Das taz Print-Archiv

Hier können Sie in alten taz-Ausgaben blättern:

 

  • 26.10.2011

"Dann knallt einem das Ding um die Ohren"

MUSIKREGIE Eine der schönsten Inszenierungen an der Staatsoper Berlin ist Alban Bergs "Wozzeck". Ein Gespräch mit der Regisseurin Andrea Breth über Büchners Wortkompositionen, Filmdramaturgie, Klippen der Inszenierung und die Wiederaufnahmeproben

INTERVIEW NIKLAUS HABLÜTZEL

taz: Frau Breth, Roman Trekel, der Wozzeck der Premiere, ist krank geworden.

Andrea Breth: Das heißt, dass wir seit Dienstagabend klotzen wie die Wahnsinnigen.

Was ist denn so schwer an dieser Figur?

Sie ist mental, aber vor allem psychisch sehr anstrengend, wenn man sie ernst nimmt. Dann geht das sehr tief an die Gefühle, und wenn man sich auf die einlässt, ist es nicht angenehm. Man kann es natürlich auch lassen und einfach schön singen, aber das ist weder im Sinne von Büchner noch im Sinne von Berg. Der will das ja nicht immer nur schön gesungen zu haben. Das unterscheidet sich gar nicht so sehr vom Schauspiel - und insofern ist eine Schauspielregisseurin vielleicht ganz nützlich für die Sänger. Ich würde den Wozzeck auch gar nicht "Oper" nennen. Es ist Musiktheater.

Das ist in ein stark ideologisch belastetes Wort. Warum ist "Wozzeck" keine Oper?

Ich hab davon eine andere Vorstellung - und ich kann das gar nicht! Ich hab die Vorstellung, dass man in der Oper nur mit Stand-bys arbeitet, weil diese Superstars mal vier Tage vorher vorbeikommen und meinen, die Sache sei damit erledigt. Wahrscheinlich interessiert die gar nicht, worum es inhaltlich geht, und außerdem sitzen diese raffgierigen Agenturen dahinter, die wollen, dass ihr Sänger in der Zeit, in der die anderen ackern, vielleicht auch noch eine Modenschau macht.

Das ist der Opernbetrieb. Reden wir über das Stück von Alban Berg. Warum ist das keine Oper?

Es gibt nur zwei Arien. Beide hat die Marie. Die anderen haben keine Arien. Wenn nun auch noch der erste Handwerksbursch schön singt, ist alles kaputt. Warum sollte der schön singen? Diese Figur ist so was von betrunken, der Sänger muss das in die Stimme hineinnehmen - und es ist auch so komponiert.

Büchners Theaterstück haben Sie nie inszeniert.

Es hat mich nicht interessiert, weil ich die Oper kannte. Berg hat ein so tiefes Verständnis für Büchner, und seine Fassung des Textes ist die beste, die es gibt. Sie ist genial, und ich hab mir gesagt, wenn ich "Wozzeck" überhaupt mache, dann nur die Oper. Diesen Wunsch hat mir Daniel Barenboim freundlicherweise erfüllt.

Beklagen können Sie sich ja nun wirklich nicht.

Nein, keine Sekunde. Es ist wundervoll mit diesen Sängern und Daniel Barenboim.

Ihre Inszenierung hat Pausen, in denen die Bühne schwarz ist und nur das Orchester spielt.

Das steht bei Berg so.

Zu sehen war das bisher nie.

Das halte ich für einen absoluten Fehler. Auch ich habe das Stück ohne Vorhang zwischen den Szenen gesehen, den Berg vorschreibt, und fand, dass es lang wird und an Aggressivität verliert, weil man irgendetwas stumm dazwischen inszeniert. Aber was soll das sein? Ich habe alles Mögliche versucht, fand es blöd und hab dann noch mal genau nachgeschaut: Der schreibt das Tempo für den Vorhang vor! Und wenn man das macht, dann knallt einem das Ding um die Ohren. Was soll man denn zum Beispiel am Schluss zu diesen 3 Minuten 24 Sekunden wunderbarer Musik machen? Man nimmt sie nicht zur Kenntnis, wenn ich dazu irgendwelche Schmonzetten inszeniere. Nicht dass ich das nicht kann, aber das ist schon bei Büchner fast geschrieben wie eine Filmdramaturgie. Ein Stationendrama, sehr holzschnittmäßig. Das hat es vorher nicht gegeben, das ist eine Erfindung von Büchner, und Berg war ja ein Filmfreak, der ging dauernd ins Kino und hat diese Dramaturgie sehr trickreich übernommen. Die Dauer des Vorhangs ist sekundengenau angegeben. Für mich war das eine richtige Beglückung: Dann machen wir das doch genau so!

"Der Mensch ist ein Abgrund", singt Wozzeck, "es schwindelt einen, wenn man hinabschaut." Bei Ihnen hat es mich nicht geschwindelt …

… dann habe ich etwas falsch gemacht!

Nein, im Gegenteil. Ihre klar abgegrenzten Einzelszenen schaffen Distanz und zwingen zu einem sehr genauen Blick. Es sind schockierende Beobachtungen, aber es geht nicht um moralische Urteile, auch der Hauptmann und der Doktor sind nicht nur böse.

