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  • 20.12.2007

Es wird neu gerechnet

Strukturwandel des Kinos: Immer mehr Filme laufen an - 66 waren es allein im November. Die Zahl der Kinogänger sinkt dagegen. Wer profitiert von diesem großen Angebot? Wer leidet darunter?

VON DIETMAR KAMMERER

Zunächst die gute Nachricht: Es kommen immer mehr Filme ins Kino. Jetzt die besorgniserregende: Es kommen immer mehr Filme ins Kino. Was ein Widerspruch scheint, ist ein Dilemma, das viele Ursachen und noch mehr Auswirkungen auf die gesamte Filmindustrie hat. Beinahe jeder in der Branche sagt, dass man das Problem unbedingt in den Griff bekommen sollte. Bloß weiß keiner so recht, wie.

Von A wie "Abbitte" bis Z wie "Zusammen ist man weniger allein" werden bis Ende des Jahres hierzulande mehr als 480 Filme zu sehen gewesen sein. Vor fünf Jahren waren es noch rund hundert Filme weniger, seit zehn Jahren hat sich die Zahl der Filmstarts glatt verdoppelt. Wie immer drängen im Herbst besonders viele Filme auf die Leinwand, allein im November gab es rekordverdächtige 66 Filmstarts. Für die Verleiher werden die Termine knapp, zu denen sie Kinosäle für ihre Pressevorführungen buchen können. Die Kinobetreiber klagen, dass sie gezwungen sind, Filme schneller wieder aus dem Programm zu nehmen als üblich. Und das Publikum muss sich daran gewöhnen, dass ein Film unter Umständen schon zwei Wochen nach der Premiere wieder von allen Leinwänden verschwunden sein wird. Wenn es denn überhaupt vom Filmstart Notiz nehmen konnte, denn in den Stadtmagazinen und im Feuilleton steigt mit der Zahl der Rezensionen auch die Unübersichtlichkeit.

Fred Kogel, Vorstandsvorsitzender der Constantin Film AG und damit verantwortlich für Kassen- und Leinwandfüller wie "Das Parfum", "Der Untergang" oder "Der Schuh des Manitu", warnt regelmäßig davor, dass ein Überangebot an Filmen allen das Geschäft vermiese. "Alle müssen sich fragen, ob die Filme, die sie ins Kino bringen, auch tatsächlich premiumtauglich sind und die Zuschauer ins Kino holen", so Kogel im Interview mit dem Branchenblatt Blickpunkt:Film. Das Problem: Wenn zu viele Filme für sich Werbung machen, komme am Ende keiner mehr zum Zuschauer durch. Die Folge: Lediglich 60 Filme hätten in diesem Jahr eine halbe Million oder mehr Zuschauer erreicht. Aber: So formuliert, ist das Argument gleich zweimal morsch. Erstens, weil die "Premiumfilme", die Kogel im Blick hat und mit denen er natürlich vor allem Produktionen aus seinem eigenen Haus meint, keine Probleme haben, mithilfe der ganz großen Werbemaschine alle Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Und zweitens ist es ein hartnäckiger Irrtum, dass nur das aufwendig produzierte Massenereignis Kasse macht. Oft sind es gerade die niedrig budgetierten Produktionen mit ihren überschaubaren Kosten und Zuschauerzahlen, die am Ende tatsächlich einen Gewinn abwerfen.

Richtig ist, dass das Werben um Aufmerksamkeit jenseits des Eventkinos ein immer anstrengenderes Geschäft wird, weil vor allem dort die Zahl der Produktionen stetig zugenommen hat. Die Digitalisierung macht es möglich. Dank gesunkener Herstellungs- und Vertriebskosten wird die Eintrittsschwelle auf den Markt immer niedriger. Das ist gut, weil es ein unabhängiges Kino stärkt und jungen Filmemachern eine Chance bietet. Andererseits spüren Verleiher, die sich beispielsweise auf Weltkino oder Dokumentarfilm spezialisieren, auch die weniger willkommenen Folgen des Booms.

Ludwig Ammann von der Freiburger Filmdistribution koolfilm spricht von der Notwendigkeit eines Umdenkens in der Branche: "Wir alle ahnen, dass man neue Strategien finden muss. Man kann sich nicht mehr nur aufs Feuilleton verlassen, man muss die Filme, die man nimmt, ganz anders aussuchen. Ein Film braucht ein prägnantes Alleinstellungsmerkmal, das ihn aus der Masse doch noch irgendwie herausragen lässt. Das kann ein Filmtitel sein, ein Thema oder ein Schauspielername." Die Inflation der Filmstarts ziehe die Grenzen neu, innerhalb derer Filmverleih wirtschaftlich betrieben werden kann, sagt Ammann. "Die Mitte fällt weg. Vor fünf, zehn Jahren hat ein Start mit zwölf Filmkopien ein ordentliches Ergebnis erreichen können. Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass man entweder 30 Kopien ziehen muss oder drei. Dazwischen geht nichts mehr."

Selbst bei absolut gleichbleibenden Publikumszahlen würde das wachsende Angebot an Titeln bedeuten, dass pro Film mit einem niedrigeren Zuschauerschnitt gerechnet werden muss. Aber die Zahl der Leute, die ins Kino gehen, sinkt beständig. Auf lediglich 1,7 Kinobesuche pro Jahr bringt es der durchschnittliche Bundesbürger. Gründe dafür kann man viele anführen: demografische Entwicklung, Änderungen im Freizeitverhalten, Siegeszug des Heimkinos, Filmpiraterie.

