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  • 27.07.2010

"1,5 Millionen Menschen darf man nicht einsperren"

ENDE DER LOVEPARADE Vier Protagonisten der Technoszene über das Desaster in Duisburg

Monika Kruse hat am Samstag aufgelegt

"Als ich aufgelegt habe, zwischen 17.20 Uhr und 17.40 Uhr, war noch nichts bekannt von dem Unglück. Es hieß, es gibt Probleme, mehr nicht. Wir sind sehr abgeschottet auf das Gelände gefahren worden, über den Tunnel rüber, wir mussten da nicht durch und ich hab ihn nur von oben gesehen. Es war wahnsinnig eng und es war wirklich extrem voll überall. Als ich wieder rausgefahren wurde, hat mir der Fahrer gesagt, dass es zehn Tote gibt. Ich war und bin immer noch schockiert. Ich habe dann die Krankenwagen gesehen und Leichensäcke.

Das Schlimmste ist, dass man es wohl vorher hätte wissen und verhindern können. Ich habe von den Warnungen nichts mitbekommen. Man geht dahin zu so einer Veranstaltung und denkt, das ist wie immer, ein offenes Gelände. Es wussten ja alle, dass da bis zu 1,5 Millionen Menschen kommen würden, da kann man doch nicht zusperren. In Berlin wurde die Loveparade ja auch wegen Sicherheitsbedenken umgelegt, vom Ku'damm in den Tiergarten. Das fanden zwar nicht alle gut, aber es war natürlich absolut sinnvoll. Und dass jetzt in Duisburg, um das Image der Stadt aufzupeppen, solche Sicherheitsfragen einfach außer Acht gelassen wurden, ist wirklich unglaublich. Ich sehe die Verantwortung ganz klar bei der Stadt und dem Veranstalter. Und bei der Polizei.

Ich habe Leute über die Zäune klettern sehen und dachte, ja, so ist das eben bei solchen Veranstaltungen. Wenn ich aber jetzt auf Bildern sehe, dass da Menschen von außen gegen die Zäune gedrückt haben und innen Panik herrschte, dann kann ich nicht verstehen, dass da nicht eingegriffen wurde. Es ist auf alle Fälle richtig, dass die Loveparade nicht mehr stattfinden wird, das wäre Leichenfledderei.

Ich weiß nicht, ob ich noch hätte weiter spielen können, nachdem klar war, dass es Tote gegeben hat. Vermutlich hätte ich es nicht gekonnt. Es war wohl die einzig sinnvolle Möglichkeit, die Veranstaltung weiterlaufen zu lassen, um Schlimmeres zu verhindern.

So was kann letztlich bei jeder Veranstaltung passieren, auch den Wildecker Herzbuben. Das hat nichts mit der Szene zu tun. Die Szene lebte schon lange nicht mehr von der Loveparade. Dass es die Parade jetzt nicht mehr geben wird, ist für die Szene nicht entscheidend, dafür war es in den letzten Jahren schon zu schwierig geworden, viele hatten sich ja schon abgewandt, weil sie zu groß und zu kommerziell geworden sei.

Ich konnte mir am Sonntag keine Nachrichten anschauen, und auch jetzt fällt es mir sehr schwer, die Bilder zu ertragen. Ich versuche, meinen Respekt den Betroffenen gegenüber zu zeigen, aber das ist schwer. Ich trauere." PROTOKOLL: FRAUKE BÖGER

Monika Kruse ist DJane und Labelbesitzerin in Berlin

DJ Hell durfte nicht auflegen

Ich bin traurig, schockiert und wütend zugleich. Wie es aussieht, haben alle gravierende Fehler gemacht. Und das Schlimmste ist ja, dass im Vorfeld schon gewarnt worden ist. Ich weiß nicht, wie man so was durchbekommt, an so einem Ort eine solche Veranstaltung zu machen. Ich kann wirklich gar nicht verstehen, wie einige meiner Kollegen danach noch weitergespielt haben. Es hätte sicher viele Möglichkeiten gegeben, die Veranstaltung zu beenden und ausklingen zu lassen, ohne weitere Risiken einzugehen. Ich hätte auf keinen Fall weitergespielt. Da muss man nicht groß drüber nachdenken. Die Veranstalter haben schon Wochen vorher entschieden, dass ich nicht auflegen soll. Weil ich schon zu oft auf der Loveparade war und mehr Abwechslung gewünscht war. Auch die Partys, die stattfanden, von EinsLive beispielsweise, finde ich mehr als fragwürdig. Ich weiß nicht, ob die Kommerzialisierung der Veranstaltung dazu geführt hat, dass Sicherheitsfragen vernachlässigt wurden, wie jetzt viele sagen. In Dortmund war alles sehr gut organisiert. Und im Endeffekt waren in Duisburg die gleichen Leute, die gleichen Teams dabei. Ich halte jetzt nichts von großen Schuldzuweisungen, wie sie Dr. Motte beispielsweise schon verbreitet. Was da passiert ist, muss sehr gründlich aufgeklärt werden, dann kann man weiter sehen. Ich weiß nicht, was das für Folgen für die elektronische Musik-Szene haben wird. Einerseits war die Loveparade natürlich einfach ein Volksfest, aber es war eben auch wichtiger Bestandteil der Szene. Ob es da jetzt neue Veranstaltungen dieser Art geben soll, kann ich nicht sagen. Da muss gut nachgedacht werden und man muss vorsichtig sein. Es fehlen ganz offensichtlich gute Konzepte, was die Sicherheit angeht. Das mit den Bauzäunen ist auf jeden Fall keine Lösung. Natürlich hat der Tunnel eine ganz unglückliche Situation geschaffen. Das hätte man vorher wissen müssen und es wurde ja auch gewarnt. In Berlin hat es immer funktioniert, da war mehr Platz, die Leute konnten immer weg. Es war immer friedlich. Die Veranstaltung einzuzäunen finde ich falsch. Ich hatte immer großen Respekt vor den großen Massen. Ich frage mich wirklich, wie das passieren kann. Da müssen jetzt alle überprüft werden - McFit, die Polizei, die Stadt, das Bauamt, das das genehmigt hat, alle. PROTOKOLL: FRAUKE BÖGER

