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  • 21.10.2008

Wettkampf zwischen Eleganz und Biss

Die Donaueschinger Musiktage entdecken die Interpretationskultur und bitten zur Battle der Monster-Ensembles

Man hatte sich etwas Besonderes ausgedacht. Es wird in der neuen Musik ja nie über Interpretation geredet, sondern meist nur über die Kompositionen selbst. In diesem Jahr ließ man in Donaueschingen deshalb einige der uraufgeführten Stücke zweimal spielen, und zwar von zwei verschiedenen Ensembles. Man hatte deshalb die drei berühmtesten unter den großen Kammerensembles eingeladen. Das Ensemble Intercontemporain aus Paris, das Klangforum Wien und das Ensemble Modern aus Frankfurt teilten sich sieben Stunden lang eine Bühne und lieferten sich einen atemberaubenden Wettkampf. Endlich einmal kam man als Hörer neuer Musik in den Genuss eines echten Interpretationsvergleichs.

Die Unterschiede führten mitunter so weit, dass man ein Stück kaum wiedererkannte, als es 20 Minuten später von anderen Interpreten gespielt wurde. Das Ensemble Intercontemporain hatte das Konzert mit Aureliano Cattaneos "Sabbia" ("Sand") begonnen: ein weicher, samtiger Fluss mit nahtlosen Übergängen; es funkelt dunkel und glitzert verwegen. Dann kommt das Klangforum: Jetzt wirkt alles robuster, die Interpretation gleicht einer Analyse; Motive werden freigelegt, aus Übergängen werden Schnitte, aus Verwehungen Körner. Französische Eleganz trifft österreichischen Biss.

Auftritt Ensemble Modern, das zu den "Fiktiven Tänzen" Arnulf Hermanns aufspielt. Aber die Musiker kommen nicht recht vom Fleck und stampfen mehr, als dass sie tanzen. Man schiebt es, natürlich, zunächst auf den Komponisten, der eine schöne Idee ungenügend ausgeführt hat, bis man dann die filigrane, bis ins letzte Detail ausgehorchte Pariser Fassung hört: die Paukenglissandi swingen, die Basslinie des Kontrafagotts wirkt durchtrieben. Jetzt wird ein gar nicht so fiktiver Tanz daraus.

So ging es sieben Stunden hin und her, und diese "Ensembliade" gehörte wohl zum Bemerkenswertesten, das man in Donaueschingen in den vergangenen Jahren zu hören bekam. Das lag nicht zuletzt daran, das kaum eines der Stücke durchfiel. Nur dass es gelegentlich ein wenig hyperaktiv zuging.

Nun bekam man in diesem Jahr allerdings kaum etwas außer Orchester- und Ensemblemusik zu hören. Keine szenischen Elemente, keine Kammermusik, kaum Elektronik, keine Experimente. So wurde einem schmerzlich bewusst, in welchem Maße gerade die Instrumentalmusik Opfer ihrer eigenen Konsolidierung geworden ist. Wer fürs große Ensemble schreibt, bemüht zwangsläufig Klischees und erprobte Passformen, schreibt spiralförmig kreisende Ganztonskalen, die man wieder und wieder zu hören bekam, oder die spektral gefärbten Akkorde, ohne die sich heute offenbar niemand mehr vors Publikum traut. Auch der Auftritt von Pierre Boulez, der sein 50 Jahre altes "Figures - Doubles - Figures" dirigierte und an alte, revolutionäre Zeiten erinnerte, konnte daran nichts ändern.

Eine Möglichkeit, sich diesem Dilemma zu entziehen, ist es, mit den Topoi der Instrumentalmusik zu spielen, wie der jordanische Komponist Saed Haddad, der mit "The Sublime" die Figuren des musikalischen Erhabenen - von endlos geweiteten Klangräumen bis zur massierten Komplexität - durchführte und ein Stück klingender Philosophie schuf. Enno Poppe wiederum horchte mit seiner Orchesterkomposition "Altbau" dem Klappern des unsanierten Orchesters nach, indem er auf längst verklungene Figuren zurückgreift. Aber Poppe ahmt nicht einfach nach, sondern analysiert und zersetzt. Im ersten Satz fallen rhythmische Figuren nach und nach auseinander, bis sich der Orchesterklang im bebenden Tremolo verliert. Im zweiten Satz ist es das Vibrato, das sich dehnt und weitet, bis am Ende nur noch das schleifende Auf und Ab der Tonhöhe übrig bleibt. Das ist Musik über Musik: eine Avantgarde, die ihre Traditionen hinterfragt.

Wie ungebunden es einst auch in der Instrumentalmusik zugegangen ist, das zeigte die Aufführung des "Quintet for Groups" des mit seinen 82 Jahren vollkommen unbekannten amerikanischen Komponisten Ben Johnston. Der hatte in den Sechzigerjahren neue Stimmungssysteme entworfen, das Orchester in heterophone Gruppen zerlegt und dann eine Musik geschrieben, in der sich die unbekümmerte Wucht der Präavantgardisten mit den Sentimentalitäten der amerikanischen Moderne trifft, in der Klangexperiment und Melos ineinander aufgehen. Als das "Quintet for Groups" 1966 in Saint Louis uraufgeführt wurde, litt es offenbar schrecklich unter der unzureichenden Interpretation - und damals stand kein zweites Orchester bereit, das das Stück im direkten Vergleich gerettet hätte. Das besorgte jetzt das Sinfonieorchester des SWR, und zwar mit Bravour. BJÖRN GOTTSTEIN

Drei Ensembles lieferten sich einen atemberaubenden Wettkampf. Endlich einmal erlebte man einen echten Interpretationsvergleich

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