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  • 01.06.2011

Erinnerungsreisender wider Willen

KINO In Duncan Jones' "Source Code" nimmt Jake Gyllenhaal in einem explodierenden Zug Platz - mehrmals hintereinander

VON THOMAS GROH

Chesney Hawkes hat zurzeit allen Grund, dem Regisseur Duncan Jones dankbar zu sein: In dessen Debütfilm "Moon" hob Hawkes' einziger Hit "I Am the One and Only" den Monderemiten Sam Rockwell aus dem Schlaf, in Jones' zweitem Film, "Source Code", findet der emphatisch-debile Refrain nun markante Verwendung als Klingelton. "I Am the One and Only" markierte 1991 das letzte große Aufbäumen der langen 80er-Jahre, bevor Nirvana den Schlussstrich unter das Konzept des engelsgesichtigen Poprock zog, und wird schon wegen des infantilen Beharrens auf dem eigenen Individuellen zur nächstliegenden motivischen Signatur von Duncan Jones: Seine Filme erzählen, so viel lässt sich schon jetzt konstatieren, vom verzweifelten Krisenmanagment des Subjekts, dem die Parameter zur Selbstversicherung der Identität in einer hypertechnologisierten Welt abhandengekommen sind.

Im Körper eines anderen

In "Moon" muss Sam Rockwell als einziger Arbeiter auf einer Mondstation erkennen, dass er als Genklon mit eingebautem Verfallsdatum und eingepflanzten Erinnerungen aus dem Leben seines Originals versehen ist. In "Source Code" findet sich Jake Gyllenhaal alias Colter Stevens unvermittelt auf einer Zugreise nach Chicago im Körper eines anderen wieder, wie ihm nicht nur sein unbekanntes Gegenüber Christina (Michelle Monaghan), sondern auch der Blick in den Spiegel bestätigt. Noch bevor die verwirrende Situation geklärt ist, zerreißt eine Explosion den Zug - ein terroristischer Anschlag, keine Überlebenden.

Oder doch? Stevens jedenfalls erwacht im trostlosen Innern einer Art Taucherglocke, voll eingespannt in einer für ihn zunächst nicht durchschaubaren, doch mit militärischer Dringlichkeit durchgeführten experimentellen Anordnung: Der Anschlag war real, hat sogar gerade erst stattgefunden, Stevens hingegen ist Soldat aus Afghanistan und wider Willen Erinnerungsreisender in einem sensuell rekonstruierten Nachbild der Gehirnwellen eines der Anschlagsopfer. Eine Technologie namens Source Code ermöglicht es, sich als Avatar frei durch eine vergangene Erinnerungswelt zu bewegen und mit dieser zu agieren, wenngleich das wiederholt rekonstruierbare Zeitfenster maximal acht Minuten umfasst.

Stevens' Missionsziel: Ausfindigmachen der Bombe sowie Identifizierung des Attentäters, um die Behörden mit den nötigen Informationen zur Verhinderung eines weiteren Anschlags in der Stadt zu versorgen.

Mit Plausibilisierungen des ohnehin hanebüchenen Settings - wie sollte es einer Archäologie der Erinnerung möglich sein, zuvor darin nicht hinterlegtes Wissen als Erkenntnis ans Tageslicht zu bringen? - hält sich Jones zum Glück nicht auf. Darin unterscheidet er sich vom heiligen Ernst eines Christopher Nolan, der im vergangenen Jahr mit dem nicht ganz unähnlichen "Inception" ziemlich kalte Suppe als große Metaphysik verkaufen wollte. Wie Philip K. Dick in seinen besten Stories konzentriert sich Jones nicht auf das "Wie" seines Gedankenexperiments, sondern auf die Konsequenzen: Im wiederholten Durchlauf der traumatisierenden Erfahrung eines gewaltsamen Todes beginnt Stevens nicht nur, Sympathien für die todgeweihten Menschen im Zug auszubilden, nach und nach stellt sich ihm auch die Frage nach der Verlässlichkeit seiner Deutungshoheit über den Status seiner eigenen Realität.

Der unzuverlässige Spiegel

In den verzerrenden Widerspiegelungen von Anish Kapoors Chicagoer Skulptur "Cloud Gate" findet die Figur schließlich glückselige Erlösung: Das Spiegelbild wird fluide, unzuverlässig - eine äußere Zuschreibung ohne jeden Wert für das Individuum davor. Identität wird zu einer Angelegenheit des erlebten Moments, nicht mehr der Essenz. In "Moon" besteht Sam Rockwells Figur auch als Klon auf der Realität seiner eigenen Empfindungen, in "Source Code" löst sich Gyllenhaals Figur im systemüberschreitend Amorphen auf. Duncan Jones' Projekt mag von Kitsch und Sentiment nicht völlig frei sein, einen aufrichtigen Humanismus aber hat es, in seiner Ungebrochenheit Chesney Hawkes' One-Hit nicht unähnlich, durchaus im Sinn.

"Source Code". Regie: Duncan Jones. Mit Jake Gyllenhaal, Michelle Monaghan u. a. USA/Frankreich 2011, 93 Min.

Zum Glück hält sich Jones nicht damit auf, sein hanebüchenes Setting plausibel zu machen

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