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  • 02.11.2009

Gesucht: neue Olympioniken

BOXEN Bei den deutschen Meisterschaften in Berlin ist das Niveau ernüchternd, denn die hoffnungsvollsten Amateure erliegen schnell dem Lockruf des Geldes und werden Profi

AUS BERLIN NICOLAS SOWA

So viele Pokale gab es wohl nur selten an einem Abend zu gewinnen. Satte 44 Stück wurden am Sonnabend in der Charlottenburger Sömmeringhalle bei den deutschen Amateurmeisterschaften unter die Sportler gebracht. In elf Gewichtsklassen bekamen jeweils die ersten vier einen. Gleich vier Siegerpokale blieben dabei in der Hauptstadt. Entsprechend euphorisch zeigte sich auch der Präsident des Berliner Boxverbands Peter Miesner: "Das ist sensationell. Ich kann mich nicht erinnern, dass es das schon einmal gegeben hat." Der Landespräsident war aber einer der wenigen, der Grund zum Jubeln hatte. Beim Deutschen Boxsportverband (DBV) zog man ein eher nüchternes Fazit. "Es waren durchschnittliche Meisterschaften und keine besondere Steigerung erkennbar", sagt DBV-Präsident Jürgen Kyas.

Die Analyse verwundert ein wenig, herrschte doch vor wenigen Wochen noch Eitel Sonnenschein im deutschen Amateurboxsport. Im September bei der Weltmeisterschaft in Mailand hatte Jack Culcay-Keth die 14-jährige Flaute des DBV beendet und eine Goldmedaille gewonnen. Es schien wieder aufwärtszugehen. Der Verband genoss die wiedergewonnene Aufmerksamkeit und wollte sich mit dem gebürtigen Ecuadorianer bei den nationalen Titelkämpfen in Berlin schmücken. Doch der 24-Jährigen sagte kurzfristig ab. Die offizielle Begründung hieß: Trainingsrückstand nach dem Urlaub. Dass Culcay-Keth, der zuletzt in der Bundesliga für den deutschen Meister Hertha BSC antrat, nicht einmal in der Halle erschien, erzürnte den Präsidenten dann aber gewaltig: "Er hatte mir zugesagt, dass er kommt, aber nicht einmal telefonisch hat er abgesagt."

Vermutlich wird er den Weg gehen, den schon viele vor ihm gegangen sind und in das Profilager wechseln. Es soll wohl schon Verhandlungen mit dem Universum-Boxstall gegeben haben. Gerade erst zum Helden stilisiert und schon wieder weg. Für den Boxverband kein neues Dilemma. Immer wieder wagen gute Boxer den Sprung zu den Profis.

"Das ist für uns sehr frustrierend. Wir investieren viel in die jungen Leute, auch im sozialen Bereich", sagt Jürgen Kyas. Als Amateur verdienen sie aber kaum Geld. "Da braucht nur einer mit dem Geldschein zu winken, und schon ist er weg."

Abhilfe könnte eine Initiative der International Boxing Association (Aiba) bringen. So soll künftig ein fester Stamm von Boxern ihre nationalen Meister küren, die dann gegen die Meister anderer Verbände antreten würden. Die Boxer würden Verträge bekommen und könnten mehr Geld verdienen, den Status des Amateurs aber behalten. Jürgen Kyas unterstützt das Vorhaben: "Das ist die einzige Chance, die Abwanderung unserer Sportler zu stoppen."

Noch ist nichts konkret, aber die Planungen laufen und könnten den deutschen Amateurboxsport retten. Denn der ist durchaus eine gute Schule. Profiboxtrainer Ulli Wegner, der sich die Wettkämpfe in Charlottenburg ansah, legt viel Wert auf eine gute Ausbildung. "Ein guter Profi braucht eine gute Amateurlaufbahn, wie Sven Ottke oder Markus Beyer", sagt er. Vor allem im taktischen Bereich lerne man in dieser Zeit viel. Für den Trainer des Sauerland-Boxstalls wechseln viele zu früh in das Profilager. "Die denken, da gibt es viel Geld", sagt er.

Doch bis ganz nach oben schaffen es nur die wenigsten. Deshalb kann Wegner auch Jack Culcay-Keth nicht verstehen. "Der größte Traum eines Sportlers ist doch Olympia", sagt er. Würde Culcay-Keth Profi, dürfte er nicht mehr in London 2012 antreten. Zudem hätte der Boxverband eine wirkliche Goldhoffnung verloren. Es gibt zwar genügend Talente im Land, die meisten sind aber noch zu jung, um für London in zwei Jahren infrage zu kommen. "Im Moment befindet sich das deutsche Amateurboxen in einer Übergangsphase", sagt Wegner.

Deshalb muss erst einmal ein schmächtiger kleiner Bursche die Hoffnungen hochhalten. Der Chemnitzer Fliegengewichtler Ronny Beblik hatte bei der WM immerhin Bronze gewonnen. Und ihm schien die WM nicht in den Knochen zu stecken. "Es waren ja noch sechs Wochen Zeit, und ich wollte nicht zu Hause rumgammeln", sagte er.

In Berlin wurde der Bundeswehrsoldat seiner Favoritenrolle gerecht und gewann mit 6:2 locker sein Finale. Die Gefahr, dass er auch zu den Profis wechselt, ist gering. "Meine Gewichtsklasse ist nicht medienwirksam genug", sagt er. Niemand interessiert sich für das Fliegengewicht. "Das Publikum will schlagkräftige Boxer sehen", sagt Verbandssprecher Alexander Mazur. Der sieht im Profiboxen ohnehin eine unheilvolle Entwicklung: "Es geht nicht mehr um Technik, sondern um Sensation und Brutalität."

Eben erst zum Helden stilisiert und schon wieder weg: für den Boxverband kein neues Dilemma

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