Der Berliner Kinobetreiber Gerhard Groß sieht aber auch in der Fülle der Filmstarts einen der Faktoren des Besucherschwunds: "Ein Überangebot ist nicht gleichbedeutend mit höherem Konsum. Schließlich haben die Leute immer noch genauso viel oder genauso wenig Zeit wie zuvor und so viel oder wenig Geld wie zuvor. Nur stehen sie jetzt vor der Situation, sich immer schwerer entscheiden zu können. Und wenn sie sich ein paar Mal falsch entschieden haben, aufgrund mangelnder Information oder mangelnden Überblicks, sind sie enttäuscht." Und Enttäuschung führt zu Kinoverzicht. Dennoch wendet sich Groß gegen das Schlagwort Filmflut. "Es ist ja grundsätzlich positiv, wenn junge Filmemacher, die früher keinen Zugang zum Markt hatten, jetzt die Möglichkeit dazu haben. Die Frage ist nur, ob ihre Filme auch auf die Leinwand gehören. Nicht alles hat die Qualität, im Kino gesehen werden zu müssen."

Ein Ärgernis für viele in der Verleihbranche ist der Trend mancher Produktionsfirmen, einen Kinostart ihres Films nur noch als Marketingvehikel für die anschließende DVD-Auswertung zu inszenieren. Filme, bei denen eine Leinwandauswertung sich eigentlich nicht rechnet, blockieren so Kinosäle, die zu Werbeflächen für home entertainment mutieren. Schon beanstandet die AG Kino, der Zusammenschluss deutscher Filmkunsttheater, die "zunehmende Quantität bei abnehmender Qualität der Filmstarts". Dem pflichten die unabhängigen Filmverleiher bei.

Für deren Fachverband AG Verleih steckt die Krux vor allem in der Filmförderung. Die hat zwar dem heimischen Film zu einer eindrucksvollen Karriere verholfen und die Zahl erstaufgeführter deutscher Spiel- und Dokumentarfilme stetig steigen lassen. Andererseits sehen die frisch novellierten Förderbedingungen vor, dass ein Antrag nur unterstützt wird, wenn der Produzent schon vor Beginn der Dreharbeiten einen Verleihvertrag vorlegen kann. Ansonsten bleiben die Gelder aus. Das schiebt das Risiko auf die Seite der Verleiher: Ob ein Drehbuch oder Projekt, das anfangs vielversprechend aussah, am Ende auch kinotauglich ist, kann man schließlich erst wissen, wenn der Film in seiner fertigen Fassung vorliegt. So wird eine Kettenreaktion ausgelöst: Die Förderanstalten stehen gegenüber den Politikern unter Druck, dass das Geld, das sie ausgeben, gut angelegt war, und das heißt eben: in eine Kinoauswertung mündet. Die Produzenten stehen gegenüber den Förderern in der Pflicht. Und am Ende muss ein Verleiher, der unterschrieben hat, ohne das Produkt zu kennen, den Film an die Kinos verkaufen.

Genau diesen Automatismus will die AG Verleih aushebeln. "Es muss die Möglichkeit geben, dass man auf eine Kinoauswertung auch einmal verzichtet", verlangt deren Vorsitzender Hans-Christian Boese (Piffl Medien). "Wenn ein Film eine schöne Festivalauswertung hatte, wenn er eine Möglichkeit hatte, innerhalb der Kinobranche und der Cineastenszene bekannt zu werden und sich so ins Kinogedächtnis einzuschreiben, warum muss er dann, wenn er nicht das Potenzial dazu hat, in einer Kinoauswertung geopfert werden? Wenn ein Film bundesweit startet und am Ende bloß ein paar tausend Zuschauer erreicht, ist das für alle Beteiligten schmerzhaft, auch für den Regisseur." Und er ergänzt: Das Problem, einen Film ins Kino bringen zu müssen, vom dem man gar nicht überzeugt ist, sei mehr als eine finanzielle Angelegenheit und auch mehr als eine Frage der Verstopfung der Leinwände. "Das ist ab einem bestimmten Punkt auch eine Frage der Motivation. Keiner hat Lust, ein Kino anzurufen und zu sagen, hört mal, ich hab' da einen Film, der ist nicht so toll, aber könnt ihr den trotzdem spielen? Da schießt man sich quasi ins eigene Knie." Die Nervosität der Branche bei solchen Fragen ist groß. Vieles wird nur hinter vorgehaltener Hand gesagt. Schließlich macht sich niemand unter Kollegen mit Aussagen beliebt wie: Die Fördergelder werden an falscher Stelle ausgegeben, oder: Dieser oder jener Film gehört besser ins Fernsehen.

Eine vertrackte Lage. Eigentlich könnte man sich als Filmfreund an der Vielfalt des Angebotes erfreuen, wenn nicht dadurch eine ohnehin angespannte ökonomische Situation der Kinobranche noch verschärft würde. Ohnehin gehen der Mangel an Filmkultur und die Überfülle Hand in Hand. Denn nicht nur kommt von der Vielfalt des Angebots, die in den großen Städten erlebbar ist, auf dem Land nichts mehr an. Auch kann jeder Cinephile immer noch aus dem Stand ein Dutzend aktueller Filme aufsagen, die es nicht ins Kino geschafft haben. Man kann das Paradox vom Anfang nicht auflösen - man müsste es auf die Spitze treiben und zugeben, dass beides richtig ist: Es kommen zu viele Filme in die Kinos. Es kommen zu wenig Filme in die Kinos.

Die Inflation der Filmstarts zieht die Grenzen neu, innerhalb derer sich der Filmverleih lohnt