DJ Hell, weltweit erfolgreicher Techno-DJ und Gründer des Labels International Deejay Gigolos

WestBam sagte seinen Auftritt ab

"Ich bin immer noch im Schockzustand. Zur Loveparade nach Duisburg kam ich direkt aus dem Urlaub, mein Flug hatte drei Stunden Verspätung. Als ich mein Handy nach der Landung wieder angemacht habe, hatte ich schon 30 SMS bekommen, die mich über das Fürchterliche informierten. Der Musikchef wollte mich dann überreden, doch aufzulegen. Auch die Polizei hatte die Parole ausgegeben: The show must go on. So sollte noch größeres Unglück vermieden werden.

Aber ich fand es extrem geschmacklos, in so einer Situation weiter Stimmung zu machen. Ich hatte überhaupt keine passende Musik dabei, sondern nur sehr energetische Tracks. Deshalb bin ich gar nicht erst aufs Gelände gefahren.

Ich bin kein Sicherheitsfachmann. Man muss auch vorsichtig sein mit vorschnellen Urteilen. Aber wenn man ein Areal für 300.000 Menschen hat, zu dem es nur einen Tunnelzugang gibt, durch den angeblich 1,2 Millionen Menschen strömen, klingt das sehr gefährlich. Andererseits muss man sagen, dass auch bei der Loveparade in Berlin nicht immer alles hundertprozentig sicher war. Teilweise ist es einfach Glück, dass bei Massenveranstaltungen nichts passiert. Den Veranstalter Rainer Schaller halte ich nicht für einen schlechten Menschen. Dass er wie alle zutiefst betroffen ist, nehme ich ihm ab. Er mag vielleicht manchmal va banque spielen. Dass er nun das Aus der Loveparade verkündete, war das Beste, was er machen konnte. Die Loveparade ist definitiv vorbei."

PROTOKOLL: MATTHIAS LOHR

WestBam ist einer der ersten deutschen Techno-DJs und wollte auf der diesjährigen Loveparade sein letztes DJ-Set absolvieren

Anton Waldt sah die Loveparade im Internet

Es gibt natürlich keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg und den kulturellen Phänomenen "Techno" oder "Rave". Denn das Desaster geht nicht auf die Eigenheiten der hier zelebrierten Kultur zurück, sondern auf organisatorisches Versagen, das sich auch bei einem Death-Metal-Festival, einem Megaevent der Volksmusik oder einer Sportveranstaltung hätte ereignen können.

Auch auf der symbolischen Ebene bedeutet die Tragödie der Love Parade nichts, Duisburg ist also nicht "das Altamont der Techno-Szene", wie Spiegel Online an diesem Montag forsch titelte. Denn anders als beim "Altamont Free Concert" gab es in Bezug auf die Loveparade schon lange keine Illusionen mehr, die durch die Katastrophe nun zerstört wären. Die Analogie zum Festival von 1969, bei dem die Hippies symbolisch ihre Unschuld verloren, ist im besten Fall an den Haaren herbeigezogen, eher aber schlicht unangemessen angesichts der 19 Toten und 340 Verletzten von Duisburg.

Denn dass die Loveparade schon lange eine von kommerziellen Interessen dominierte Veranstaltung ist, wussten auch die diesjährigen Besucher, und wer "den Ravern" anderes unterstellt, erklärt sie für bekloppt und tendenziell irgendwie selbst schuld. Auf den unappetitlichen Punkt gebracht wurde dieses Deutungsschema von der Ex-"Tagesschau"-Sprecherin Eva Herman, die fabulierte, dass hier "ganz andere Mächte mit eingegriffen" haben könnten, "um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen". Dem gleichen Muster - wenn auch deutlich abgeschwächt - folgt die TV-Berichterstattung nach der Katastrophe, in der teilweise so penetrant von "Ravern" die Rede war, dass sich der Eindruck aufdrängen musste, es handele sich dabei um einen ganz besonderen Menschenschlag, der für ein bisschen Spaß routiniert auch die eigene körperliche Unversehrtheit aufs Spiel setzt.

In dieser Logik musste "so was" dann wohl früher oder später passieren. Andersrum formuliert, aber wiederum demselben Muster folgend, hört sich das Klischee vom hirnlosen Raver dann so an: "Das ist vielleicht die einzige gute Nachricht von diesem Wochenende in Duisburg: dass der kommerzielle Massenwahn keine Zukunft hat", so das Fazit einer "Spiegel TV"-Reportage. Aber es war eben kein "Wahn" spaßfixierter "Raver", der die verheerende Massenpanik auslöste, sondern nur ganz normale Schlamperei bei der Durchführung einer Großveranstaltung - ein ähnliches Desaster beim Public Viewing zur WM könnte wohl kaum auf den "Fußballfanatismus der deutschen Fans" zurückgeführt werden.

ANTON WALDT

Anton Waldt ist Chefredakteur von "De:Bug, Magazin für elektronische Lebensaspekte"

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