Das taz Print-Archiv

Hier können Sie in alten taz-Ausgaben blättern:

 

  • 17.12.2009

Schlesisches Tor

Junkies in Bewegung

Spätabends am Schlesischen Tor, vor den bunt leuchtenden Schnellrestaurants, kommt es einem sehr großstädtisch vor. Gleichzeitig aber auch wie eine Inszenierung von Großstadt. Das liegt wohl vor allem an den bunten Lichtern, die alles hervorheben, und an den unterschiedlichen Leuten, die hier wie auf einer Bühne auftreten. Oder auf Plastikstühlen sitzen und schnell Pizza mit Nudeln und Döner essen. Und rauchen. Und trinken.

Eine Gruppe albernder junger Männer kommt vorbei. Einer hat ein Pappschild dabei, auf dem "5 Beck's" steht. Er geht leicht zögernd, vom Lachen seiner Freunde begleitet, zum Tresen und zeigt es dem Mann dahinter. Der gibt ihm die Biere und er ihm das Geld. In der Gruppe wird Spanisch und Deutsch gesprochen. Keine Ahnung, ob sie die Gegend eher romantisch oder wie eine einfach zu bedienende Benutzeroberfläche wahrnehmen.

Später kommt ein kleiner Junkie mit Lederjacke. Er hat einen kleinen schwarzen Hund in einem Tuch an seinen Körper gedrückt wie ein Baby. Nur das niedliche Gesicht des Hundes schaut nach draußen. Unschlüssig geht er mit dem Hund hin und her, dann zu dem Mann am Tresen, der ihm, aus Mitleid mit dem Hündchen wohl, ein bisschen Geld gibt. Später spricht der Junkie einen Passanten an und redet auf ihn ein. Vermutlich will er ihm das Hündchen verkaufen, wenn ich die Situation richtig verstanden habe.

Ein junger Libanese trägt ein Rolling-Stones-T-Shirt. Das mit der Zunge und viel Glitter. Der Junkie fragt ihn, woher er es habe, "Ostbahnhof" und ob er ihm auch so ein schönes T-Shirt besorgen könne. "Nein."

Ein anderer Junkie kommt und geht dreimal in der halben Stunde, die ich hier draußen sitze. Meist steht er an der Ampel und schaut. Er sieht aus wie der Held eines Italowesterns aus den Siebzigern; mit schwarzem Mantel und einem Blick, der mal wild gewesen war. DETLEF KUHLBRODT

Meist steht er an der Ampel

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!