Aber was macht der Doktor mit Wozzeck? Berg wusste aus dem Krieg, was es bedeutet, wochenlang nur Bohnen zu essen. Das ist doch furchtbar, das ist Mengele, der KZ-Arzt!

Was macht Wozzeck mit Marie?

Ja, was macht er mit ihr, kurz vor dem Mord? Es ist die längste Szene, sie braucht sehr viel Zeit, und ich finde, es ist der Versuch einer Liebesszene. Würde sie doch sprechen! Er macht ihr dauernd Angebote. Man kann das natürlich spielen wie einen Hitchcock: "Na, wie lang ist es denn her, dass wir uns kennen?" Aber das fände ich langweilig. Er gibt ihr Chance für Chance, und ich glaube nicht, dass er sie abholt im Bewusstsein, sie umbringen zu wollen. Dann müsste er nicht so viel mit ihr reden. Er würde mit ihr in die Ecke gehen. Das kann man wunderbar inszenieren: Sie ist tot, er sagt etwas oder auch nicht und geht ab. Aber warum nimmt sich Büchner - wie auch Berg - so irrsinnig viel Zeit? Es ist sehr, sehr zart. "Was hast du, Franz?" "Nix" - dann eine lange Pause - und dann erst ist Schluss.

Genau das ist bei Ihnen überaus klar zu sehen und zu hören. Trotzdem fehlt die sonst übliche Anklage gegen die Gesellschaft. Der Hauptmann und der Doktor sind lächerliche arme Teufel, die keinen vernünftigen Satz zustande bringen.

Ich wollte keine Karikaturen haben, aber ich habe wirklich bis heute nicht begriffen, warum Büchner den beiden einen solchen Raum gibt. Der Hauptmann ist ein Hypochonder, aber auch wirklich krank, und der Doktor hat seine fixen Ideen. Es sind traumatische Bilder. Gießen, dieses kleinkarierte Deutschland mit seinen Grenzen. Das dreht sich alles im Kreis. Warum sagt der Hauptmann dauernd: "Langsam"? Weil er niemanden zum Reden hat, außer dem Wozzeck. All diese Gemeinheiten sind minim, und ich glaube, dass es die Aufgabe des Theaters ist, gerade das zu zeigen.

Ihre Inszenierung ist so logisch zwingend, als hätten Sie dieses Stück unbedingt auf die Bühne bringen müssen. Warum?

Es war nicht nur die liebenswürdige Frage von Daniel Barenboim, was ich denn nach "Eugen Onegin" mit ihm gerne machen möchte. "Wozzeck", habe ich gesagt, obwohl er den mit Patrice Chéreau schon gemacht hatte. Er war trotzdem einverstanden. Das war vor vier Jahren, aber der Wunsch ist noch älter. Das eine ist diese Geschichte einer grauenhaften Welt, die für mich übertragbar ist als Lebensgefühl. Der Kosmos eines so großen Kunstwerkes ist immer gültig. Man kann auch nicht fragen, warum man den "Don Giovanni" macht. Man kann es ein Leben lang versuchen und wird es nie erreichen. Das andere ist eine formale, ästhetische Frage. Wie erwischt man das, was da sprachlich wie musikalisch komponiert ist? Ich habe den Sängern heute gesagt, dass es die Noten auch im Text gibt. Wie oft kommt das Wort "glänzend" vor? Oder "Stille": Erst ist es "kurios still", dann "ganz still". Das sind schon bei Büchner Wortkompositionen. Die Sprache interessiert mich sowieso schon unglaublich, und wenn nun noch ein Komponist wie Alban Berg diese Sprache so tief empfindet und auskomponiert, habe ich das Gefühl, dass ich mit Sprechtheater nicht so weit kommen kann. An diesen Miniaturen könnten wir jetzt noch wochenlang herumdoktern. Aber dafür haben wir keine Zeit.

Nein, auf dem Spielplan steht schon "Lulu". Ist das auch so ein Wunsch von von Ihnen?

Das hat mit der Freundschaft zu Daniel Barenboim zu tun. Er hat mir großzügigerweise den "Wozzeck" geschenkt und möchte nun selber sehr gerne "Lulu" mit mir machen. Das wird sehr schwierig, aber ich werde mir etwas einfallen lassen.



Andrea Breth

 Andrea Breth, 1952 geboren, heute vor allem am Wiener Burgtheater tätig, war zunächst als Regisseurin auf zahlreichen renommierten Bühnen des Sprechtheaters erfolgreich. Von 1992 bis 1997 leitete sie die Berliner Schaubühne. Seit dem Jahr 2000 inszeniert sie auch Opern.

 Mit Bergs "Wozzeck" sorgte sie in diesem Frühjahr für einen Höhepunkt an der Berliner Staatsoper. Die Presse war begeistert, aber weil die Inszenierung im Rahmen der sogenannten Festtage gezeigt wurde, fanden nur wenige Vorstellungen zu massiv überhöhten Eintrittspreisen statt. Ziemlich verärgert über diese Politik, sorgte Andrea Breth dafür, dass Arbeitslose die Generalprobe kostenlos besuchen konnten. Heute, am Freitag und am Samstag kehrt Andrea Breths "Wozzeck" nun für drei Vorstellungen nach Berlin zurück - zu den normalen Eintrittspreisen zwischen 84 und 37 Euro.

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!