metafiktionalen Einstreuungen sind typisch für den Roman, in dem alles von verschiedenen Seiten beleuchtet wird. Es gibt keine wirklich böse und keine eindeutig gute Figur in diesem Buch - und eben auch der Katholizismus, den Gutzkow durchleuchtet, wurde wohl selten so empathisch literarisiert.

Da sitzt man etwa in einer unvergleichlichen Szene zusammen mit dem neu ernannten Kölner Domherrn (und späteren deutschen Papst) Bonaventura von Asselyn im Beichtstuhl. Man folgt seinen verstörten Gedanken - und hört dabei einer Reihe von Figuren zu, deren turbulente Biografien man aus den vorherigen Büchern meist schon genauer kennt. Dabei entsteht unter der Hand ein Tableau des Katholizismus und seiner rigiden Rituale, ein buntes Kaleidoskop religiöser Diskurse, das kaum noch auf einen Nenner zu bringen ist.

Nicht zu vergessen ist jenes grandiose Kapitel, in dem Lucinde, des Nachts ihren melancholischen Gedanken und Erinnerungen nachhängend, Tagebuchpassagen aus der Feder ihres verstorbenen Vertrauten aus Theatertagen, Serlo, liest. Der erzählt aus seinem früheren Leben in einem katholischen Konvikt, in dem sich wahrhaft inquisitorische Horrorszenen zusammenbrauten.

Ungläubig reibt sich der Leser die Augen, als nun dieser Erzähler zu einer Kritik des triebfeindlichen Katholizismus anhebt, die beinahe schon Freud'sche Qualitäten hat: "Jeden ruhig prüfenden Seelenarzt frag' ich, wie er es nennt, wenn das Mißtrauen und der Haß vor der eigenen Person sich so steigert, daß man sein Ich fortwährend Züchtigungen unterwirft? Die Manie hört darum nicht auf eine Manie zu sein, wenn sie auch geheiligt erscheint durch Millionen, die von ihr befallen wurden. Oft kann uns schaudern vor einem Wahn, der die ganze Majestät der Gewohnheit und der Gesetze für sich hat. Und doch ist dem so und wir sehen es mit Wehmut." Wohl gemerkt: Dies lesen wir in einem Roman, der 1861 beendet wurde - während die Psychoanalyse erst 40 Jahre später ihren Siegeszug antritt.

Karl Ferdinand Gutzkow aber erschien eine reformatorische Generalüberholung des Katholizismus offenbar greifbar nahe. Tatsächlich kam alles anders. Bereits 1870 folgte die päpstliche Unfehlbarkeitsdoktrin. Und auch heute noch, knapp 140 Jahre später, ist das Zölibat nicht abgeschafft. Diese Religion scheint - wie auch andere Formen gläubigen Fanatismus' - kaum toleranter geworden zu sein.

Nicht zuletzt deshalb ist Gutzkows Roman "Der Zauberer von Rom" von geradezu erschreckender Aktualität. Und eine spannende Lektüre für aufgeklärte Menschen.

Karl Gutzkow: "Der Zauberer von Rom". Hrsg. von Kurt Jauslin, Stephan Landshuter und Wolfgang Rasch. Oktober Verlag, Münster 2007, 3 Bände, zusammen 2.920 Seiten, mit 1 CD-ROM, 79 Euro

Was Gutzkow schrieb, wurde zu seinen Lebzeiten verfolgt - "bis zur Vernichtung" Seine Kritik des triebfeindlichen Katholizismus hat Freud'sche Qualität

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