Wandel mit offenem Ausgang

NACH DEM STAHL „Ruhr“, der neue Film von James Benning, zeigt die Transformation des Ruhrgebiets und lief auf der Duisburger Filmwoche. Eine Begegnung mit dem Essayfilmer

Vor vielen Jahren arbeitete James Benning in einer Maschinenhalle, zehn Stunden am Tag und samstags fünf. Im Winter sah er die Sonne nur am Wochenende

VON CRISTINA NORD

Die Einstellungen in den meisten Filmen James Bennings dauern außergewöhnlich lange. In „13 Lakes“ zum Beispiel steht jedes Bild elf Minuten, in „RR“ jeweils so lange, wie ein Zug braucht, um es zu durchqueren. Auch beim Reden lässt sich Benning Zeit. Wir sitzen in einem großen Raum im ersten Stock des Duisburger Künstlerhauses, außer einem Tisch und Stühlen befindet sich darin nichts. Benning trägt eine Windjacke, knöchelhohe Schnürschuhe und Jeans, sein Gesicht legt sich in eindrucksvolle Falten. Sosehr man die kontemplativen Einstellungen in seinen Filmen genießt, so wenig will man seine ruhigen, präzisen Ausführungen unterbrechen.

„Ruhr“ ist sein erster Film, der außerhalb Nordamerikas entstand, und es ist der erste Film, den Benning digital drehte. Er hat sieben Einstellungen, die ersten sechs von jeweils etwa 10 Minuten, die letzte dauert etwa 60, die Kamera hält immer still. Zu sehen sind – in dieser Reihenfolge – ein Verkehrstunnel unter einem Walzwerk; die Halle eines Stahlwerks, in der röhrenförmige Stahlkörper ausglühen, ohne dass dazu auch nur ein einziger Arbeiter nötig wäre; ein Waldstück am Rand des Düsseldorfer Flughafens; eine Moschee in Duisburg-Marxloh, in der Männer sich ins Gebet vertiefen und, sobald sie sich vom Boden erheben, mit ihren Rücken der Kamera den Blick verstellen; Richard Serras Stahlskulptur „Bramme für das Ruhrgebiet“ in Essen, an der ein Arbeiter mit einem Hochdruckreiniger zugange ist, um Graffiti zu entfernen; eine Straße in einer Essener Arbeitersiedlung; und schließlich der Kühlturm einer Kokerei, aus dem in unregelmäßigen Abständen und aus allen Ritzen Wasserdampf quillt, bis das ganze Bild von einer gelben Wolke angefüllt ist.

Woher kam die Idee, im Ruhrgebiet zu filmen? „Ich wurde dazu eingeladen“, sagt Benning. Werner Ruzicka, der Leiter der Duisburger Filmwoche, bei der er schon mehrmals zu Gast war, habe ihn ermuntert, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass das Ruhrgebiet 2010 Europäische Kulturhauptstadt wird und man sich davon Fördergelder für die Filmproduktion versprach. Dazu kam es nicht, aber eine kleine Berliner Produktionsfirma und die Fernsehredakteurin Inge Claasen von ZDF/3sat sprangen ein.

„Ich mochte Duisburg sofort sehr“, sagt Benning, die Stadt sei seiner „eigenen Vergangenheit sehr nah“. Er kam 1942 als Sohn deutscher Einwanderer in Milwaukee zur Welt und wuchs in einem armen, hauptsächlich von deutschstämmigen Arbeitern bewohnten Viertel auf. Diese Herkunft ist Schlüssel und Motor für „Ruhr“. Benning merkt, dass hier etwas geschieht, was er aus Milwaukee kennt: der Niedergang der Schwerindustrie und, daran anschließend, eine Transformation mit offenem Ausgang. Doch die, die sie betrifft, verunsichert sie zutiefst. Die Arbeiter des Bochumer Opel-Werks sind dafür das jüngste Beispiel.

Sehnsucht nach Schmutz

Wo Kokereien, Zechen und Stahlwerke waren, befinden sich heute Landschaftsparks, Kulturzentren und Bürogebäude. Am Nordrand von Oberhausen gibt es ein Einkaufszentrum, das der innerstädtischen Infrastruktur den Garaus macht, in Duisburg liegt das umgestaltete Gelände des Innenhafens an einem Novembernachmittag wie ausgestorben da. Die Gentrifizierung findet ohne Publikum statt. Aber muss man sich deswegen nach den Fabriken, dem Schmutz, dem fordistischen Regime über Körper und Denken zurücksehnen?

