Das taz Print-Archiv

Hier können Sie in alten taz-Ausgaben blättern:

 

  • 08.12.2009

Kunst der Antiphysik

WORK IN PROGRESS "A Stay Between Enclosure and Space" im Migrosmuseum in Zürich zeigt, wie die Pariser Künstlerin Tatjana Trouvé in ihren Installationen die Zeit bearbeitet

VON KITO NEDO

Ein Gefühl von Zeitlosigkeit stellt sich beim Betreten des Zürcher Migrosmuseums für Gegenwartskunst ein. Im Zentrum des ersten großen Raumes der Institution, die sich über eine weitläufige Etage eines ehemaligen Brauhauses an der Limatstraße erstreckt, sieht man sich mit mehreren hundert Pendeln konfrontiert. An dünnen Stahldrähten sind sie an der Decke befestigt. Doch eigenartigerweise hängen sie nicht - wie man das erwarten würde - senkrecht nach unten. Wie festgefroren in der Schwingung verharren sie, ohne den Boden zu berühren.

Wie funktioniert das? Eigentlich ganz einfach. Tatiana Trouvé, die 1968 in Italien geborene und in Paris lebende Künstlerin, die im Migros ihre Einzelausstellung "A Stay Between Enclosure and Space" eingerichtet hat, versenkte dazu unzählige Magnete in den Fußboden des Museums. Durch diesen Kniff entsteht der magische Eindruck von Zeitlosigkeit und Antiphysik. "350 points à l'infini / 350 points towards eternity" lautet der Titel der Arbeit. Die aufkeimende esoterische Ausdeutung verbittet sich Trouvé bei einem Rundgang mit der Presse nachdrücklich: Um Wahrsagerei oder Geister gehe es ihr nicht, sondern darum, was architektonische Räume mit ihren Nutzern anstellen und diese umgekehrt mit dem Raum.

Ganz und gar unesoterisch war auch ein Work in Progress, das Trouvé vor reichlich zehn Jahren schlagartig über Frankreich hinaus berühmt machte. Mit dem "Bureau of Implicit Activities" einer modularen Installationslandschaft, die sich aus rund einem Dutzend thematischer Inseln zusammensetzte, die Büro, Archiv und Skulptur zugleich waren, fand Trouvé die Form einer Art installativen Aufschreibesystems, um ihren Existenzkampf als Künstlerin sichtbar zu machen. Auf handfeste Weise reflektierte sie mit dem "Bureau" ihre Erlebnisse in den ersten Jahren ihres Aufenthalts in Frankreich und machte die Widerstände gegen ihre Arbeit zum Thema; etwa die Willkür der französischen Behörden oder auch die erfolglose Suche nach einem Job, kurz nach dem Ende ihres Kunststudiums in Nizza. Wie in einem surrealistischen Fitnessstudio, in dem man die Stationen eines Trainingskreislaufs absolviert, präsentierte Trouvé Inseln, die teilweise aussahen wie verfremdete Küchenzeilen, begehbare Kleiderschränke oder dysfunktionale Sanitäreinrichtungen, deren Abflussrohre sich wie menschliche Gedärme falteten. In diesen Ausstellungsmöbeln waren dann etwa "Geheimnisse" und "Lügen" zu sehen, Kassiber, die die Künstlerin in griffige Betonformen eingegossen hatte, Ablehnungsschreiben auf Jobgesuche, eine Sammlung von Ausweisen oder "Nicht verschickte Korrespondenz"; farbige Plastiktaschen, auf deren Inhalt sich eben nur mithilfe des Titels schließen ließ.

Heute gehört Trouvé zur Riege der international erfolgreichen Künstlerinnen ihrer Generation, und die Installationen, die sie in den Museen und Galerien dieser Welt einrichtet, sind nicht mehr in dem Maße autobiografisch interpretierbar wie das "Bureau".

Doch das Spiel mit dem Unheimlichen und Klaustrophobischen ist noch immer ihr zentrales Thema. Auch in Zürich sind sie wieder da: die verschlossenen Kammern, in die man nicht hineinkommt, die hüfthohen Glastüren, die ins Nirgendwo führen, oder die kammerartigen, fensterlosen Räume, die man, weil die Eingänge viel zu niedrig sind, gebückt betritt wie Spike Jones' berühmtes siebeneinhalbtes Stockwerk in "Being John Malkovich". An den Wänden und über die Fußböden des gesamten Museums verlaufen dünne eingelassene Kupferschienen, als hätte Trouvé den ganzen Innenraum einer Häutung unterzogen und die unter der architektonischen Epidermis liegenden Nerven freigelegt.

Tatsächlich könnte man "A Stay Between Enclosure and Space" als weiteren Schritt im Work in Progress der Künstlerin verstehen, die in der biotechnologischen Gegenwart nicht mehr so sehr den modernen Gedanken verfolgt, wie sich Menschen mit der Wohnmaschine arrangieren, sondern die Frage, wie die kommenden Mensch-Maschinen in Wohn-Organismen nisten. Damit ist sie den rätselhaft-eigengesetzlichen Installationen ihres holländischen Künstlerkollegen Mark Manders näher als etwa Gregor Schneider, dessen Architekturinstallationen die Psychologie von Räumen im Sinne des Freud'schen "Unheimlichen" adressiert. Mit psychoarchitektonischen Mitteln - wie beispielsweise Verschiebungen im räumlichen Maßstab - arbeitet auch Trouvé, doch was bei ihr entsteht, könnte man eher als Lebensräume für Cyborgs begreifen. Als dystopische Gegenvisionen zu dem, was Firmen wie die Telekom gerne als "Smart Home" umschreiben: voll vernetzte Wohneinheiten, in denen technointelligente TV-Geräte, Kühlschränke und Toiletten gemeinsame Sache machen. Genau das meinte der US-Architektursoziologe Anthony Vidler, als er Anfang der Neunzigerjahre schrieb, dass sich die Bewohner zukünftiger Umgebungen an das ständige Bewusstsein physischen und psychischen Unbehagens gewöhnen müssten: "Privater Raum erweist sich nun als unendlich öffentlich, private Rituale werden für alle veröffentlicht und die Menschen wiederum mit der öffentlichen Matrix verbunden." Auch wenn die Cyborgs in Trouvés Ausstellung abwesend sind, ahnt man, dass in Zukunft nicht nur das gute alte Haus ganz und gar unheimlich sein wird, sondern auch der, der darin wohnt.

Bis 21. Februar, Migros Museum, Zürich

Eine aufkeimende esoterische Ausdeutung verbittet sich Trouvé im Rundgang nachdrücklich

Um Wahrsagerei oder Geister gehe es ihr nicht, sondern darum, was architektonische Räume mit ihren Nutzern anstellen

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!