Das taz Print-Archiv

Hier können Sie in alten taz-Ausgaben blättern:

 

  • 13.08.2009

"Ich habe keine Meinung zu Thatcher"

GEFÄNGNISFILM 27 Jahre Schweigen über Bobby Sands fordern die künstlerische Auseinandersetzung heraus. Ein Gespräch mit dem britischen Künstler und Filmemacher Steve McQueen über sein Spielfilmdebüt "Hunger"

INTERVIEW CRISTINA NORD

taz: Herr McQueen, als sich das IRA-Mitglied Bobby Sands im nordirischen Maze-Gefängnis zu Tode hungerte, 1981, waren Sie elf Jahre alt. Wie haben die Ereignisse damals auf Sie gewirkt?

Steve McQueen: Wir haben mit geradezu religiöser Inbrunst die Neun-Uhr-Abendnachrichten gesehen. Und ich erinnere mich, dass es mich sehr verwirrte. Für einen Elfjährigen haben die Dinge Sinn und Bedeutung, man macht Mathe, eins plus eins ist zwei, aber als ich im Fernsehen diesen Mann sah, war das verwirrend für mich - dass da einer seinem Körper kein Essen mehr gibt und dabei trotzdem lauter wird, dass er weniger wird und sich trotzdem Gehör verschafft. Meine Eltern erklärten mir, was los war. Da war aber noch etwas: Als Kind will man sich ja identifizieren, und man sieht sich am Tisch sitzen, die Eltern sagen: "Iss, was auf deinem Teller ist", das Kind sagt nein und muss am Tisch sitzen bleiben, weil die Eltern sagen: "Du darfst nicht aufstehen, bis du dein Essen aufgegessen hast." Nicht zu essen, ist eines der wenigen Mittel, die das Kind hat, um Macht auszuüben.

Was drängte Sie denn dazu, das Sujet des Hungersteiks im Maze-Gefängnis aufzugreifen? Warum wollten Sie "Hunger" unbedingt drehen?

Je älter ich wurde, je mehr Wissen ich mir über die Ereignisse aneignete, umso mehr war ich davon gefesselt. Es war ja etwas, was 27 Jahre lang unter den Teppich gekehrt wurde. Nicht mal am 25. Todestag von Bobby Sands haben die Zeitungen berichtet. Für mich ist der Streik im Maze-Gefängnis ein enorm wichtiger Teil der jüngeren britischen Geschichte, wichtiger als der Falkland-Krieg und wichtiger als der Streik der Bergarbeiter. Hinzu kamen dann noch die Ähnlichkeiten zum Irakkrieg und zu Abu Ghraib.

Welche Ähnlichkeiten meinen Sie?

Die schlechte Behandlung der Häftlinge, das Verhältnis von Wärtern und Insassen und der Machtmissbrauch, der vertuscht wird - von dem, was in Maze geschah, existieren gerade mal elf Minuten Film-Footage, da wurde viel verschleiert.

Sie legen in Ihrem Film eher wenig Wert darauf, historischen Kontext und Fakten zu vermitteln oder mit den Forderungen und Zielen der IRA vertraut zu machen. Mir scheint, Sie wollen auf etwas anderes hinaus. Was ist das?

Es ist ja kein Dokumentarfilm, sondern ein Spielfilm. Wäre es ein Dokumentarfilm, dann würden die Häftlinge nicht über die kleinen Dinge ihres Alltags sprechen, sie würden einzig an ihr Überleben denken. Aber ich wollte genau diese kleinen Sachen zeigen, das, was sich damals in den Zellen zutrug. Es stimmt auch gar nicht, was Sie sagen. Wenn Sie an die Szene denken, in der Bobby Sands und der Priester miteinander reden, da steckt doch jede Menge Information drin.

Dieses Gespräch ist in einer außergewöhnlich langen Halbtotale aufgenommen, die erste Einstellung der Szene dauert 17 Minuten, insgesamt sind es 22 Minuten. Warum so?

Wenn Gewalt ins Extrem getrieben wird, dann wird auch Sprache ins Extrem getrieben. Die Häftlinge waren ausgesprochen eloquent, weil sie die Sprache voll ausschöpften, um ihre Realität erfassen zu können. Wenn sie mit dem Sprechen fertig sind, geschieht die Gewalt, und wenn die Gewalt an ihr Ende kommt, beginnt wieder das Sprechen. Das wird im Film evident. Ich wollte, dass die Szene wie das Wimbledon-Finale von Connors und McEnroe würde.

Das müssen Sie erklären.

Bobby ist McEnroe mit seiner Serve-und-Volley-Strategie. Der Priester ist Connors, der von der Grundlinie aus spielt. Zwei Männer machen dieselbe Sache, sie arbeiten an derselben Sache, aber sie tun es auf ganz unterschiedliche Art. Sie haben zwei unterschiedliche Perspektiven, und aus der Konfrontation heraus kommen einem beim Zuschauen die Informationen entgegen. Zugleich handelt es sich um ein vertrauliches Gespräch zwischen zwei Personen, das Publikum steht gewissermaßen daneben, es merkt: Hier geht es um die beiden. Die Kamera filmt, wie sie filmt, damit die Intimität gewahrt wird, damit man sich konzentrieren kann. Da geht nichts wegzuschneiden, Schnitt, Schnitt, Schnitt, nein, hier geht es um Konzentration und Reflexion, um einen Augenblick der Ruhe. Es ist das erste Mal im Film, dass Film- und Realzeit zur Deckung kommen. Das sorgt dafür, das die Zuschauer den Dialog besser verdauen, als wenn sie hin und her geworfen würden wie in einer Schuss-Gegenschuss-Abfolge.

