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  • 04.07.2009

ANGELIKA OHLAND JUGEND LIEST

Aufpassen in Sachen Statusdruck!

Besser, wenn Jugendliche um des Lesens willen lesen - und nicht um später mal Chefs zu werden

Neulich, am Telefon. Ein Vater erzählt von seinem 14-jährigen Sohn. Der hat eine Leidenschaft: Er liest. Er liest Bücher, er liest Zeitung, er kauft sich schon mal selbst das Geo-Sonderheft "Pubertät". Eigentlich müsste der Vater platzen vor Glück. Alle Eltern wollen doch Lesekinder. Aber der Vater greint: "Ich würde gerne auch mal wieder mit ihm fernsehen." Ich sage zu ihm: Dann frag deinen Sohn doch, ob er Lust hat auf einen Film. Da grummelt der Vater etwas und beendet das Gespräch.

Dieses Telefonat gab mir zu denken. Über das Fernsehen und über das Lesen. Irgendetwas stimmt da nicht mehr so ganz. Irgendwo ist da ein falscher Zungenschlag reingekommen. Fernsehen, das wissen heute schon 14-Jährige, ist asi, prollig, Neukölln. Mit Lesen hingegen verbringen die künftigen Chefs und Alphabürger ihre Zeit. Fernsehen ist Hauptschule, Lesen Gymnasium. Wer auf sich hält, greift zum Buch. Oder lässt greifen, sofern er Kinder hat. Das hat den Kollateralvorteil, dass es die Mühsal des Selberlesens erspart.

Ich kenne eine Mutter, die hat für ihre Kinder ein eigenes Bücherzimmer eingerichtet. Darin stehen ein Lesesessel (von dem aus man genauso bequem fernsehen könnte) und ein paar Holzregale mit Karl May, Pippi Langstrumpf und den Werken von Dan Brown. Wenn die Mutter Besucher durch ihr Haus führt, sagt sie: "Und das ist unsere Bibliothek", so wie man früher wohl sagte: Und das ist unser Auto. Bücher sind der neue Mercedes. Noch besser zum Herzeigen als Bücher aber sind Kinder, die diese Bücher lesen. Lesekinder heben den elterlichen Status, Fernsehkinder hingegen sind ein Fall fürs elterliche Fremdschämen.

Es ist großartig, dass die Hälfte der Jugendlichen gerne liest. Vielleicht wäre es gerade deshalb nicht verkehrt, mal wieder öfter mit ihnen fernzugucken. Zur Entlastung vom Statusdruck gewissermaßen. Damit Jugendliche wieder lesen um des Lesens willen. Und damit sie wissen, was die andere Hälfte, die berüchtigten Nichtleser, in ihrer Freizeit so treibt.

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