Benning zögert, bevor er zu einer Antwort ansetzt. „Ich will in dem alten System auch nicht mehr leben“, sagt er. „Vor vielen Jahren habe ich in einer Maschinenhalle gearbeitet, zehn Stunden am Tag und samstags fünf, im Winter habe ich die Sonne von Sonntagnachmittag bis Samstagnachmittag nicht gesehen, weil ich tagsüber immer an der Arbeit war.“ Aber er sorgt sich um die, die mit diesem System groß wurden und ihm nicht entkommen konnten. „Was machen sie, wenn all dies zu Ende geht?“ Und er sehnt sich nach dem Zusammenhalt unter den Arbeitern. Als im Duisburger Hundertmeistersaal Harun Farockis Film „Zum Vergleich“ diskutiert wird, eine Dokumentation über die Ziegelherstellung in Burkina Faso, Indien und Europa, schaltet sich Benning ein, indem er ausführt, wie sehr ihn die gemeinschaftliche Arbeit in einem Dorf in Burkina Faso beeindruckt habe. Alle Bewohner sind auf den Beinen, um ein neues Schulgebäude zu errichten, sie bilden ein fröhliches, emsiges, tatkräftiges Kollektiv.

Hätte er ein Pendant zu „Ruhr“ in den USA gedreht, er hätte mehr Zeit auf die Recherche verwendet und mehr Vorkenntnisse mitgebracht. Leises Bedauern klingt an, wenn Benning sagt: „Mir fehlt das tief gehende Wissen, um wirklich zu verstehen, was hier geschieht.“ Man merkt das dem Film an, die sieben Einzeleinstellungen können die Transformation, von der sie erzählen, nur halb durchdringen. So minutiös komponiert und ästhetisch schlüssig sie sind, sie bleiben der komplexen Lage doch auch ein bisschen äußerlich. Dabei hat Benning den Strukturwandel am eigenen Leibe mitgemacht – wer als Kind aus einer Arbeiterfamilie zum Experimentalfilmer wird, hat Stahl gegen Kultur getauscht. „Ich bin durch Bildung meiner Klasse entwachsen, das macht mich froh und traurig zugleich.“

Jahrzehntelang hat er mit 16-mm-Filmmaterial gearbeitet. Dass er nun zum ersten Mal digital gedreht hat, ist auch eine Art Strukturwandel. Es gibt viele praktische Gründe dafür – das Entwickeln der Filmrollen wird teurer, während die Qualität sinkt. „Wenn ich mich jetzt nicht umstelle“, sagt Benning, „muss ich den Rest meines Lebens diesen Stress in Kauf nehmen.“ Und einen ästhetischen Gewinn gibt es durchaus. Minutiös legt der Regisseur am Beispiel der dritten Einstellung von „Ruhr“ dar, wie das digitale Bild etwas registriert, was auf dem 16-mm-Filmbild nicht sichtbar wäre. Weil das Bild komplett stillsteht, weil es nicht vom Tanz des Filmkorns bewegt wird, sieht man, wie ein kleiner Zweig aus dem Bildkader herausschnellt. Hinzu kommt, dass die Länge einer Einstellung nicht mehr von der Länge der Filmrolle abhängt und unsichtbare Überblendungen möglich werden. Wenn in der ersten Szene drei grüne Autos in Folge durch den Tunnel fahren und das Benning nicht gefällt, schneidet er sie heraus, ohne dass man den Schnitt wahrnehmen kann.

Benning hat auch versucht, Bilder für die neuen Arbeitsplätze zu finden. Analog zu den berühmten Szenen von Arbeitern beim Verlassen der Fabrik wollte er Angestellte eines Versicherungsunternehmens filmen, während sie das Bürohaus verlassen. Nur: Die Angestellten arbeiteten Gleitzeit, sie verließen das Gebäude über die Tiefgarage. Viel mehr als Autos, die zu unterschiedlichen Zeiten abfahren, hätte Bennings Kamera nicht zu sehen bekommen.