"Hunger" hat eine sehr physische Qualität, einmal, weil er die körperlichen Zustände der Figuren so akribisch in den Blick nimmt, aber auch, weil er physische Reaktionen beim Zuschauer auslöst, etwa beim Anblick der Exkremente und der Maden. War das beabsichtigt?

Nein, überhaupt nicht. Was ich zeige, ist das, was damals passierte. Die Häftlinge nutzten ihre begrenzten Ressourcen, das heißt ihre Körper, um zu protestieren, und der Protest mit den Exkrementen war ein Teil davon. Ich wollte niemanden abstoßen, es wäre für mich als Filmemacher ja absurd, wenn ich die Zuschauer dazu bringen wollte, ihren Blick abzuwenden. Zugleich überrascht es mich, wenn mir Leute von solchen Reaktionen erzählen. Schließlich handeln zwei Drittel aller amerikanischen Filme von Rache, Schießen und Töten, und darauf reagieren die Zuschauer ganz abgestumpft.

In einer Szene sind die Exkremente an der Wand in Form einer Spirale aufgetragen, ein anderes Mal ergeben die Blutflecken auf Bobby Sands' Laken fast ein Gemälde.

Die Häftlinge waren 24 Stunden am Tag in ihren Zellen. Der schmutzige Protest dauerte viereinhalb Jahre. Alle zwei Wochen wurden sie verlegt, was sehr brutal ablief, wie Sie im Film sehen. Warum also die Spirale? Weil die Situation anhielt. Die Häftlinge schmierten Scheiße an die Wände, die Wärter entfernten sie, die Häftlinge kamen in eine neue Zelle, und alles ging wieder von vorne los.

Das Maze-Gefängnis gibt es nicht mehr, nicht wahr?

Die meisten Blöcke sind abgerissen, aber ein oder zwei der H-Blöcke gibt es noch, zu historischen Zwecken.

Konnten Sie dort drehen?

Wir durften nicht, und das war gut, denn der Ort hätte uns zu sehr beeinträchtigt, die Wände sind zu angefüllt mit Geschichte, das hätte sich auf die Crew und die Schauspieler ausgewirkt.

Zweimal ist die Stimme von Margaret Thatcher zu hören. Wie ist es für Sie, die ehemalige Premierministerin über Mitleid und Gewalt sprechen zu hören?

Das ist lustig, ich habe keine Meinung zu Margaret Thatcher, denn jedes Mal, wenn sie im Radio oder im Fernsehen auftauchte, haben mein Vater oder meine Mutter abgeschaltet. Dafür bin ich ihnen dankbar.

"Hunger" beginnt mit dem schmutzigen Protest, nach etwa 40 Minuten kommt das Mittelstück, das Gespräch von Bobby Sands und dem Priester, danach der Hungerstreik von Sands, sein langsames Dahinsiechen. Haben Sie den Film als Triptychon anlegen wollen?

Nein, ich dachte eher an einen Fluss. Man treibt auf dem Rücken im Wasser, sehr ruhig, man hat Zeit, sich an die Umgebung zu gewöhnen, dann gerät man plötzlich in einen Strudel, die Umgebung zerfällt in Stücke, zerbricht. Am Ende ist der Wasserfall, der Verlust der Schwerkraft.

Dieses Jahr nehmen Sie an der Kunstbiennale von Venedig teil, letztes Jahr waren Sie beim Filmfestival von Cannes. Worin liegt der Unterschied?

Ich denke darüber nicht nach. Ich will gute Arbeit leisten, die beste, die mir möglich ist. Das ist alles.

Könnten Sie denn etwas darüber sagen, wie sich die narrativen und die experimentellen Anteile in "Hunger" zueinander verhalten?

Jeder Mensch auf der Welt kennt eine Geschichte, jeder Mensch hat schon mal eine gehört. Das ist fantastisch und hat etwas Befreiendes. Westliche zeitgenössische Kunst dagegen haut längst nicht jeden um.



Steve McQueen

geboren 1969, aufgewachsen in West-London. Studium am Chelsea College of Art and Design, am Goldsmith College in London und an der Tisch School in New York. Seine künstlerische Arbeit konzentriert sich auf das Medium Film, wobei McQueen auch fotografiert und Skulpturen anfertigt. Im Jahr 1999 erhielt er den Turner-Preis. Auf der Documenta 11 zeigte er die Filme "Western Deep" und "Carib's Leap". Bei der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig zeichnete er für den britischen Pavillon verantwortlich. "Hunger", McQueens erster Spielfilm, lief 2008 beim Festival von Cannes in der Reihe "Un certain regard". Der Film gewann die Auszeichnung für das beste Filmdebüt, die "Caméra d'or". Steve McQueen lebt mit seiner Familie in Amsterdam.

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!