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  • 20.02.2009

Die Spur des Verbrechens

Inspiriert von den Erzählungen seines Großvaters sucht der katholische Priester Patrick Desbois nach Massengräbern ermordeter ukrainischer Juden. Am Mittwoch stellte er in Berlin sein Buch vor

VON CHRISTIAN SEMLER

Lange Zeit war über den Massenmord der Nationalsozialisten an den Juden der Ukraine so gut wie nichts bekannt. Unter der sowjetischen Herrschaft galt es als unstatthaft, von den jüdischen Opfern zu sprechen. Es waren Sowjetbürger, punktum. Im Westen aber, wo das Interesse der Wissenschaftler und auch der kritischen Teile der Öffentlichkeit sich auf die großen Mordfabriken der Nazis im Osten Polens konzentrierte, blieb das "dezentrale" Morden in den von den Deutschen besetzten Gebieten der Ukraine bis vor kurzem unbeachtet. Dass nun Notiz genommen wird vom Mord an 1,5 Millionen ukrainischen Juden seit dem Sommer 1941, ist vor allem das Verdienst des katholischen Priesters Patrick Desbois. Er war es, der quasi im Alleingang in den letzten zehn Jahren ungefähr fünfhundert Massengräber vor allem in der westlichen Ukraine auffand und dokumentierte.

Am vergangenen Mittwoch war er, eingeladen vom American Jewish Committee, in der französischen Botschaft in Berlin zu Gast, um sein Buch "Der vergessene Holocaust" vorzustellen und eine Kurzfassung des Films zu zeigen, der diese Arbeit dokumentiert. Arno Lustiger, der verdienstvolle Frankfurter Historiker, war eingeladen, um mit Patrick Desbois zu diskutieren. Es wurde ein informativer, auch sehr bewegender Abend.

Patrick Desbois gab zunächst Auskunft über die Motive, die ihn zu dieser unablässigen Spurensuche veranlasst haben. Sein Großvater Claudius Desbois war nach einer missglückten Flucht aus dem Kriegsgefangenenlager nach Osten, in das Lager von Rawa-Ruska an der ukrainisch-polnischen Grenze deportiert worden und erzählte dem Kind nach langem Zögern von seinen Erlebnissen. Später, schon als geweihter Priester, wandte sich Desbois der Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehungen zu, wurde schließlich Beauftragter des französischen Episkopats für diese Beziehungen. Schließlich reiste er nach Rawa-Ruska, um nach den Gräbern ermordeter Juden zu suchen.

Desbois schilderte, dass er in Rawa-Ruska zunächst auf offizielles Nichtwissens stieß. Als er hartnäckig weiterbohrte, stellte sich heraus: In nahezu jedem Dorf, in das ihn seine Suche führte, gab es Zeugen, die den Mord an den Juden selbst gesehen hatten. Diese Zeugen, heute in den hohen 70ern und 80ern, berichteten dank der einfühlenden Fragen von Desbois präzise über die Mordtaten, die sie als Kinder miterlebt hatten. Oft genug wurden sie von den Leuten der Einsatzkommandos oder der deutschen Polizei verpflichtet, Gräben für die jüdischen Opfer auszuheben und später zuzuschütten, die Kleider der Ermordeten einzusammeln, ihnen die Goldzähne herauszubrechen und der schrecklichen Handlungen mehr. Desbois glaubt, diese Kinder und jungen Leute hätten keine Wahl gehabt. Sie seien ebenso wenig verantwortlich zu machen wie die Kinder, die einfach nur dem Morden zusahen. Denn die Morde fanden keineswegs an abgelegenen Orten statt, etwa in Wäldern. Die Deutschen fürchteten dort Angriffe der Partisanen. Die Erschießungen erfolgten mitten in den Dörfern: ein Schuss aus dem Karabiner, ein Opfer. Aus der Lage der Patronenhülsen gelang es dem Ballistiker aus Desbois' Team immer wieder, den Standort der Schützen und damit die Position der Opfer zu ermitteln.

Wenn alles so öffentlich geschah, warum haben sich die Tatzeugen nach dem Krieg nie öffentlich zu Wort gemeldet? Fast unisono wurde Desbois geantwortet: Man hat uns nie gefragt. Desbois ist zwar sanftmütig, aber kein Dulder. In gerechten Zorn versetzt ihn die Tatsache, dass die deutschen Soldatenfriedhöfe in der westlichen Ukraine großzügig und edel ausgestattet seien, die französischen Deportierten wenigstens kleine Grabplatten, die Russen eine Erinnerungstafel haben, aber an die ermordeten Juden erinnert - nichts. Diesen Toten ihre Würde zurückzugeben, sieht Desbois als seine Aufgabe an.

Arno Lustiger, der ein instruktives Vorwort für Desbois' Buch verfasst hat, erwies sich in der Diskussion als kompetenter Gesprächspartner. Er hat den vollständigen Text des Schwarzbuchs von Wassili Grossmann und Ilja Ehrenburg zu den Naziverbrechen auf sowjetischem Boden herausgegeben, das einst verboten und eingestampft worden war. In diesem Werk finden sich 200 Seiten über die Nazimorde in der Ukraine. Lustiger hielt sich an diesem Abend zurück in der Beurteilung von Papst Benedikt XVI. und dessen Verhältnis zum Holocaust. Nur dass der Papst es unterließ, bei seinem seinerzeitigen Besuch in Auschwitz von den jüdischen Opfern zu sprechen, fand er kritikwürdig. Er zitierte einen Vers aus dem Gedicht "Babij Jar" von Jewgeni Jewtuschenko, wo erstmals ausgesprochen wurde, dass die Opfer des Massenmords Juden gewesen waren.

Die Morde geschahen in den Dörfern: ein Schuss aus dem Karabiner, ein Opfer. Im Wald fürchteten die Deutschen Angriffe der Partisanen

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