Das taz Print-Archiv

Hier können Sie in alten taz-Ausgaben blättern:

 

  • 09.10.2010

Unglaubliche Berliner Energiefelder

HANDBALL Die Füchse Berlin führen ungeschlagen die Tabelle an und brüskieren den erfolgsverwöhnten Geldadel der Liga

AUS BERLIN JOHANNES KOPP

Das Training soll wie immer hart gewesen sein. Das versichert direkt danach jedenfalls Torsten Laen, der Kapitän des überraschenden Tabellenführers der Handball-Bundesliga. Sonderlich erschöpft schaut der Abwehrorganisator der Füchse Berlin aber nicht aus. Im Gegenteil. Und immerzu spricht der 30-jährige Däne von Energie. Von dieser Kraft, die man nach Erfolgen verspürt, die einen gar leichtfüßig zum schweißtreibenden Training gehen lässt und die einen unerschrocken macht gegenüber den nächsten Aufgaben. Am Sonntag erwartet man in der ausverkauften heimischen Schmelinghalle den TV Großwallstadt.

Selbst der deutsche Nationaltorwart Silvio Heinevetter, der ansonsten betont lässig auftritt, wirkt ein wenig aufgekratzt. Ständig, so erzählt er, würden ihm die Leute auf der Straße sagen, wie "geil" sie es fänden, dass Berlin ganz oben steht in der Tabelle. Und er sagt: "Ich hoffe, dass diese Euphorie auch auf die Sponsoren überschwappt. Das können Sie ruhig aufschreiben." Da sind wirklich besondere Energiefelder in Berlin am Wirken, wenn gar Heinevetter zum emsigen Akquisiteur wird. Was ist passiert?

Die ersten vier Saisonsiege der Füchse waren ja noch eingeplant. Mit Hannover, Lübbecke, dem DHC Rheinland und Melsungen standen Gegner auf dem Spielplan, die ein Team, das einen Europacup-Platz als Ziel ausgegeben hat, besiegen muss. Doch nach der Pflicht folgte eine Kür mit höchsten Schwierigkeitsgraden, deren Bewältigung niemand den Berlinern zugetraut hatte. Zuerst hebelte das Team von Trainer Dagur Sigurdsson den deutschen Meister der letzten sechs Jahre, den THW Kiel, mit einem 26:23-Erfolg aus. Und deren hartnäckigsten Widersacher in der Vergangenheit, die Hamburger und die Flensburger, bedankten sich, wie Heinevetter berichtet, via SMS freudig bei den Berlinern. "Wobei die Flensburger", ergänzt er dann genüsslich, "haben sich eine Woche später nicht mehr so gefreut." Auch sie verloren gegen die Berliner (25:26) - und das vor eigenem Publikum. Derartige Überraschungen kommen in der Handball-Bundesliga fast so selten vor wie mit dem Fuß erzielte Tore.

Trotz ihrer europäischen Ambitionen verfügen die Füchse nicht einmal über einen halb so großen Etat wie die Kieler mit ihren 9,5 Millionen Euro. Und daran erinnert Manager Bob Hanning gerne, wenn er sagt: "Wir werden den Blick für das Machbare nicht verlieren." Vor fünf Jahren kam er nach Berlin, als dem damaligen Zweitligaklub die Insolvenz drohte. Seitdem führte er den Verein Schritt für Schritt nach oben. Hannings Machwerk vermittelt den Eindruck, man könne sportlichen Erfolg doch am Reißbrett planen. Aus der Handballdiaspora ist ein Standort mit Anziehungskraft geworden. "Mittlerweile", behauptet Hanning, "bekommen wir jeden Spieler, den wir wollen. Wir müssen nur schauen, ob wir ihn uns auch leisten können." Anders als die reicheren Vereine hätte man weder ein Mäzen noch ein Großsponsor an seiner Seite. Das verpflichte zu maßvollem Handeln.

Aber die Siege gegen gleich zwei Branchenführer der Liga lassen aufhorchen. Die bislang streng gezügelte Aufstieg nach oben könnte an Dynamik gewinnen. Hanning räumt ein: "So eine Beschleunigungsspur kann schon echt helfen." Die Erfolge vereinfachen fraglos die Sponsorensuche.

Torsten Laen warnt allerdings vor allzu viel Dynamik: "Das ist doch ein Superkurs hier. Es wird auf Kontinuität geachtet. Jedes Jahr werden drei neue Spieler integriert, nicht mehr." Für diese Saison hat sich der Klub bewusst auf die Verstärkung der Abwehr konzentriert. Die Neuzugänge, der Kroate Denis Spoljaric, der Isländer Alexander Petersson und der Deusche Sven-Sören Christophersen, sind zwar alle Nationalspieler, aber Kapitän Laen sagt, es sei schon überraschend, wie schnell sich die drei eingegliedert hätten. Da auch noch Heinevetter in der Form seines Lebens spielt, stellen die Füchse derzeit die beste Abwehr der Liga. Für die Fortsetzung des bisherigen Kurses der Kontinuität hat Hanning diese Woche noch ein Zeichen gesetzt. Er verlängerte den Vertrag mit Trainer Sigurdsson um zwei weitere Jahre bis 2013. Hervorragende Arbeit bescheinigt er seinem sportlichen Leiter. Hanning gefällt besonders, dass dieser keine Scheu hat, eigene Nachwuchstalente wie Johannes Sellin (19) und Colja Löffler (21) aufs Feld zu schicken. Heinevetter beschreibt den Trainer als akribischen, aber ruhigen Typen: "Das ist kein richtiger Isländer, der ist nicht so eine richtige Kante wie der Kieler Coach Alfred Gislason. Der ist nicht so ein Barbar."

Sigurdssons Hauptverdienst sei es, dass er sich aus dem Innenleben der Mannschaft heraushalte und die dort entstandenen Hierarchien nicht durcheinanderbringe. Im Team würde gerade alles bestens zusammenpassen, sagt Heinevetter. Aus seiner Sicht wird die allseits spürbare Energie der Füchse also aus dem Innenleben der Mannschaft gespeist. Jedenfalls kann man diese Energie in der vom Geldadel geprägten Liga als neuartig bezeichnen. Mal sehen, ob sie sich als nachhaltig erweist.

"So eine Beschleunigungsspur kann schon echt helfen"

Bob Hanning, Manager der Füchse, will jetzt noch mehr Geld für sein Handballteam beschaffen

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!