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  • 04.10.2008

Spaziergang zur Freiheit

Der Satiriker Michael Moore hat ein Wahlkampfbüchlein geschrieben - zur Unterstützung Barack Obamas

In den Umfragen liegen Barack Obama und John McCain ungefähr gleich auf. Als große Hoffnung gilt Obama vor allem in Deutschland.

Die Amerikaner sind sich nicht so sicher, ob Obamas Visionen allein taugen, um Land und Leute aus dem Jammertal zu führen.

Mit der Krise wächst bekanntlich die Neigung, traditionell und konservativ zu wählen. Nie war die Zustimmung für Bush so groß wie nach dem 11. September.

Jetzt aber glaubt der Autor und Filmemacher Michael Moore, dass die Republikaner endgültig abgewirtschaftet haben. "Die Marke ,republikanisch' ist nur noch Müll. Selbst wenn wir Hundefutter wären - man hätte uns aus dem Regal genommen", sagte der republikanische Kongressmann Tom Davis, und Moore zitiert ihn als Beleg, denn er glaubt fest daran, dass die Amerikaner genug von einer Regierung haben, die mehr Schulden machte als jede andere vor ihr in der amerikanischen Geschichte.

Die Frage ist nur, ob die Demokraten sich nicht wieder selber ein Bein stellen, und es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass sie das können.

Michael Moore hat eine vehemente Polemik gegen Bush und Co. vorgelegt, um noch ein wenig Wahlwerbung für Obama (und natürlich für sich selbst) zu machen. Dagegen ist nichts einzuwenden, denn weitere vier republikanische Jahre wären vor allem für die Wenigverdiener eine Katastrophe, und prinzipiell sind da so ziemlich alle Mittel recht.

Leider ist die Argumentation, soweit man sie ernst nehmen kann, inkonsistent, populistisch und alles andere als logisch.

Moore hüpft wie ein Flummi unkontrolliert auf und ab, trifft manchmal einen richtigen Punkt, liegt aber genauso oft daneben. Etwa in der Annahme, die Iraker wären Saddam schon losgeworden, wenn sie wirklich gewollt hätten. "Menschen, die sich verzweifelt nach Freiheit sehnen, tun alles für die Freiheit."

Wirklich? Ist die Geschichte der Revolutionen nicht viel mehr eine Geschichte des Scheiterns? Und ganz abgesehen davon, dass in Moores Denken offensichtlich wenig Platz ist für massenpsychologische Aspekte oder für die Dialektik von Unterdrückung und Herrschaft, behauptet er gerne Dinge, deren Gegenteil sich mit der gleichen Plausibilität vertreten ließen.

Vor allem aber stört die unglaubliche Banalität solcher Erkenntnisse, "mit allen anderen Bewohnern dieser Welt in einem Boot [zu] sitzen", mit denen seine Weltsicht gepflastert ist. Und an seinen moralischen Tipps zur geistigen Hygiene haftet ziemlich dick die Patina solcher in Quark gemeißelten Sätze wie, dass "es uns allen sehr guttun würde, wenn wir die verdammte Glotze abstellen und einen Spaziergang machen würden". Das sollte man dann doch lieber den Kulturkonservativen überlassen, denen bei solchen Kummerkastenratschlägen eine größere Kompetenz zukommt. Dennoch lässt sich in Moores Wahlfibel durchaus eine sehr treffende Kritik an der Bush-Regierung finden. Nicht dass sie neu wäre, aber man muss sich auch nicht übermäßig darüber mokieren, wenn sie vielleicht den einen oder anderen Amerikaner dazu bringt, für Obama zu stimmen.

Denn in Amerika steht einiges auf dem Spiel, nicht hier, wo Moore die Zustimmung sogar meiner Mutter gewiss ist und wo sich sein "Brandaktuell aus USA" kommender "Ultimativer Wahlführer" wie geschnitten Brot verkaufen wird - ohne dass er jemanden schlauer macht. KLAUS BITTERMANN

Michael Moore: "Yes, we can. Mikes ultimativer Wahlführer". Piper Verlag, München 2008,r 237 Seiten, 10 €

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